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Verkehrswende: „Werden starke Konkurrenz um den Straßenraum erleben“

Für eine erfolgreiche Verkehrswende ist auch die Begeisterung in der Bevölkerung wichtig. Doch wie kann diese vermittelt werden? Das hat das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) aktuell mit Blick auf unterschiedliche Kommunikationsansätze untersucht. Dabei ist einer der Schlüssel, den Spaß an klimafreundlichen Alternativen zu wecken.
Verkehrswende braucht neue Technik, Politik und Verhaltensänderung
Mobilitätsforscher Dr. Konrad Götz vom ISOE (© Jürgen Mai)

Bislang dominiert das Auto auf den deutschen Straßen. Viele Fahrer verbinden damit Freiheit und Flexibilität. Fahrrad, Bus oder E-Roller haben diesen Ruf nicht. Doch damit die Verkehrswende gelingt, müssen die klimafreundlichen Alternativen mit positiven Eigenschaften verbunden und entsprechend kommuniziert werden. Wie Kommunikationskampagnen gestaltet werden können, hat Dr. Konrad Götz zusammen mit seinem ISOE-Kollegen Georg Sunderer im Auftrag der Agora Verkehrswende untersucht. finanzen.de hat mit dem Mobilitätsforscher über Coolness, E-Scooter sowie dominante Stadtpanzer gesprochen.

Für eine erfolgreiche Verkehrswende muss sich unter anderem das Verhalten der Verkehrsteilnehmer ändern. Dabei sind Ihnen zufolge die soziale Anerkennung oder die Coolness des veränderten Verhaltens zentral. Wie können diese Punkte erreicht werden?

Dr. Konrad Götz: Schon heute ist sichtbar, dass zum Beispiel Elektrofahrzeuge der verschiedensten Art wie Autos, E-Roller und E-Bikes ein Faktor sozialer Anerkennung sind. Wenn wir sie nutzen, werden wir darauf angesprochen. Sie sind ein Faktor der Lebensstildifferenzierung.

Das gleiche gilt für den Markt schöner und technisch sich immer weiter entwickelnder Fahrräder. Immer wenn Werbung cool sein will, bildet sie eines der attraktiven Bikes ab. Mit den neuen Produkten der Fortbewegung gehört man heute zu einem neuen, innovativen urbanen Milieu. Diese Trends wandern gerade in den Mainstream, in den Massenmarkt.

Neue „coole“ Verkehrsteilnehmer könnten künftig Fahrer von E-Scootern werden. Können die elektrischen Tretroller dazu beitragen, dass die Verkehrswende gelingt?

Dr. Konrad Götz: Die E-Scooter sind nur eines von vielen neuen Verkehrsmitteln, die noch kommen werden. Die Kreativität der Entwickler und die internationale Konkurrenz der Ideen rund um die sogenannte sustainable mobility haben gerade erst begonnen.

Wir werden eine starke Konkurrenz um den Straßenraum erleben. Und leider auch neue Arten von Unfällen, weil die Fahrerinnen und Fahrer noch nicht richtig mit dem neuen Gerät umgehen können und wir noch nicht richtig einschätzen, was da gerade auf uns zu fährt.

Kritiker befürchten, dass sich der Kampf um die Vorherrschaft auf den deutschen Straßen und Wegen intensivieren könnte. Was ist daher die wichtigste Maßnahme, die die Politik zeitnah umsetzen muss, damit die Verkehrswende nicht an Platzmangel scheitert?

Dr. Konrad Götz: Bisher war es ja kein Kampf, sondern eine klare Vorherrschaft des Automobils. Diese Vorherrschaft wird mit den dominanten Stadtpanzern, genannt SUV, auf schamlose Weise auch noch verstärkt. Buchstäblich wird man als Radfahrer*in an den Rand gedrängt.

Deshalb ist es wichtig, den Verkehrsraum umzuverteilen. Fahrräder brauchen Platz und differenzierte Spuren für Schnelle und Langsame. Fußgänger*innen müssen als echte Verkehrsteilnehmer ernst genommen werden, wie in der Schweiz. Straßenbahnen benötigen ein eigenes Gleisbett. Wenn nicht genügend Platz ist, sollte für alle Nullemissionsverkehrsmittel eine Spur frei gemacht werden. Sie dürfen dann privilegiert auf einer gesonderten Fahrbahn fahren. Düsseldorf hat gerade damit begonnen.

Sie beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit der Verkehrswende. Welche Unterschiede sind Ihnen zwischen den Bewohnern in der Stadt und auf dem Land hinsichtlich der Bereitschaft aufgefallen, ihre gewohnten Verhaltensweisen zu ändern?

Dr. Konrad Götz: Die Städter haben das Privileg, dass öffentliche Verkehrsmittel meist in der Nähe und dicht getaktet sind. In den Ballungsräumen ist das Geld für Verkehrsexperimente vorhanden. Das bewirkt, dass hier alternative Mobilitätsstile vielfältiger und ausgereifter sind. Das Verhalten zu ändern, ist somit einfacher.

Auf dem Land sind die Leute subjektiv und objektiv stärker auf das Auto angewiesen. Die Alternativen sind rar. Das führt bei vielen zu der falschen Vorstellung, ohne Auto gehe gar nichts. Mit der Folge, dass auch der vorhandene öffentliche Verkehr nicht ausprobiert wird. Fahrradstrecken sind deutlich weiter als in der Stadt. Und zu Fuß gehen ist für viele keine Option.

Gegenwärtig steht der ländliche Raum jedoch aufgrund der Heimatdiskussion wieder im Mittelpunkt. Es gibt Geld und viele Projekte, mit denen Lösungen für nachhaltige Mobilität im ländlichen Raum ausprobiert werden. Die Stichworte sind Ridepooling oder Ridesharing. Darunter ist das „Einsammeln“ von Fahrgästen zu verstehen, um die Fahrzeuge besser auszulasten. Beim Car-Sharing für den ländlichen Raum richten sich die größten Hoffnungen auf autonome Fahrzeuge, die als Robo-Taxis zu den Kunden kommen.

Welche Personengruppen lassen sich Ihrer Erfahrung nach am ehesten von neuen mobilen Konzepten überzeugen?

Dr. Konrad Götz: Wir wissen aus der Empirie, dass junge, höher gebildete Menschen im urbanen Raum – Männer stärker als Frauen – am aufgeschlossensten für neue Angebote sind. Sie sind neugierig, experimentierbereit und suchen die Herausforderung. Man könnte auch sagen: Sie spielen gerne. Frauen sind eher pragmatisch.

Wie lange wird es noch dauern, bis die Verkehrswende in Deutschland vollzogen ist?

Dr. Konrad Götz: Die Kritik am Auto begann in den 1980er-Jahren, also vor 40 Jahren. Es kommt jetzt darauf an, dass der Dreiklang aus neuer Technik, politischen Entscheidungen für Infrastruktur und Verhaltensänderung harmoniert. Dann kann es ganz schnell dazu kommen, dass die Verkehrswende mit Spaß, Coolness und sozialer Anerkennung praktiziert wird.

Vielen Dank für das Interview, Herr Dr. Götz.