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Industrie 4.0: Die Zeit des Herumspielens ist für Unternehmen vorbei

Laut einer aktuellen Umfrage des Digitalverbands Bitkom sehen sich drei von vier Unternehmen auf dem Weg in die Industrie 4.0. Doch es gibt auch Firmen, die ihre „digitalen Hausaufgaben nicht gemacht haben“, sagt Prof. Dr. Thomas Bauernhansl von der Universität Stuttgart. Ihnen drohen erhebliche Konsequenzen.
Industrie 4.0 ist für Verbraucher ein schleichender Prozess
Prof. Dr. Bauernhansl (© Fraunhofer IPA//Stollberg)

Industrie 4.0 meint im Wesentlichen die Vernetzung von Maschinen und Produktionsprozessen. Dabei funktionieren die Digitalisierung und die Verknüpfung mit anderen Diensten beispielsweise in der Landwirtschaft sehr gut, sagt Prof. Dr. Thomas Bauernhansl. Doch bei vielen kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) steht die Vernetzung nicht an erster Stelle. So haben weniger als zehn Prozent von ihnen verstanden, dass die Industrie 4.0 integraler Bestandteil der Geschäftsstrategie sein sollte, betont Prof. Dr. Bauernhansl.

Der Leiter des Instituts für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb (IFF) an der Universität Stuttgart und des Fraunhofer Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) spricht im Interview mit finanzen.de darüber, wie sich Deutschland im internationalen Vergleich schlägt und welches Potenzial die Industrie 4.0 für jeden Einzelnen hat.

Über Industrie 4.0 wird seit vielen Jahren gesprochen. Wie gut sind die mittleren und kleinen Unternehmen aus Ihrer Sicht für das digitale Zeitalter gerüstet?

Prof. Dr. Thomas Bauernhansl: Zu Beginn der 2010er Jahre waren die meisten Unternehmen skeptisch, ob Industrie 4.0 überhaupt für sie relevant ist. Dann haben viele „sich gerüstet“ und angefangen, für Messen hauptsächlich marketing-orientierte Anwendungsfälle aufzubauen.

Aber die Zeit des Rumspielens ist vorbei. Das haben jedoch bisher weniger als zehn Prozent der KMU verstanden. Die Firmen, die strategisch vorangehen, denken nutzerzentriert und treiben einen ganzheitlichen prozessorientierten Ansatz an, der in der Geschäftsstrategie integraler Bestandteil ist. 

Diese digitalen Champions übertragen beispielsweise das Plattform-Modell auch auf die eigene Produktion beziehungsweise ihr Serviceangebot. Unternehmen dürfen solche Plattformen aber nicht aus Sicht der von ihnen entwickelten Technik bauen, sondern aus Sicht der Kunden. Denn die Kunden wollen nicht für jede Maschine eine eigene Software-Plattform nutzen. Kooperationen werden hier immer wichtiger.

Die KMU, die ihre digitalen Hausaufgaben in den letzten Jahren nur schlecht oder gar nicht gemacht haben, laufen mittlerweile Gefahr, den Anschluss und damit ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Das macht mir große Sorgen.

Gibt es hierzulande Vorreiter, die ihre digitalen Hausaufgaben gemacht haben?

Prof. Dr. Thomas Bauernhansl: Was die Branche betrifft, ist dies erstaunlicherweise die Landwirtschaft. Die Vernetzung von Produktionsmitteln mit Inhalten anderer Lieferanten (zum Beispiel den Wetterdiensten) hat schon heute unter dem Namen „Precison Farming“ eine gewisse Tradition.

Auch im Maschinenbau oder der Automobilindustrie entstehen viele Plattformen. Dafür schließen sich renommierte und etablierte Unternehmen zusammen, um gemeinsam zu arbeiten und Größeneffekte zu nutzen. Hier sind Plattformen zu nennen wie Axoom (Trumpf), Adamos (Software AG zusammen mit Dürr, DMG, Zeiss und anderen) und Firmen wie SEW oder Bosch, die am weitesten sind, weil sie früh, aber auch strategisch integriert angefangen haben.

Wie schlägt sich Deutschland im internationalen Vergleich bei der vierten industriellen Revolution?

Prof. Dr. Thomas Bauernhansl: In der Wertschöpfung gibt es immer „Hotspots“, die von günstigen Rahmenbedingungen abhängen, wie Clustersynergien, Fachkräften oder der Infrastruktur. In der Automobilproduktion, dem Maschinenbau oder der Chemie finden wir diese Hotspots in Deutschland. Sie begründen unseren Exporterfolg. Hier bietet die vierte industrielle Revolution eine große Chance, unsere lokale Produktion zu stärken und gezielt auszubauen.

Im Vergleich zu anderen Ländern ist Deutschland aufgrund der Leistungen der letzten Jahre noch gut aufgestellt. Aber wir leben in vielen Fällen von der Substanz und profitierten in den letzten zehn Jahren von extrem günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Wir brauchen in der Breite der Industrie eine Beschleunigung der digitalen Transformation, da die Lücke zu den internationalen Wettbewerbern insbesondere aus China jeden Tag kleiner wird. China ist inzwischen der größte Roboter-Markt der Welt. Die Entwicklung wird vom Staat stark gefördert. Das Ergebnis könnte sein, dass China günstige Automatisierungs- und Produktionsmittel baut und die USA, zum Beispiel Google, die passende Software liefern, wie ein Betriebssystem im Stile von Android. Das wäre eine sehr gefährliche Konstellation für Deutschland.

Welche Rolle spielt die Politik bei der Industrie 4.0? Unternimmt sie in Ihren Augen genug, um sie voranzutreiben, beispielsweise mit Blick auf den Netzausbau?

Prof. Dr. Thomas Bauernhansl: Ein wichtiges Thema ist tatsächlich die Infrastruktur. Da wir bei den Geschäftsmodellen zu Industrie 4.0 auch von einer Zugangsökonomie sprechen, ist es sehr wichtig, diesen Zugang strukturell überhaupt erst zu ermöglichen. Die Politik ist hier sehr aktiv und nimmt das Thema ernst. 5G, und zwar an jeder Milchkanne, ist unverzichtbar, wenn wir unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten wollen.

Für viele Verbraucher ist das Thema Industrie 4.0 nur schwer greifbar. Wie wirkt sich diese auf ihren Lebensalltag aus?

Prof. Dr. Thomas Bauernhansl: Alle Lebensbereiche sind bereits betroffen. Wir sind jetzt schon weitgehend per Smartphone vernetzt. Gesundheit, Mobilität, Wohnen, Ernährung – Es gibt eigentlich keinen Bedürfnisbereich, der von der Kommunikation der einzelnen Systeme in Echtzeit und dem maschinellen Lernen ausgeschlossen ist. Industrie 4.0 trifft als Begriff somit die Entwicklung nicht exakt. Wir müssten eigentlich von Wirtschaft 4.0 sprechen.

Für die Verbraucher ist dies ein schleichender Prozess, der allerdings enorme Auswirkungen haben wird. Schauen Sie nur in die Innenstädte, in denen der klassische Einzelhandel nach und nach verschwindet oder das Sterben der Bankfilialen insbesondere im ländlichen Raum.

Genauso werden wir starke Veränderungen in der klassischen Wertschöpfung sehen. Auftragsabwicklungsprozesse werden komplett bis runter auf den Shopfloor und bis zu den Lieferanten automatisiert. Mit dem Ergebnis, dass die Verbraucher hoch individualisierte Produkte innerhalb von Stunden beziehen können. Auswahl, Transparenz, Verfügbarkeit und vor allem Geschwindigkeit werden ein völlig neues Niveau erreichen und damit wird sich das Konsumverhalten massiv ändern. Persönlich hoffe ich, dass sich dies auch positiv auf die Nachhaltigkeit auswirken wird.

Vielen Dank für das Interview, Herr Prof. Dr. Bauernhansl.