Digitalisierung braucht Förderung und Vorbilder

Digitalisierung ist eines der Schlüsselwörter, die aus der modernen Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken sind. Doch was genau hinter dem Begriff steckt, ist Interpretationssache. Im Kern beschreibt der digitale Wandel einen Prozess, bei dem Firmen neue technische Möglichkeiten in ihre Arbeitsprozesse integrieren. Doch viele Unternehmen fühlen sich den Änderungen nicht gewachsen, sagen Experten.

Veröffentlicht am 9. März 2017
Digitaler Wandel heißt Veränderung. Doch gerade kleine und mittelständische Unternehmen wie Handwerksbetriebe haben häufig mit veränderten Arbeitsstrukturen zu kämpfen. Oft haben sie weder die personellen Ressourcen noch die nötigen technischen Mittel, um neue Möglichkeiten für ihr Unternehmen zu entdecken. Nicht-digitale Arbeitsweisen sind heutzutage allerdings nur selten konkurrenzfähig. Ohne eigene Homepage und Online-Shop oder einen Social Media Auftritt drohen Unternehmen von der Bildfläche zu verschwinden.



Um genau dies zu verhindern und kleine sowie mittelständische Unternehmen beim digitalen Wandel zu unterstützen, bietet die Politik einige Fördermöglichkeiten. Herr Prof. Dr. Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und Frau Prof. Dr. Irene Bertschek vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sprechen im Interview mit finanzen.de über die Chancen der Digitalisierung und notwendige Förderung für Firmen.

Alle Welt spricht vom digitalen Wandel. Was bedeutet das für Sie genau?

Prof. Dr. Gornig: Wir vom DIW Berlin betrachten den digitalen Wandel als einen schleichenden Anpassungs- und Entwicklungsprozess von Unternehmen an neue technische Möglichkeiten. Für einen Friseursalon mit zwei Mitarbeitern muss das nicht das Gleiche bedeuten wie für einen Schreinerbetrieb mit 20 Angestellten. Für ersteren ist eine Homepage mit Onlineterminvergabe bereits ein Stück weit Digitalisierung, für den Schreinermeister wohl erst, wenn er seine Aufträge auch überregional oder aus dem Ausland annehmen kann.

Doch Digitalisierung heißt natürlich weitaus mehr. Schlagwörter wie Big Data – also die Möglichkeit, etwa Informationen zum Konsumverhalten von Individuen zu sammeln – oder auch die Vernetzung beispielsweise über Social Media Kanäle spielen eine zentrale Rolle bei der Digitalisierung.

Wie weit sind kleine und mittelständische Unternehmen in Deutschland auf ihrem Weg Richtung digitaler Wandel?

Prof. Dr. Gornig: Der digitale Wandel ist zwar in aller Munde. Doch es gibt bisher keine Zahlen über die Entwicklung in Deutschland im europäischen Vergleich. Wir beobachten aber hierzulande, dass bestehende kleinere Unternehmen hinter den großen herhinken. Das liegt sicherlich einfach an den finanziellen und personellen Möglichkeiten. Ein Friseursalon mit zwei Mitarbeitern, um bei dem Beispiel zu bleiben, kann nicht die gleichen Schritte gehen, wie der Handwerksbetrieb und beide nicht die, die Großunternehmen mit eigener IT-Abteilung offen stehen. Kleine Unternehmen stehen jedoch ganz und gar nicht immer bei der Digitalisierung hinten an. Man denke nur an die ganzen hochtechnisierten Start-Ups, die quasi im digitalen Wandel geboren wurden.

Prof. Dr. Bertschek: Die großen Unternehmen sind in der Regel die „Early Adopters“ neuer Technologien und haben die finanziellen und personellen Ressourcen, sich mit Digitalisierungsprojekten zu befassen. Kleine Unternehmen sind zumindest zum Teil aber auch recht weit, da es für sie vergleichsweise einfach ist, beispielsweise alle Beschäftigten mit mobilen Endgeräten auszustatten oder ihre Arbeits- und Geschäftsprozesse zu digitalisieren, die oftmals nur einen Teil der Wertschöpfungskette abbilden.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) unterstützt mit Programmen wie „Mittelstand Digital“ kleine und mittelständische Unternehmen, damit sie vom digitalen Wandel nicht abgehängt werden. Sind Unternehmen wirklich nur zukunftsfähig, wenn sie den digitalen Weg gehen?

Prof. Dr. Gornig: Es wird immer Nischen geben, die ganz ohne Digitalisierung auskommen. Allerdings ist das die Ausnahme. Wir gehen davon aus, dass es bereits eine notwendige Bedingung für Unternehmen ist, den digitalen Weg einzuschlagen. Fördermöglichkeiten, wie die des BMWi, begrüßen wir daher sehr. Welche Art der Förderung und wie viel die Firmen davon bei ihrem Digitalisierungsprozess benötigen, ist heute jedoch noch unklar. Förderprogramme müssen daher besonders agil sein, um schnell auf Bedürfnisse reagieren zu können. Beispiele von erfolgreichen Digitalisierungsprozessen einzelner Unternehmen und Pilotprojekte sind wünschenswert, um Arbeitgebern ein Vorbild zu geben.

Welche Förderung benötigen Unternehmen Ihrer Erfahrung nach auf ihrem Weg zur Digitalisierung?

Prof. Dr. Bertschek: In verschiedenen Studien, die das ZEW durchgeführt hat, werden immer wieder drei Faktoren genannt, die aus Sicht der Unternehmen die Digitalisierung hemmen: Dies sind Bedenken bezüglich der Datensicherheit und des Datenschutzes, unzureichende Breitbandgeschwindigkeit und ein Mangel an IT-Kompetenzen bei den Beschäftigten. An diesen Stellen kann also eine Förderung ansetzen, wobei gerade bei den IT-Kompetenzen die Unternehmen auch selbst gefragt sind und ihren Beschäftigten regelmäßig entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten sollten.

In Gesprächen mit Unternehmen zeigt sich auch immer wieder, dass diese bei der Digitalisierung von gut strukturierten Informationen, von Best Practice-Beispielen und von Kooperationen profitieren können.

Vielen Dank für das Interview, Prof. Dr. Bertschek und Prof. Dr. Gornig.