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„Schüler sollten grundlegende Zusammenhänge der Wirtschaft verstehen“

In vielen Bundesländern spielen wirtschaftliche Aspekte im Schulalltag kaum eine Rolle. Die Initiative wigy e.V. will dies ändern. Denn für den Verein hat ökonomische Bildung eine zentrale Bedeutung, um Schülerinnen und Schüler auf die „Bewältigung von gegenwärtigen und zukünftigen Lebenssituationen vorzubereiten“.
„Schülerinnen und Schüler sollten Grundlogik der Wirtschaft verstehen“
Prof. Hans Kaminski ist Mitbegründer von wigy e.V.

Neben Mathe, Sport, Chemie und Deutsch ist an vielen Schulen kaum noch Platz für das Unterrichtsfach Wirtschaft. Dieses sollte jedoch laut der Initiative wigy e.V. keinesfalls vernachlässigt werden. Für sie hat ökonomische Bildung zum einen Allgemeinbildungscharakter und ist zum anderen ein wichtiger Bestandteil für ein selbstbestimmtes Leben.

Dabei geht es nicht um komplexe Zusammenhänge, sondern vielmehr um „das kleine Einmaleins der Wirtschaft“, erklärt Prof. Dr. Dr. h. c. Hans Kaminski. Er ist Leiter des Instituts für Ökonomische Bildung in Oldenburg und Mitbegründer der Initiative „Wirtschaft & Gymnasium“, aus der sich der wigy e.V. gegründet hat. Wie genau wirtschaftliche Themen in den Schulalltag integriert werden können und welche bildungspolitischen Änderungen er sich auf Bundesebene wünscht, schildert Prof. Kaminski im Interview mit finanzen.de.

Seit rund 25 Jahren setzt sich der wigy e.V. für mehr ökonomische Bildung an Schulen ein. Wie hat sich diese seitdem entwickelt?

Prof. Hans Kaminski: Die Initiative Wirtschaft und Gymnasium ist wohl deshalb ein Erfolgsmodell geworden, weil Lehrkräfte aus Schulen, Organisationen, Institutionen, Unternehmen und das Institut für Ökonomische Bildung ein Kooperationsmodell bildeten. Dabei wurde konsequent vom Ende, das heißt von den Schülern her, gedacht, wie diese auf die Bewältigung von gegenwärtigen und zukünftigen Lebenssituationen vorzubereiten sind.

Insgesamt hat sich die Diskussion zur ökonomischen Bildung in den allgemeinbildenden Schulen in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich verstärkt. Die Akzeptanz aus bildungstheoretischer Sicht beziehungsweise die Anerkennung ihres Allgemeinbildungscharakters hat zugenommen.

Welche Bedeutung hat der Wirtschaftsunterricht für Schülerinnen und Schüler?

Prof. Hans Kaminski: In unserem Verständnis ist ökonomische Bildung

  • Allgemeinbildung,
  • Bildung für alle Kinder und Jugendlichen sowie
  • ein Beitrag zum selbstbestimmten Handeln im Alltag als Verbraucher, Erwerbstätiger, Wirtschaftsbürger, Kreditnehmer oder Anleger.

Sie gibt Auskunft über Handeln unter Knappheitsbedingungen. Ständig werden auch die Schüler mit Knappheit konfrontiert – bei der Jobsuche, an der Tankstelle, beim Einkaufen. Wer im Alltag selbstbestimmt agieren will, wer die Welt verstehen und mitgestalten will, der muss die Grundlogik der Wirtschaft verstehen.

Wie sollte der Wirtschaftsunterricht in Ihren Augen aussehen und worauf sollten Schulen und Lehrkräfte im Hinblick auf die wirtschaftliche Bildung achten?

Prof. Hans Kaminski: Es geht vor allem um grundlegende Zusammenhänge von Wirtschaft und Gesellschaft. So sollte beispielsweise ein Schüler wissen, welche Aufgaben ein privater Haushalt hat oder was grundlegende Zielsetzungen von Unternehmen sind, welche Funktionen der Staat im Wirtschaftsprozess hat oder welche Bedeutung internationale Wirtschaftsbeziehungen haben.

Wer zum Beispiel über den Brexit mitreden will, sollte wenigstens zwischen einer Zollunion und einer Freihandelszone unterscheiden können. Wir reden hier über das kleine Einmaleins der Wirtschaft und darüber, Zusammenhänge zu verstehen und Einordnungen vornehmen zu können.

Sie stellen viele Unterrichtsmaterialien für Lehrkräfte bereit und arbeiten ebenfalls mit dem Projekt „Handelsblatt macht Schule“ zusammen, bei dem das Wirtschaftsmagazin aktuelle Artikel zur Verfügung stellt. Wie wird Ihr Angebot von Schulen und Lehrkräften angenommen?

Prof. Hans Kaminski: Der wigy e.V. hat knapp 1.000 Mitglieder aus der gesamten Bundesrepublik, die vor allem die Aktualität und die didaktische Aufbereitung unserer Materialien schätzen – dazu zählen auch die täglich aufbereiteten Handelsblatt-Artikel. Hinzu kommen jeden Tag zahlreiche Downloads von Nichtmitgliedern, da beispielsweise die Handelsblatt-Artikel frei auf unserer Seite zur Verfügung stehen. Regional stehen wir den Lehrkräften und Schulen vor allem mit unseren Praxiskontakten und Wirtschaftslehrertagungen zur Verfügung, welche gerne angenommen werden.

Das Thema Bildung ist größtenteils Ländersache. Gibt es Bundesländer, die im Hinblick auf die ökonomische Bildung als Vorreiter anzusehen sind?

Prof. Hans Kaminski: Hier gibt es deutliche Unterschiede zwischen Sekundarstufe I und II, aber mein eigenes Bundesland ist relativ weit vorn: Niedersachsen hat Wirtschaft als eigenes Unterrichtsfach in den verschiedenen Schulformen der Sekundarstufe I und das Fach Politik/Wirtschaft an Gymnasien. Das gibt es in dieser Konsequenz nur noch ganz neu seit dem Schuljahr 2016/2017 in Baden-Württemberg mit dem Pflichtfach „Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung“. Weiterhin gibt es offensichtlich Planungen des Landes Nordrhein-Westfalen, ebenfalls das Fach Wirtschaft einzuführen.

Angenommen Sie hätten einen Wunsch an die Landesregierungen frei. Was wäre die wichtigste Änderung im Hinblick auf die wirtschaftliche Bildung, die Sie sich wünschen würden?

Prof. Hans Kaminski: Den bildungspolitischen Flickenteppich in der Bundesrepublik aufzulösen. In jedem Bundesland sind Studiengänge für ökonomische Bildung zu etablieren, die auf das allgemeinbildende Schulsystem abzielen sowie Lehrpläne für „Wirtschaft“ zu entwickeln, die für ganz Deutschland gelten. Denn der Wirtschaftskreislauf ist im Saarland kein anderer als in Bayern oder Thüringen; die Grundkenntnisse wirtschaftlicher Abläufe unterliegen nicht dem Bildungsföderalismus.

Die Notwendigkeit ökonomischer Grundkenntnisse ist unabhängig von den höchst „feinsinnigen“ Unterscheidungen im Bildungsföderalismus. Und als Sofortmaßnahme sollten internetbasierte Qualifizierungssysteme bereitgestellt werden, die den hohen Anteil fachfremd erteilten Unterrichts in Deutschland verringern und auch gleichzeitig geeignet sind, an digitalisierte Lernformate heranzuführen.

Vielen Dank für das Interview, Prof. Kaminski.