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Virtuelle Fabrik: Sharing-Konzepte machen Unternehmen wettbewerbsfähig

Unterkünfte, Autos, Arbeitsplätze: Während viele Privatpersonen die Sharing Economy bereits verinnerlicht haben, gibt es bei Unternehmen noch Luft nach oben. Hier versucht das Startup V-INDUSTRY eine Lücke zu schließen. Es unterstützt Unternehmen dabei, Ressourcen zu teilen und somit effizienter zu arbeiten.
Manche Betriebe warten geradezu auf generelles Digitalisierung-Konzept
Teilen von Ressourcen in der Industrie noch nicht üblich

Viele Menschen besitzen Gegenstände, die sie nur sehr selten nutzen, etwa eine Bohrmaschine, einen Rasenmäher oder ein Wohnmobil. Doch anstatt diese Dinge anstauben zu lassen, sieht der Ansatz der Sharing Economy vor, sie mit anderen Nutzern gegen eine Gebühr oder kostenlos zu teilen. „Spannend wird es unserer Meinung nach aber eigentlich erst bei sehr teuren Industriegütern wie einer Werkzeugmaschine, die definitiv die Anschaffungskosten einer Bohrmaschine übersteigt“, sagt Thorsten Eller von V-INDUSTRY.

Das Startup hat sich zum Ziel gesetzt, freie Maschinenkapazitäten und Auftraggeber automatisch über einen Algorithmus zusammenzuführen. Wie es dabei vorgeht und welche Hürden es zu meistern gilt, berichtet Thorsten Eller im Interview mit finanzen.de.

Sie möchten die Sharing Economy-Mentalität unter Unternehmen etablieren. Wie funktioniert V- INDUSTRY genau?

Thorsten Eller: Im Kern besteht V-INDUSTRY aus einer kombinierten Hard- und Software-Lösung, die
Maschinen- und Auslastungsdaten von der physischen Ebene digitalisiert, auf einer Webplattform live visualisiert und sehr flexibel zugänglich macht. Dadurch wird das Teilen von Maschinen ermöglicht.

In der Praxis stehen sich zwei grundlegende Gruppen gegenüber: Auf der einen Seite die Anbieter, die ihre Maschinenressourcen zur Verfügung stellen, aber in bestimmten Zeiträumen nicht vollständig nutzen. Auf der anderen Seite die Abnehmer, die Maschinennutzung nachfragen, um diese ohne hohe Fixkosten in ihre eigene Lieferkette einzubinden.

Unterm Strich verbinden wir Angebot und Nachfrage mit dem größtmöglichen Anteil an Transparenz. Dabei sind wir Partner, nicht nur einfacher Vermittler. Wir stehen als Unternehmen vertraglich für alle Belange ein, um die Realisierung eines Auftrages ganzheitlich zu begleiten.

Auf welche Betriebe erstreckt sich Ihr Service primär?

Thorsten Eller: Wir wollen bewusst Mittelständler ansprechen, die noch keine 360-Grad-Industrie-4.0-Lösung besitzen. Wir zielen dabei auf zwei Kundensegmente: Das erste Kundensegment sind Maschinenbetreiber, also klassische Industrieunternehmen, die ihre Maschinen besser auslasten möchten. Unser zweiter Kundenkreis sind Unternehmen, die einen konkreten Fertigungsbedarf haben und diesen gerne bei uns einlasten.

Wie aufgeschlossen sind die Unternehmen gegenüber Ihrem Sharing Economy-Ansatz?

Thorsten Eller: Die Akzeptanz bei den Unternehmen, die unsere Plattform nutzen sollen, ist extrem wichtig. Dort gibt es noch einige Vorbehalte, aber auch die unruhige Erwartung, dass sich Geschäftsmodelle in Zukunft erweitern werden. Einzelne Unternehmen warten geradezu darauf, dass ihnen ein durchgängiges Konzept zur Digitalisierung ermöglicht wird.

Natürlich ist es wichtig, dass die Unternehmen bereit für den digitalen Wandel sind – und einen hohen digitalen Reifegrad haben. Dazu gehört nicht nur die Technologie, sondern auch die Erkenntnis, dass Mitarbeiter sowie Organisations- und Führungsstrukturen ebenfalls auf die Reise mitgenommen werden müssen.

Mit der Implementierung von Sharing-Konzepten gehen oft viel tiefer liegende Veränderungen einher, die ein Unternehmen wettbewerbsfähig machen: agiles Management, flache Hierarchien, Kreativität. Wir wollen als Startup auch ein Stück weit vor Ort in Workshops beratend den Unternehmen zur Seite stehen.

Mit Ihrer Technologie ermöglichen Sie den Unternehmen den Einstieg in die Industrie 4.0. Wie gut sind die Betriebe Ihrer Erfahrung nach in Deutschland diesbezüglich aufgestellt?

Thorsten Eller: Deutschland und insbesondere Baden-Württemberg beherrscht im Bereich des Maschinen- und Anlagenbaus ein sehr tiefes „Domainwissen“. Unserer Erfahrung nach konzentriert sich das aber größtenteils auf die technische und physische Ebene.

Was das Thema Industrie 4.0 angeht, gibt es eine Vielzahl an interessanten Ansätzen. Lösungen für den Mittelstand, die das Potenzial mitbringen, einen schnellen „Return of Invest“ einzuleiten, sehen wir aber noch als sehr rar an. Das war ein Grund, warum wir V-INDUSTRY gegründet haben.

Bisher agieren Sie vorwiegend in Baden-Württemberg. Was sind Ihre Pläne für dieses Jahr und wo sehen Sie Ihr Unternehmen in fünf Jahren?

Thorsten Eller: In fünf Jahren sehen wir uns als mittelständisches Unternehmen, das aus Baden-Württemberg heraus die virtuelle Fabrik in Deutschland etabliert hat.

Zunächst wollen wir allerdings einen regionalen Schwerpunkt setzen. Baden-Württemberg ist  Zentrum des Maschinenbaus. Hier lässt sich unser Geschäftsmodell gut realisieren. Die Wege sind so auch kürzer. Denn wir haben festgestellt, dass trotz aller Digitalisierung Geschäfte immer noch zwischen Menschen gemacht werden. Im persönlichen Treffen kann man besser Vertrauen schaffen.

Vielen Dank für das Interview, Herr Eller.