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Einsatz für fahrradfreundliches Kassel: Initiative nimmt Fahrt auf

Vor drei Jahren begannen die Bemühungen des Volksentscheids Fahrrad für einen sicheren Radverkehr, die Mitte 2018 im Berliner Mobilitätsgesetz mündeten. Das Geschehen in der Hauptstadt gilt daher als „Initialzündung für ein Umdenken“, sagt Robbin Meisel vom Radentscheid Kassel. Die Initiative hat gerade selbst sehr erfolgreich Unterschriften für ein Bürgerbegehren gesammelt.
Radentscheid Kassel: Radler haben endlich ernst zu nehmende Stimme
Robbin Meisel ist Mitinitiators des Radentscheids Kassel

Mitte des Monats überreichte der Radentscheid Kassel mehr als vier Mal so viele Unterschriften als benötigt für ein Bürgerbegehren an Oberbürgermeister Geselle. Das Ziel des Begehrens ist eine fahrradfreundlichere Stadt. Dazu hat der Radentscheid acht Forderungen erarbeitet. Damit er gesellt sich in eine Reihe von Initiativen, die sich derzeit in verschiedenen Städten und Bundesländern für eine bessere Radverkehrsinfrastruktur einsetzen.

Viele Unterstützer in Kassel stecken einen großen Teil ihrer Zeit in das Bündnis. Der große Erfolg der Unterschriftensammlung „war für viele der Lohn der monatelangen Arbeit“, berichtet Robbin Meisel, Mitinitiator des Radentscheids Kassel. Wie es nun weitergeht, welche Vorurteile ihm beim Sammeln der Unterschriften begegnet sind und welche Rolle die anderen Radentscheide spielen, erzählt Meisel im Interview mit finanzen.de

Ihr Ziel, die Radwege in Kassel sicherer zu machen, ist auf großen Zuspruch getroffen. Was war die schönste Reaktion, an die Sie sich erinnern können?

Robbin Meisel: Wir hatten viele schöne Gespräche und einen großen Zuspruch aus der Bevölkerung. Bei vielen Gesprächspartnern hat man gefühlt, mit welchen persönlichen Erwartungen der Radentscheid verknüpft ist. Da war auch sehr viel Wertschätzung dabei.

Die schönste Reaktion war allerdings, als die Zahl der Unterschriften bekannt wurde, die auch innerhalb des Teams unbekannt war. Der Unglauben über die gewaltige Anzahl und der Respekt dafür, der sich auch im Gesicht des Oberbürgermeisters abzeichnete, war für viele der Lohn der monatelangen Arbeit.

Sind Sie bei Ihrer Unterschriftenaktion auch auf negative Stimmen gestoßen, etwa von Autofahrern?

Robbin Meisel: Es gibt auch Kritiker, die meinen, Kassel sei eine Autostadt und nicht für Fahrradfahrer gedacht oder Fahrradfahrer sollten sich erst einmal an die Regeln halten, ihr Licht einschalten und ihr rowdyhaftes Verhalten auf Fußwegen ablegen. Da wurde viel pauschalisiert und das Fehlverhalten weniger Personen auf die gesamte Fahrradfahrerschaft übertragen.

Wir haben versucht, mit den Kritikern über die Probleme zu sprechen, und verdeutlicht, dass beispielsweise eigene Radwege für alle Verkehrsteilnehmer von Vorteil sind und die vorgesehene Trennung der Verkehrsarten zu weniger Konflikten mit dem Auto- und Fußverkehr führen.

Mit dem Bürgerbegehren haben Sie ein wichtiges Etappenziel für ein radfreundlicheres Kassel erreicht. Was ist die nächste Hürde, die nun genommen werden muss?

Robbin Meisel: Die Unterschriften werden derzeit von der Stadt geprüft und gezählt. Anschließend geht das Begehren in eine rechtliche Prüfung und durch verschiedene Ausschüsse, die es bewerten und gegebenenfalls Empfehlungen dazu abgeben, ehe die Stadtverordnetenversammlung darüber entscheidet.

Wir führen derzeit parallel dazu Gespräche mit der Stadt, um das weitere Vorgehen auszuloten. Bestenfalls gelingt es uns zusammen mit der Stadt, etwas für den Radverkehr auf die Beine zu stellen. Da sind wir gesprächsbereit und offen.

Verkehrsdezernent Dirk Stochla äußerte bereits Bedenken, ob die geforderte Umsetzungsgeschwindigkeit darstellbar ist. Wenn Sie wählen müssten: Was wäre die wichtigste Forderung, die die Stadt zuerst umsetzen sollte?

Robbin Meisel: Das ist schwierig zu sagen, da die derzeitigen Mängel am Radnetz vielfältiger Natur sind und unterschiedlich teure und planungsintensive Maßnahmen erfordern. Durch ein Sofortprogramm an Markierungsarbeiten könnten einige unserer Forderungen, beispielsweise die Trennung von Rad- und Fußverkehr auf Gehwegen oder der Lückenschluss im Radwegnetz, parallel und relativ kostengünstig erfüllt werden. Das wäre aber nur ein erster Schritt.

Eine Ihrer Forderungen umfasst die Schaffung sicherer Kreuzungen. Wo ist es in Kassel derzeit besonders gefährlich für Radfahrer und Fußgänger?

Robbin Meisel: Das Thema Kreuzungen ist entscheidend, wenn es um die Sicherheit für Radfahrer geht. Die meisten tödlichen Unfälle passieren beim Abbiegen. Hier hat Kassel in den vergangenen Jahren etwas getan. Beim Umbau der Altmarktkreuzung wurde beispielsweise der Radverkehr integriert und Radstreifen angelegt.

Sogenannte "aufgeweitete Radaufstellstreifen" (ARAS), wie sie an der Rathauskreuzung/Trompete Richtung Ständeplatz vorhanden sind, könnten an vielen Kreuzungen für mehr Sicherheit sorgen, da der Radfahrer in den Sichtbereich der Autos geführt wird. Sie wären markierungstechnisch an den meisten Kreuzungen im Stadtgebiet schnell umsetzbar. Hier gibt an fast allen Kreuzungen im Stadtgebiet Nachholbedarf.

In Berlin führte die Initiative Volksentscheid Fahrrad zum beschlossenen Mobilitätsgesetz. Was können Sie aus dem Berliner Begehren für Kassel lernen?

Robbin Meisel: Der Volksentscheid Fahrrad in Berlin hat es geschafft, dass der Radverkehr endlich eine ernst zu nehmende Stimme bekam und die städtische Politik ihr Augenmerk, ihre Priorisierungen und letztendlich sogar ihr Handeln in Form des Mobilitätsgesetzes auf den Radverkehr ausgerichtet hat.

In den anderen Radentscheid-Städten und gerade auch in Kassel sind im unterschiedlichen Umfang ähnliche Erfolge zu verbuchen oder zeichnen sich ab. Wir standen und stehen in Kontakt zu einigen der Berliner Aktivisten und durften einiges von ihrem Wissen für uns nutzen. Aber auch Frankfurt und Darmstadt haben uns im Verlauf der Kampagne sehr weitergeholfen.

Berlin war die Initialzündung für ein Umdenken und Umlenken in vielen deutschen Städten. Jetzt kommt es darauf an, dass wir in Kassel weiter am Ball bleiben und den Druck aufrechterhalten, in Gesprächen mit der Stadt unserer Position klar vertreten und auf eine Umsetzung hin arbeiten. Diese Hartnäckigkeit ist vielleicht auch etwas, das man aus anderen Radentscheiden lernen konnte.

Vielen Dank für das Interview, Herr Meisel.