Josephien Albrecht
Josephien Albrecht

Content-Managerin

Corona-Impfmittel-Kampf mit Astrazeneca: Hat die EU versagt?

Nach Lieferschwierigkeiten bei Biontech hat nun auch der Impfstoff-Hersteller Astrazeneca Verzug bei der Produktion für die EU angekündigt. Ein öffentlicher Streit mit der EU-Kommission ist entfacht. Wie es dazu kam und was andere Länder besser gemacht haben: ein Überblick.

Seit Beginn des Jahres steht die EU aufgrund der schleppenden Corona-Impfkampagne in der Kritik. Nachdem erste Lieferprobleme mit Biontech behoben werden konnten, folgt der nächste Schock: Impfstoff-Hersteller Astrazeneca hatte Ende letzter Woche mitgeteilt, deutlich weniger Dosen seiner Vakzin liefern zu können, als vorgesehen.

Corona-Impfstoff: Warum kann Astrazeneca nicht liefern?

Grund für die Verzögerungen sind laut Angaben der Firma Produktionsprobleme in einem Werk in Belgien. Da dieses das Vakzin für die EU herstellen soll, kommen nun statt der geplanten 80 Millionen Impfdosen für das erste Quartal nur 31 Millionen in der EU an. Großbritannien, wo der Impfstoff bereits im Einsatz ist, hat hingegen bisher nicht mit Kürzungen zu rechnen.

Der Grund: Zum einen hätten die Briten eine andere Lieferkette, ihr Impfstoff werde in Werken in Großbritannien hergestellt. Zum anderen hatte Großbritannien die Verträge mit Astrazeneca bereits drei Monate vor der EU abgeschlossen, wie Unternehmenschef Pascal Soriot im Interview mit der Welt erklärt. So habe es mehr Zeit gegeben anfängliche Lieferprobleme zu beseitigen.

EU & Astrazeneca: Ein Wirrwarr der Schuldzuweisungen

„Wir weisen die Logik des ,Wer zuerst kommt, mahlt zuerst’ zurück”, bemängelt EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides und pocht auf die Einhaltung der Lieferversprechen. Am Mittwoch waren die EU-Kommission und Vertreter von Astrazeneca, darunter auch CEO Soriot, zum dritten Mal in dieser Woche zusammen gekommen, bisher ohne Einigung. Was der EU nun einen Strick dreht: Vertraglich wurden scheinbar keine festen Liefermengen festgehalten, sondern nur ein „best effort”, wie Soriot der Zeitung Welt erklärt, also letztlich die Belieferung nach bestem Bemühen.

EU-Kommissarin Kyriakides twitterte jedoch, dass dies nicht korrekt sei. Es gab konkrete Lieferpläne im Vertrag, auch vier Produktionsstätten wurden festgehalten, darunter zwei in Großbritannien. Für die EU-Kommission steht fest: Wenn das Werk in Belgien nicht liefern kann, dann müssen die anderen Werke stattdessen leisten.

Welche Fehler werden der EU vorgeworfen?

Währenddessen rumort es in den Reihen der EU-Abgeordneten. So bemängelt FDP-Europapolitikerin Nicola Beer gegenüber dem rbb, dass die Verträge mit Astrazeneca nicht komplett einsehbar wären. „Wir haben bislang geschwärzte Entwürfe gesehen” erläutert sie .Gerade die wichtigen Stellen, wie Liefermengen, Daten und Preise, waren nicht zu sehen. Für das intransparente “Mauern” der EU-Kommission habe sie kein Verständnis.

Im Interview mit dem Handelsblatt wirft der Unternehmensberater und Beschaffungsexperte Gerd Kerkhoff der EU sogar Vollversagen vor: „Der Beschaffungsprozess wurde total versemmelt. Schulnotentechnisch würde man sagen: ungenügend, Sechs. Eine Folge der Fehler ist die Verlängerung des Lockdowns bis Mitte Februar.“

Gegenüber der Bild bekräftigt Kerkhoff diese Ansicht. Die EU habe zu sehr auf Vorteile bei den Konditionen wie den Preis Wert gelegt und dabei missachtet, dass es aufgrund der hohen Nachfrage und des geringen Angebotes kaum ein Interesse bei den Impfherstellern gab, sich gegenseitig preislich zu unterbieten. Schnelligkeit wäre hier wichtiger gewesen als Konditionen.

Versäumnisse und Intransparenz im Kampf gegen Corona

Astrazeneca priorisiert nun Verträge, die vor jenen mit der EU geschlossen wurden. Der „first come, first serve”-Ansatz gilt hier (entgegen der Ansicht der EU-Kommission) laut dem Beschaffungsexperten ganz selbstverständlich: „Wir reden jetzt darüber, dass sich dieser Hersteller arrogant verhält. Aber er verhält sich marktwirtschaftlich.“ Auch die Aufsetzung eines „best effort”-Vertrages statt fester Zusagen kritisiert Kerkhoff bei einem Beschaffungsprozess dieser Größenordnung aufs Schärfste.

Franziska Brantner, Grünen-Sprecherin für Europapolitik, bemängelt indes den Vorschlag des Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU). Er hatte eine Exportbeschränkung für europäische Vakzine gefordert, sollte Astrazeneca gegenüber der EU nicht einlenken. „Das bringt ja nur andere in Schwierigkeiten und hilft am Ende niemandem”, sagt sie gegenüber BR24. Der Fokus sei stattdessen auf die Stärkung der Produktion in der EU zu setzen.

Erfolgsbeispiel Israel: Was machen andere Länder anders?

Mit etwa 48 Impfungen pro 100 Einwohner ist Israel aktuell weltweit der Spitzenreiter der Impfkampagnen. Zum Vergleich: In Europa liegt Großbritannien mit knapp 11 Impfungen vorn. Italien weist 2,5 Impfungen vor, Deutschland nur 2,3 Impfungen je 100 Einwohner. Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) erläutert gegenüber der Welt, dass Israel, ebenso wie Großbritannien und die USA, eine andere Einkaufsstrategie gefahren seien: Sie hätten die „Impfstoffe mit mehr Geld aufgekauft und auch früher die Verträge gemacht”.

Neben der verhältnismäßig kleinen Größe Israels machen Gesundheitsexperten auch das stark digitalisierte Gesundheitssystem – Meldungen werden beispielsweise direkt an Mobiltelefone der Versicherten geschickt – und den einfachen Zugang zur Impfung verantwortlich. Neben Polikliniken können sich Israelis die Impfung in jedem Krankenhaus und in extra eingerichteten Impfzentren holen – und das an sieben Tagen in der Woche.

Auch bei den bisherigen Lockdowns hatte die Regierung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu deutlich drastischer durchgegriffen, als dies hierzulande vorstellbar wäre. So besteht seit Wochenanfang beispielsweise wieder eine einwöchige komplette Sperrung für internationale Flüge, damit Virus-Mutationen nicht ins Land gelangen können.

Am letzten Wochenende begann Israel bereits mit der Impfung Jugendlicher im Alter von 16 bis 18 Jahren. Sie sollen möglichst schnell zurück in die Schulen kehren können, um ihren Abschluss zu machen.