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Schüleraustausch: Engagement von Gastfamilien braucht höhere Würdigung

Jedes Jahr entscheiden sich Tausende Jugendliche für einen Schüleraustausch. Allein über die im Dachverband AJA zusammengeschlossenen Organisationen verbrachten 2018 rund 4.500 Jugendliche ein Jahr im Ausland. Welches Land hoch im Kurs stand und was Schüler bei der Wahl ihrer Austauschorganisation beachten sollten, weiß Anna Wasielewski vom AJA.
Schüleraustausch: Bei Wahl der Organisation auf Kleingedrucktes achten
Anna Wasielewski vom AJA

Mit einem Austauschjahr machen Schüler viele neue Erfahrungen. Doch dieses geht auch mit einigen wichtigen Fragen einher: Werden Teilnehmer beispielsweise gut auf ihren Austausch vorbereitet? Wie lässt sich der Auslandsaufenthalt mit den schulischen Leistungen insbesondere bei einem Abitur nach nur acht Jahren vereinbaren? Wer hilft Schülern bei Problemen mit der Gastfamilie?

Damit die Zeit in der Ferne in guter Erinnerung bleibt, ist es daher wichtig, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Für diese hat der Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustausch (AJA) entsprechende Qualitätsstandards erarbeitet. Diese drehen sich beispielsweise um die Wahl der Gastfamilien, um die Transparenz der Kosten und die Betreuung der Jugendlichen vor Ort, erläutert Anna Wasielewski vom AJA. Im Interview mit finanzen.de berichtet sie zudem von Herausforderungen, vor denen die Austauschprogramme stehen und wie diese gelöst werden können.

Frau Wasielewski, welcher ist der aus Ihrer Sicht wichtigste Punkt, der bei einem Schüleraustausch gewährleistet sein sollte?

Anna Wasielewski: Ich finde es schwierig, einen einzelnen Aspekt herauszugreifen. Ein Austauschjahr hat mehrere Etappen und die Qualitätskriterien des AJA sind so gestaltet, dass es für jeden Bereich einen Qualitätsstandard gibt.   

Zunächst sollten unserer Meinung nach alle Austauschorganisation ihre im Programmpreis enthaltenen Leistungen klar darstellen. Vor dem Austausch sollten die Programmteilnehmenden an mehrtägigen Vorbereitungsseminaren in Deutschland teilnehmen. Auch ein Nachbereitungsseminar, das den Austauschschülerinnen und -schülern hilft, mit Situationen und Erlebnissen im Austauschjahr reflektiert umzugehen, sollte fester Bestandteil des Programms sein.

Auch die Auswahl der Gastfamilien ist für die AJA-Organisationen von großer Bedeutung.  Diese sollten offen sein und ein Interesse daran haben, die Austauschschüler als Familienmitglied zu integrieren. Die Gastfamilien bei AJA-Organisationen sind immer ehrenamtlich und werden auf Basis eines persönlichen Besuchs durch Mitarbeitende der Organisationen ausgewählt.

Nicht zuletzt ist natürlich die Qualität der Betreuung der Austauschschüler während ihres Auslandsaufenthaltes ein wichtiger Punkt. Eine Betreuung, die den Schülerinnen und Schülern und ihren Familien dabei hilft, auftretende Probleme zu lösen, ist dabei für die AJA-Organisationen von großer Bedeutung. Die lokalen Betreuerinnen und Betreuer, die in der Regel ehrenamtlich tätig sind, geben Hilfestellung bei der Eingewöhnung und bei Problemen während des Austauschprogramms.

Den AJA gibt es bereits seit 1993. Wie hat sich die Nachfrage nach einem Schüleraustausch bis heute entwickelt?

Anna Wasielewski: Die meisten unserer sieben Mitgliedsorganisationen gibt es schon viel länger als den AJA selbst als gemeinsamen Arbeitskreis, zum Teil bereits seit Ende des Zweiten Weltkrieges. In den 1990er Jahren ist der Schüleraustausch richtig populär geworden. Seitdem ist das Interesse von jungen Menschen an internationalen Schüleraustauschprogrammen durchgehend hoch.

Durch die Einführung des Abiturs nach der zwölften Jahrgangsstufe (G8) haben Schüler weniger Spielraum für ein Jahr im Ausland. Wie hat sich G8 auf die Teilnehmerzahlen an den Austauschprogrammen ausgewirkt?

Anna Wasielewski: Die Schulzeitverkürzung in einigen Bundesländern hat die formalen Rahmenbedingungen für einen Schüleraustausch stark verändert. Hier gab es viel Unsicherheit vonseiten der Schülerinnen und Schüler und ihrer Eltern. Das spiegelte sich natürlich auch in sinkenden Teilnehmerzahlen in einigen Jahrgängen wider. Daher sieht der AJA die Rückkehr von Ländern wie Niedersachsen oder Bayern zu G9 mit Freude.

Welches ist das derzeit beliebteste Austauschland und was kostet  dort ein Austauschjahr im Schnitt?

Anna Wasielewski: Das beliebteste Austauschland sind nach wie vor die USA. Das hat sich auch durch die Wahl von Donald Trump nicht geändert, obwohl es von einigen Medien beschworen wurde.

Die Kosten eines Austauschjahres in die USA schwanken je nach Organisation und Leistungsumfang des Programms. Daher ist es bei der Wahl einer geeigneten Schüleraustauschorganisation sehr wichtig, auf das Kleingedruckte zu achten, beispielsweise:

  • Sind Flug beziehungsweise Reisekosten im Preis inbegriffen?
  • Wie sieht es mit der Versicherung im Ausland aus?

Diese und weitere Punkte entlarven oftmals Anbieter, die auf den ersten Blick günstig wirken.

Welches Land ist besonders teuer?

Anna Wasielewski: Hohe Programmpreise haben vor allem die Programme in Neuseeland und Australien. Das liegt an den hohen Anreisekosten sowie den Schulgebühren vor Ort. Günstiger sind Schüleraustauschprogramme im europäischen Ausland, hier gibt es zahlreiche Stipendien sowie eine große Länderauswahl. 

Für einen umfassenden Überblick über das große Angebot hat der AJA Ende 2018 mit www.austauschjahr.de eine neue Vergleichsplattform für Schüleraustauschprogramme ins Leben gerufen. Dort können Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern und weitere Interessierte die Leistungen der unterschiedlichen Programme vergleichen. Sie erhalten zudem zahlreiche Informationen zu Stipendien, weiteren Finanzierungsmöglichkeiten und Erfahrungen ehemaliger Programmteilnehmerinnen und Programmteilnehmer. 

Stipendien bieten unter anderem der AJA und die AJA-Organisationen an. Welche weiteren Finanzierungsmöglichkeiten gibt es?

Anna Wasielewski: Die gemeinnützigen AJA-Organisationen fördern jährlich ein Drittel ihrer Programmteilnehmenden mit Teil- und Vollstipendien. So wird auch den Personen ein Austauschjahr ermöglicht, die nicht über ausreichende finanzielle Mittel verfügen. Derzeit beträgt das gemeinsame Stipendienvolumen unserer Organisationen rund vier Millionen Euro jährlich.

Eine Finanzierungsmöglichkeit, die wenig bekannt ist, stellt das Schüler-BAföG dar. Es kann mit Stipendien kombiniert werden und eine zusätzliche finanzielle Entlastung für Familien mit geringen finanziellen Möglichkeiten bringen.

Ohne Gastfamilie funktioniert kein Austausch. Wie leicht ist es, Gastfamilien zu finden?

Anna Wasielewski: Dieses Thema beschäftigt uns als Dachverband und unsere Mitgliedsorganisationen im AJA bereits seit einiger Zeit sehr. Denn vor allem in Deutschland wird es immer schwieriger, geeignete Gastfamilien für Austauschschülerinnen und Austauschschüler aus aller Welt zu finden, die unser Land kennenlernen wollen. 

Im Gegensatz zu vielen kommerziellen Organisationen, die Gastfamilien im In- und Ausland bezahlen, engagieren sich die Gastfamilien der AJA-Organisationen ehrenamtlich. Als AJA engagieren wir uns dafür, dass dieses wichtige und große gesellschaftliche Engagement unserer Gastfamilien stärker von der Politik gewürdigt wird. Konkret geht es uns hier darum, eine finanzielle Würdigung für unsere Gastfamilien in Höhe des Kindergeldes zu erreichen – schließlich gewinnt die Gastfamilie ein Familienmitglied auf Zeit.

Vielen Dank für das Interview, Frau Wasielewski.