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Gründerpreis: „Gründern wird oft mit Neid oder Mitleid begegnet“

Um mit dem eigenen Start-up erfolgreich zu sein, spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. So sind „viele junge Unternehmen fachlich hervorragend, wissen aber nicht, wie sie an Kunden kommen“, betont Elisabeth Neumann vom Hessischen Gründerpreis. Der Wettbewerb rückt daher junge Unternehmer in den Vordergrund und verhilft ihnen zu einem Netzwerk.
Unternehmensgründung: Es fehlen „anfassbare“ Vorbilder
Der Wettbewerb verhilft Unternehmen zu einem Netzwerk

Die Gründung eines eigenen Unternehmens ist ein mutiger Schritt, der oft mit Risiken verbunden ist. Vielen potenziellen Gründern mangelt es dabei nicht an Ideen oder Fachwissen, sondern am Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, weiß Elisabeth Neumann, Projektleiterin beim Hessischen Gründerpreis.

Der Wettbewerb bietet Start-ups seit über 15 Jahren neben viel Medienaufmerksamkeit auch wertvolle Netzwerkkontakte und dadurch konkrete Geschäftsmöglichkeiten. Dies ist vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den vergangenen Jahren mehr wert gewesen als eine hohe Preissumme, so Neumann. Im Interview erklärt sie, wie die Bewerbung abläuft und warum Hessen ein guter Standort für Existenzgründer ist.

Den Hessischen Gründerpreis gibt es nun seit 16 Jahren. Er wird inzwischen in vier verschiedenen Kategorien verliehen. Wie ist die Resonanz auf den Wettbewerb?

Elisabeth Neumann:  Die Resonanz ist hoch. Wir hatten seit 2013 stets knapp 100 Bewerber. 2018 hat sich die Teilnehmerzahl um rund ein Drittel auf 131 erhöht. Ich führe das auf die neue Kategorie für Gründungen aus der Hochschule zurück. Was mich sehr freut, ist der hohe Frauenanteil, der mit 47 Bewerbungen mehr als ein Drittel ausmacht.

Wir entwickeln den Preis ständig weiter. So liegt derzeit beispielsweise ein stärkerer Fokus auf dem Thema Nachfolge-Gründungen. Das ist wirtschaftlich gesehen sehr spannend und vielleicht wird das in diesem Jahr zu einer eigenen Kategorie.

Warum sollten sich Gründer aus Hessen entscheiden, am Wettbewerb teilzunehmen?

Elisabeth Neumann: Weil sie sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit, hochwertige Netzwerkkontakte, einen professionellen Imagefilm und konkrete Geschäftsmöglichkeiten gewinnen können. Viele frühere Teilnehmer berichten von steigendem Absatz und Umsatz, von Medienartikeln über ihr Unternehmen, viele kommen auch in Radio- und TV-Sendungen zu Wort.

Wie läuft die Bewerbung ab und was sind dabei wichtige Meilensteine?

Elisabeth Neumann: Der Anfang ist unkompliziert: Gründer machen auf unserer Website in wenigen Minuten einige persönliche Angaben. Wichtig ist dabei, dass das Unternehmen seinen Sitz in Hessen hat, nicht länger als fünf Jahre am Markt aktiv ist und die Gründer außer bei Hochschul-Gründern nicht auf staatliche Hilfe angewiesen sind.

Wir filtern aus den Bewerbern je Kategorie die zwölf besten heraus, die in Fünf-Minuten-Pitches gegeneinander antreten. Wer es ins Finale schafft, ist automatisch Preisträger und wird auf der Bühne bei einer Festgala mit dem hessischen Wirtschaftsminister und viel Prominenz ausgezeichnet. Zuvor treten die drei Finalisten noch mit Messeständen gegeneinander an, da nur einer der drei in jeder Kategorie als Sieger hervorgehen kann.

Gibt es eine Unternehmensidee, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Elisabeth Neumann: Wir haben viele tolle Gründer und Ideen gesehen in den letzten 16 Jahren. Natürlich ging die Entwicklung immer mehr in Richtung Internet. Besonders spannend fand ich, wie traditionelles Handwerk durch Kombination von kreativem Unternehmertum und webbasierten Anwendungen „hip“ und zukunftsfähig gemacht wird. Unser Preisträger Schott Orthopädie-Schuhtechnik von 2013 mit seiner MyVale-Sandale ist dafür ein tolles Beispiel.

2018 waren es besonders Gesundheitsthemen, die mich begeistert haben. Die Vielfalt ist dabei groß, das Unternehmen GuFiE etwa bringt mit Fitness unterschiedliche Generationen zusammen. Die drei Gründer von LENICURA hingegen haben die weltweit erste physikalische Therapie zur Behandlung chronischer Abszesse und Fisteln entwickelt. Sie helfen damit rund 800.000 Menschen, endlich wieder unbeschwert zu leben und einen normalen Alltag zu führen.

Welche Hemmnisse oder Hürden lassen Menschen Ihrer Erfahrung nach vor der Gründung ihres eigenen Unternehmens zurückschrecken?

Elisabeth Neumann: Allgemein ist Deutschland kein wirkliches Gründerland. Denn Sicherheit hat einen sehr hohen Stellenwert und eine Gründung ist genau das Gegenteil – risikobehaftet. Viele haben Angst wegen der Finanzierung und finanziellen Risiken. Mangelndes Selbstbewusstsein und Zutrauen in die Idee und die eigenen Fähigkeiten zeigen sich oft als Unsicherheit.

Außerdem sind Vertrieb und Akquise ein großes Problem. Viele junge Unternehmen sind fachlich hervorragend, wissen aber nicht, wie sie an Kunden kommen. Da helfen unsere Netzwerke und die Medienarbeit. Gründern wird zudem leider oft mit Neid oder Mitleid begegnet: Neid, wenn sie erfolgreich sind, Mitleid, wenn es schief geht.

Auch im schulischen Lehrplan kommt das Thema kaum vor und uns fehlen „anfassbare“ Vorbilder an Unternehmerpersönlichkeiten. Für Gründer und besonders für Gründerinnen sind Familienplanung und die soziale Absicherung Problemfelder, die belasten und auf Bundesebene unbedingt gelöst werden müssen.

Was macht Hessen im Hinblick auf die Bedingungen für das Gründen im Vergleich zu anderen Bundesländern besser?

Elisabeth Neumann: Hessen hat eine sehr gute Gründungslandschaft, die sich in den letzten Jahren stark entwickelt hat. In den großen Städten gibt es sehr viele private wie kommunale Hilfen und Angebote – vom Seminar bis zum Gründerzentrum. Aber auch die kleineren Kommunen unterstützen ihre Gründer, teils im Verbund mit anderen Kommunen.

In Hessen wurden Schwerpunkte gesetzt, etwa das Tech-Quartier für die FinTech-Szene in Frankfurt. Die Landesregierung hat 2018 ihre Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft Hessen Trade und Invest beauftragt, einen Start-up-Kümmerer einzuführen. Im Start-up-Hub Hessen wird besonders die Vernetzung, Talentaktivierung und der Zugang zu Finanzkapital unterstützt. Dieses Ziel hat auch der Hessische Gründerpreis. Wir wollen Gründergeschichten erzählen, Lust auf und Mut zur Gründung machen. Netzwerke sollen geöffnet werden und Kooperationen zustande kommen, um Start-ups voranzubringen.

Vielen Dank für das Interview, Frau Neumann.