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Mietenwahnsinn beenden: Als Hausgemeinschaft ist Ungeahntes möglich

In Ballungsgebieten kaufen Immobilieninvestoren seit Jahren Häuser und Wohnungen und sanieren diese aufwendig. Für Mieter bedeutet dies meist eine immense Mieterhöhung, die sich viele nicht leisten können. Doch mithilfe des seit 1992 bestehenden Vereins Mietshäuser Syndikat können sich Bewohner wehren – so geschehen etwa in Berlin Friedrichshain.
Wenn Mieter Hausbesitzer werden: Aus Unterschiedlichkeit wächst Stärke
Berlin ist unter Immobilieninvestoren sehr beliebt

Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers steckten Immobilieninvestoren zuletzt rund 65 Milliarden Euro in Häuser und Wohnungen in Deutschland. Damit sank das Volumen zwar leicht im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Dennoch sind viele deutsche Städte wie Berlin, Frankfurt am Main und Hamburg unter den Investoren weiter beliebt. Nach dem Kauf eines Gebäudes wird oftmals keine Zeit verloren, um es zu sanieren und die Mieten anzuziehen. Viele Bewohner werden so aus ihrem gewohnten Umfeld verdrängt.

Selbst wenn Mieter früh genug erfahren, dass ihr Gebäude zum Verkauf steht, sind ihnen in der Regel die Hände gebunden. Hier fängt die Arbeit des Vereins Mietshäuser Syndikat an. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die Entstehung neuer selbstorganisierter Hausprojekte zu unterstützen, die als Gemeinschaft das Haus kaufen und verwalten wollen. Die Mieten bleiben auf diese Weise nicht nur auf einem stabilen, niedrigen Niveau. Das Gebäude kann zudem nicht ohne weiteres privatisiert oder gewinnbringend verkauft werden.

Über Zusammenschluss der Mieter Hauskauf realisieren

Um ihr Haus selbst verwalten zu können, schließen sich die Bewohner als Verein oder Genossenschaft zusammen und stellen ihre Initiative dem Syndikat vor. Nehmen deren Mitglieder diese in ihr Netzwerk auf, wird der Kauf der Immobilie über eine gegründete Haus-GmbH vorangetrieben. Das Mietshäuser Syndikat unterstützt dabei durch Knowhow, die Vermittlung von günstigen Privatkrediten und einen Solidarfonds in der Anlaufphase des Hausprojekts.

Viele Hürden auf dem Weg zum Hauseigentümer als Mietergemeinschaft

Bereits 140 Projekte wurden in den letzten 25 Jahren umgesetzt, die meisten von ihnen in Baden-Württemberg. Auch einige Bewohner der Seumestraße in Berlin Friedrichshain haben sich vor rund drei Jahren für die Selbstverwaltung entschieden. Dabei gab es „viele juristische, organisatorische und finanzielle Hürden auf dem Weg zur Realisierung des Projekts. Die größte war aber, sich überhaupt auf den Gedanken einzulassen, gemeinsam mit seinen Nachbarn, mit denen man Jahrzehnte anonym nebeneinanderlebte, eine Immobilie zu erwerben, sie zu entprivatisieren und selber zu verwalten“, erläutert Birgit Ziener vom Seume14 e.V.

Eine große Motivation war die Aussicht, „eine Sicherheit für die Wohnungs- und Lebenssituation eher prekärer Haushalte wie unsere zu schaffen. Und dies in einer Stadt, die sich zunehmend verändert und in der Menschen wie wir es immer schwerer haben, guten Wohnraum zu finden.“

Mit den Nachbarn solidarischen Pragmatismus entwickeln

Auch die riesige Summe von über 2,5 Millionen Euro für den Immobilienkauf stellte eine Herausforderung dar. „Niemand von uns hatte jemals etwas teureres als einen Gebrauchtwagen gekauft, der gerade noch so durch den TÜV kommt“, so Ziener. Entsprechend skeptisch waren die Bewohner, das notwendige Eigenkapital für den Immobilienkredit zusammenzubekommen. „Durch das Mietshäuser Syndikat konnten aber etliche Kreditgeber gefunden werden“, erklärt Ziener.  Wesentlich war auch die Zusammenarbeit mit der Edith Maryon Stiftung, die den Boden erwarb und nun Erbpachtgeberin ist.

Trotz der Voraussetzung – eine „Bewohnerschaft, in der eher wenig bis kaum finanzielle Mittel vorhanden“ waren – konnte der Kaufvertrag Ende 2016 unterschrieben werden. Die Miete beträgt für die 42 in der Hausgemeinschaft organisierten Personen 6,90 Euro pro Quadratmeter. Viele Mieter in gleicher Lage können davon nur träumen.

Personen, die den gleichen Weg gehen wollen wie Seume14, rät Ziener: „Sie müssen nicht die besten Freunde werden. Aber wenn eine Hausgemeinschaft einen solidarischen Pragmatismus miteinander entwickelt und aus ihrer Unterschiedlichkeit eine Stärke macht, sind auf einmal Dinge möglich, die man zuvor nicht mal erahnt hatte.“