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„Darmstadt muss wieder erlaufbar werden“

Ob Berlin, Frankfurt, Köln, Stuttgart – die Liste der Städte, in denen künftig ein Dieselfahrverbot gilt, ist lang. Auch Darmstadt könnte bald dazugehören. Eine Entscheidung hat das Verwaltungsgericht Wiesbaden jedoch zunächst vertagt. Doch ohne ein Urteil drohen die ausgehandelten Maßnahmen zur Luftreinhaltung aufzuweichen, befürchtet Sabine Crook vom VCD Kreisverband Darmstadt.
Interview mit dem VCD Darmstadt, Darmstadt-Dieburg
Interview mit VCD Darmstadt Darmstadt-Dieburg (Foto: Thomas Grän)

In zahlreichen Städten greifen bereits Dieselfahrverbote. Auch für Darmstadt wurde Ende November ein entsprechendes Urteil des Verwaltungsgerichts Wiesbaden erwartet. Doch die Richter sprachen sich zunächst für eine außergerichtliche Lösung zwischen der Deutschen Umwelthilfe, dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) und dem Land Hessen aus. Ursache ist unter anderem der Green City Plan der Landesregierung – ein 200 Maßnahmen starkes Konzept zur Reduktion der Stickoxidbelastung.

Auch wenn dieses Ideen wie ein stadtweites Tempo 30 beinhaltet, welche die Stadt bei der Luftreinhaltung, Sicherheit und Lärmreduzierung voranbringen, spricht sich Sabine Crook im Interview mit finanzen.de für ein richterliches Urteil beim Fahrverbot aus. Der Vorsitzenden des VCD Kreisverbandes Darmstadt und Darmstadt-Dieburg zufolge kommt es nur so zu wirksamen Maßnahmen.

Bis zum 19. Dezember hat das Land Hessen Zeit, mit den Akteuren eine außergerichtliche Lösung auszuloten, mit der die Stickstoffdioxidgrenzen in der Stadt eingehalten werden können. Wie fallen die Reaktionen bei Ihnen im Kreisverband hinsichtlich der aufgeschobenen Entscheidung aus?

Sabine Crook: Bisher haben wir fast ausschließlich positive Reaktionen. Im VCD sind eher Personen engagiert, die sich bewusst und mit Augenmaß, aber durchaus auch kritisch mit dem Thema auseinandersetzen. Wir erarbeiten gemeinsam mit dem VCD-Hessen einen Katalog, um die Stickstoffdioxidgrenzen endlich auch in Darmstadt einzuhalten.

Bisherige Vorschläge der Stadt waren vollkommen unzureichend. Teilweise wurden sie schon vor Jahren eingebracht und sind dann nie umgesetzt worden. Hier sei beispielsweise die flächendeckende Parkraumbewirtschaftung genannt. Diese wurde schon in der vorherigen Legislaturperiode eingebracht und ist bis heute nur an wenigen Stellen umgesetzt.

Denken Sie, dass eine gemeinsame Lösung ohne richterliches Urteil möglich ist?

Sabine Crook: Als ehemalige Stadtverordnete sage ich Nein, weil es sonst unabänderlich zur Verwässerung der ausgehandelten Maßnahmen kommen wird. Politik ist Konsens und in Sachen Luftreinheit kann es nur um harte Fakten gehen.

Unabhängig von den aktuellen Bestrebungen für ein Dieselfahrverbot: Für welche Themen setzen Sie sich derzeit in Darmstadt und Darmstadt-Dieburg am stärksten ein?

Sabine Crook: Als VCD fordern wir, auf dem Cityring eine Spur explizit dem Radverkehr zuzusprechen. Dies wäre relativ leicht umsetzbar und würde extrem die Sicherheit für Radfahrende auf dieser Ost-West-Achse fördern.

Des Weiteren haben wir ein offenes Treffen für Interessierte jeden ersten Dienstag im Monat aufgebaut, bei dem sehr engagiert diskutiert wird und wir Aktionen wie den Parking Day oder Falschparkerflyeraktionen planen. Hier sind auch Nicht-Mitglieder willkommen.

Zurzeit setzen wir uns in Darmstadt als VCD natürlich auch für den Radentscheid ein, der für eine sichere Radinfrastruktur kämpft. Im Sommer hat die Stadtverordnetenversammlung der Initiative die Zulässigkeit abgesprochen. Die Darmstädter Bürger durften also nicht in direktdemokratischer Weise über das Begehren abstimmen.

Daher klagt die Initiative, unterstützt vom VCD und ADFC, auf Zulässigkeit. Gleichzeitig sitzen wir in Verhandlungen mit der Stadt, da diese uns für vier Jahre vier Millionen Euro angeboten hat, die sie in die Verbesserung der Radinfrastruktur stecken möchte. Dies ist auch dringend nötig, da Darmstadt bis heute zur autogerechten Stadt, ergo zur ungerechten Stadt für Fuß- und Radverkehr, gebaut wurde.

Bereits seit 1987 gibt es Ihren Kreisverband. Wie hat sich der Stellenwert des Auto-, Rad- und Fußgängerverkehrs seitdem aus Ihrer Perspektive gewandelt?

Sabine Crook: Ich wohne erst seit 1991 in Darmstadt, vorher in Bayern. Bei meinem Zuzug war ich geschockt über die Masse an Autos in der Stadt. Das hat sich auch nicht geändert. Ich finde es grotesk, wie viel öffentlicher Raum dem Auto untergeordnet wird und wie wenig Fläche beispielsweise für Fußgänger übrig bleibt. Dies will ich ändern. Darmstadt muss wieder erlaufbar werden. Einfach die Stadt lebenswerter für die Menschen machen.

Angenommen, Sie hätten einen Wunsch an die Landesregierung frei. Was wäre die wichtigste Änderung, die Sie sich hinsichtlich der Verkehrswende in Darmstadt wünschen würden?

Sabine Crook: Endlich das illegale Gehwegparken zu ahnden. Es kann nicht sein, dass Eltern Kinderwägen auf der Straße schieben müssen, mobilitätseingeschränkte Menschen nicht an parkenden Autos vorbeikönnen oder Kinder beim Überqueren der Straßen gefährdet werden, nur damit Fahrer ihre Autos möglichst bequem direkt vor der Türe parken können.

Vielen Dank für das Interview, Frau Crook.