Anja Schlicht
Anja Schlicht

Leitung Newsredaktion

Der Diesel wird in vielen Bereichen noch lange wichtig sein

Die Große Koalition will künftig bei der Verkehrspolitik einiges besser machen, indem Deutschland beispielsweise mehr in die Infrastruktur investiert und den Sprung zur Mobilität 4.0 schafft. Bei der Elektromobilität müssen laut Steffen Bilger, neuer Parlamentarischer Staatssekretär im Verkehrsministerium, jedoch noch einige Hemmnisse abgebaut werden.

Veröffentlicht am 20. März 2018



Nach fast 180 Tagen hat Deutschland endlich eine neue Regierung, die vor vielen Aufgaben steht. Aus verkehrspolitischer Sicht muss der neue Verkehrsminister Andreas Scheuer beispielsweise den großen Nachholbedarf der Bundesrepublik bei der Elektromobilität angehen. Auch die Einhaltung der Grenzwerte für Stickstoffdioxid-Belastungen wurde lange vernachlässigt, sodass Dieselfahrern nun Fahrverbote drohen.

Bei diesen und weiteren Projekten erhält Scheuer künftig Unterstützung durch den neuen Parlamentarischen Staatssekretär Steffen Bilger. Der CDU-Politiker verfügt über langjährige Erfahrung in der Verkehrspolitik und zeigt sich positiv, dass Fahrverbote vielerorts vermieden werden können. finanzen.de hat mit ihm darüber gesprochen, wie dies umgesetzt werden kann und welche Baustellen Deutschland bei der Elektromobilität künftig anpacken muss.

Herr Bilger, Sie sitzen für den Wahlkreis Ludwigsburg im Bundestag. Welche Themen beschäftigen Sie dort bei der Verkehrspolitik und Infrastruktur?

Steffen Bilger: Der Region Stuttgart und auch meinem Wahlkreis geht es wirtschaftlich sehr gut. Die Region zieht viele Menschen an. Eine Folge dieser positiven Entwicklung ist aber der stark angestiegene Verkehr und die daraus resultierenden Probleme. Staus und Überlastung auf den Straßen kosten nicht nur Nerven, sondern hemmen die wirtschaftliche Entwicklung und belasten Umwelt und Anwohner.

Diese Probleme müssen wir mit klugen Konzepten in den Griff bekommen. Dazu gehört auch, dass wir wichtige Verkehrsprojekte in der Region weiter voranbringen, wie den Ausbau der A81, der B10 oder den Bau des Nordostrings. Dazu zählt aber auch, dass wir den Nahverkehr in der Region attraktiver machen und bei der Digitalisierung des Verkehrssektors sowie bei den alternativen Antrieben ganz vorne mit dabei sind.

Eines Ihrer Kernthemen ist die Elektromobilität. Wie gut ist Ludwigsburg hier aufgestellt?

Steffen Bilger: Ludwigsburg nimmt hier eine sehr positive Entwicklung. Im Vergleich zu Stuttgart hat die Stadt schon früh die Potenziale alternativer Antriebe erkannt und viele Maßnahmen auf den Weg gebracht, sei es beispielsweise bei der Erneuerung der kommunalen Flotten, aber auch beim Ausbau der Infrastruktur. Die Stadt ist auch sehr aktiv, um Zukunftsthemen der Digitalisierung im Verkehrsbereich wie das Autonome Fahren voranzutreiben. Dazu hat Ludwigsburg zusammen mit der Stadt Stuttgart ein Pilotprojekt initiiert.

Laut Kraftfahrtbundesamt gab es Anfang 2017 nur rund 55.000 Fahrzeuge mit Elektro- oder Plug-in-Hybridantrieb. Dabei sollten bis 2020 eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen unterwegs sein. Was sind die nächsten Schritte, um die Elektromobilität auf Bundesebene voranzubringen?

Steffen Bilger: Die Elektromobilität hatte in der Vergangenheit drei große Hemmnisse, vor denen die Verbraucher zurückgeschreckt sind:

  • der im Vergleich zu Diesel oder Benzinern hohe Preis
  • der eingeschränkte Nutzen aufgrund geringerer Reichweite
  • die fehlenden Lademöglichkeiten

In allen Bereichen haben wir in den letzten Jahren deutliche Fortschritte erzielt und dort werden wir auch weiter ansetzen. Im neuen Koalitionsvertrag haben wir vereinbart, bis 2020 die Zahl von mindestens 100.000 Ladepunkten erreichen zu wollen. Auch der Preis wird mit der Massenproduktion von E-Fahrzeugen weiter sinken. Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, die Preislücke weiter zu schließen, indem wir die Kaufprämie erhöhen – und zwar genau da, wo wir zurzeit die größten Potenziale für die Elektromobilität sehen.

Würden Sie persönlich lieber ein E-Auto oder einen Diesel fahren?

Steffen Bilger: Diese Frage kann ich so pauschal kaum beantworten. Beide Antriebe haben große Vorteile. Wer einmal ein Elektroauto gefahren ist, der schätzt den hohen Fahrkomfort und den leisen Antrieb. Für mich ist ein E-Auto schon heute das ideale Fahrzeug für Pendler und viele, die vor allem in der Stadt unterwegs sind.

Der Diesel spielt sicherlich (noch) auf der Langstrecke seine Vorteile aus, ist sparsam und günstig. Die Technologie hat auch in Bezug auf die Abgasreinigung riesige Fortschritte gemacht, sodass moderne Diesel heute sauber sind und die Grenzwerte einhalten können.

Es hängt also immer von den persönlichen Anforderungen und Mobilitätsbedürfnissen ab. Als Parlamentarischer Staatssekretär werde ich demnächst viel in Deutschland unterwegs sein und das Privileg haben, einen Dienstwagen nutzen können. Ich hoffe dann ein emissionsarmes Fahrzeug zu bekommen  – etwa einen Hybrid, der die Vorteile eines Verbrenners mit dem eines E-Autos verbindet.

Sie sind gegen ein Diesel-Fahrverbot. Welche wäre die beste Lösung, dieses abzuwenden und gleichzeitig die Stickstoffdioxidbelastung so zu reduzieren, dass die Grenzwerte in Städten und Kommunen eingehalten werden?

Steffen Bilger: Wir sind gegen Fahrverbote, da diese viele Menschen unverhältnismäßig stark treffen würden. Denken Sie an die vielen Pendler, die tagtäglich ihren Arbeitsplatz erreichen müssen und sich in gutem Glauben einen Diesel-Pkw zugelegt haben. Fahrverbote würden mit starken Einschränkungen und massiven Wertverlusten einhergehen.

Die Luft ist in den letzten Jahrzehnten in Deutschland immer besser geworden, auch in den Städten. Fakt ist aber, dass wir in einigen Städten die strengen EU-Grenzwerte noch nicht einhalten. Die Bundesregierung hat in den letzten Monaten bereits viele Maßnahmen auf den Weg  gebracht, die Luftqualität in den Städten weiter zu verbessern. Wir werden uns das Thema technische Nachrüstungen sicherlich nochmals anschauen müssen und prüfen, wo dies möglich und wirtschaftlich sinnvoll ist. So bin ich sehr zuversichtlich, dass wir Fahrverbote vielerorts vermeiden können.

An den wenigen sehr stark belasteten Straßen, an denen dies noch nicht reicht, sind vorrübergehende Fahrverbote möglich und die Kommunen müssen individuelle Lösungen finden. Wir werden aber von Seite des Bundes alles tun, damit es erst gar nicht so weit kommt beziehungsweise Fahrverbote auch dort schnellstmöglich wieder ihre Berechtigung verlieren.

Werden die Bürgerinnen und Bürger in 15 Jahren noch in einem Auto mit Diesel- oder Benzinantrieb sitzen oder wird eine andere Antriebstechnik das Maß aller Dinge sein?

Steffen Bilger: Es zeichnet sich ab, dass die batterieelektrische Mobilität in vielen Bereichen immer wichtiger wird, gerade bei Pendlern oder im innerstädtischen Lieferverkehr. Auch die Brennstoffzelle hat viele Vorteile und wird ihren Platz in der Mobilität der Zukunft einnehmen. Aber auch der Diesel und der Verbrennungsmotor generell werden in vielen Bereichen noch lange wichtig sein – vor allem dort, wo über große Strecken schwere Lasten bewegt werden müssen.

Dabei werden sicherlich auch andere, CO2-neutrale Kraftstoffe in Zukunft eine immer größere Rolle spielen. Grünes Erdgas oder andere strombasierte Kraftstoffe bieten große Potenziale. In Zukunft wird sich beim Thema Individualmobilität aber sicherlich nicht nur der Antrieb verändern. Die Digitalisierung stellt vieles auf den Kopf und es entstehen ganz neue Mobilitätskonzepte. Ich denke da beispielsweise an das Thema Mobility on Demand und Poolingdienste, die den Verkehr und die Mobilität in unseren Städten in den nächsten Jahren stark verändern werden.

Vielen Dank für das Interview, Herr Bilger!