Anja Schlicht
Anja Schlicht

Leitung Newsredaktion

Digitalisierung des Alltagslebens braucht klare Regeln

Im Zuge der Industrie 4.0 sollen Prozesse vereinfacht werden, ob auf wirtschaftlicher Ebene oder im Lebensalltag jedes Einzelnen. Dadurch könnten jedoch Arbeitsplätze wegfallen, so die Befürchtungen. Daher mahnt Prof. Dr. Daniel Buhr von der Universität Tübingen trotz der vielen Vorteile, die die Industrie 4.0 mit sich bringt, die Entwicklungen genau zu beobachten.

Die Digitalisierung von Arbeitsprozessen ist in Deutschland in vollem Gange. Viele Unternehmen haben dabei „schon sehr früh die Weichen gestellt“, sagt Prof. Dr. Daniel Buhr von der Universität Tübingen. Er befasst sich seit Jahren intensiv mit der Industrie 4.0 und damit, wie sich diese auf die Wirtschaft und die Gesellschaft auswirkt.



Im Interview mit finanzen.de macht er vor allem auf zwei gesellschaftsrelevante Aspekte aufmerksam: Für Beschäftigte geht die Industrie 4.0 zwar mit vielen Chancen einher. Doch die Risiken wie Arbeitsplatzverlust und Entgrenzung müssen beobachtet werden. Gleiches gilt für den Einzug von künstlicher Intelligenz im Alltagsleben. Hier fordert Prof. Buhr, klare Regeln zu setzen.

Herr Prof. Dr. Buhr, über die Industrie 4.0 wird seit vielen Jahren gesprochen. Wie gut sind die großen, mittleren und kleinen Unternehmen für das digitale Zeitalter gerüstet?

Prof. Dr. Daniel Buhr: Einige Akteure in Deutschland haben schon sehr früh die Weichen gestellt. Schließlich ist der Begriff „Industrie 4.0“ auch eine deutsche Erfindung, der sich weltweit einer erstaunlichen Prominenz erfreut. Grund dafür ist, dass es gerade deutsche Forschungsinstitute und Unternehmen, aber vor allem die Acatech und ihr ehemaliger Vorsitzender, Professor Henning Kagermann, sowie Verbände wie Bitkom, VDMA und ZVEI waren, die diese Entwicklungen sehr stark vorantrieben.

Allerdings unterscheidet sich der Digitalisierungsgrad von Unternehmen enorm. Zugespitzt formuliert: Je größer das Unternehmen, desto ernster nimmt es die Digitalisierung.

Gibt es hierzulande Vorreiter und wenn ja, welche?

Prof. Dr. Daniel Buhr: Neben der ITK- und der Medien-Branche sind vor allem der Maschinen- und Anlagen- sowie der Fahrzeugbau als Vorreiter zu nennen, aber auch die chemische Industrie und der Agrarsektor. Es ließen sich viele Unternehmen nennen. Große und bekannte wie Bosch oder Siemens waren von Beginn an dabei sowie Mittelständler wie Trumpf, Festo oder Wittenstein.

Welche Branche oder welches Anwendungsgebiet kann am meisten von der Industrie 4.0 profitieren?

Prof. Dr. Daniel Buhr: Der Begriff Industrie 4.0 zielt vor allem auf die Produktion, beispielsweise die Vernetzung von Fertigungsanlagen, das Entstehen globaler Wertschöpfungsnetze oder die Entwicklung neuer Geschäftsfelder durch digitale Serviceangebote ab.

Bei allem spielen Daten eine wesentliche Rolle. Denn durch enorme technologische Sprünge ist es heute möglich und ökonomisch durchaus sinnvoll, nahezu jedes Objekt mit einer IP-Adresse, entsprechender Sensorik und Aktorik zu versehen. So entstehen „Smarte Objekte“. Das erlaubt es durch fundierte Prognosen schnell auf Veränderungen am Markt oder Schwierigkeiten in der Lieferkette zu reagieren.

Das könnte Fehler vermeiden, die Produktion schneller und ressourcenschonender gestalten – aber eben auch den rund 15 Millionen Beschäftigten helfen, die allein in Deutschland von der produzierenden Wirtschaft abhängen. Schon heute profitieren viele Beschäftigte von hilfreichen Assistenzsystemen und Informationen, die uns das richtige Entscheiden erleichtern.

Andererseits entstehen auch Risiken: die Entgrenzung, Beschleunigung und Verdichtung, aber auch der Verlust von Arbeit. Da müssen wir ganz genau hinschauen.

Wie schlägt sich Deutschland im internationalen Vergleich bei der Umsetzung der vierten industriellen Revolution?

Prof. Dr. Daniel Buhr: Eigentlich sind die Voraussetzungen recht gut. Die deutsche Industrie ist seit Jahren international sehr wettbewerbsfähig. Dafür sorgen auch wichtige, demokratische Organisationen, Verbände und Gewerkschaften oder Institutionen wie die Mitbestimmung, die duale Ausbildung oder die DIN. Das erlaubt Kooperation und vertrauensvollen Austausch, was eine ganz wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche Innovationsprozesse ist.

Allerdings investieren leider nicht alle Unternehmen genügend in Forschung, digitale Infrastruktur und Qualifizierung der Beschäftigten. Das könnte sich schon sehr bald rächen. Denn viele Unternehmen, zum Beispiel in den USA, Südkorea, Japan oder China, nehmen hier richtig viel Geld in die Hand.

Welche Rolle spielt die Politik bei der Industrie 4.0?

Prof. Dr. Daniel Buhr: Hier finden sich Licht und Schatten. Sehr positiv zu nennen sind Kooperationen wie die Plattform Industrie 4.0 oder der Dialogprozess Arbeit 4.0. Angestoßen von verschiedenen Bundesministerien wird dort seit vielen Jahren gemeinsam an Lösungen und Standards gearbeitet. Da wird durchaus mit sehr großem Respekt aus dem Ausland hingeschaut, auch auf die Forschungslandschaft in Deutschland.

Aber es gibt eben auch Schattenseiten. Zuvorderst ist natürlich der sehr zögerliche Ausbau der digitalen Infrastruktur zu nennen, aber auch die geringen Investitionen in Bildung und Qualifizierung.

Zudem gilt es viel mehr, Europa als Chance für die Menschen zu begreifen. Dafür müssen wir einen großen, gemeinsamen Wirtschaftsraum mit ähnlichen Werten, technischen wie sozialen Standards und Institutionen etablieren. Dieser dürfte gerade in langfristiger Perspektive autokratischen Systemen oder sehr marktradikalen Modellen des „The Winner takes it all“-Prinzips deutlich überlegen sein. So gesehen könnte diese digitale Transformation auch in Deutschland politisch noch aktiver gestaltet werden.

Für viele Verbraucher ist das Thema Industrie 4.0 nur schwer greifbar. Können Sie daher abschließend sagen, wie sich diese auf ihren Lebensalltag auswirkt?

Prof. Dr. Daniel Buhr: Die großen Versprechen der Industrie 4.0 sollten eigentlich auch bei den Verbrauchern ankommen:

  • weniger Ressourcenverbrauch
  • schnellere Produktionszyklen
  • günstigere Produkte
  • individuelle Dienstleistungen

Das ganze Maß der Veränderung zeigt sich jedoch erst, wenn wir den Blick weg von der reinen Fokussierung auf die Industrie etwas weiten. Dann zeigen sich die Chancen für gesünderes und gutes Arbeiten, wenn beispielsweise Roboter einschläfernde Routine- oder gar ungesunde Tätigkeiten übernehmen, wir mehr von zu Hause aus arbeiten können oder von neuen, praktischen Dienstleistungen profitieren. Dazu zählen Tele-Konsile in der Medizin und Pflege, individualisierte Lernangebote im Bildungswesen oder das elektronische Antragswesen in der öffentlichen Verwaltung.

Gerade durch maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz ergeben sich große Potenziale für bessere Diagnostik und Prävention – aber auch für Überwachung oder eine weitere Spaltung in der Gesellschaft. Hier gilt es die Digitalisierung aktiv zu gestalten. Das heißt sowohl den Ausbau der digitalen als auch sozialen Infrastruktur zu forcieren: beherzt in Bildung, Qualifizierung und Forschung zu investieren und, wo es sein muss, auch klare Regeln zu setzen.

Vielen Dank für das Interview, Herr Prof. Dr. Daniel Buhr.