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Digitalisierung öffnet Frauen neue Arbeitsbereiche

Die Digitalisierung der Arbeitswelt wird von vielen Frauen als Chance wahrgenommen, sich beruflich zu verwirklichen. Denn der Wandel öffnet nicht nur neue Tätigkeitsfelder. Diese versprechen auch ohne starre Kernarbeitszeiten auszukommen. Doch die digitale Arbeitswelt kommt nicht ohne Schattenseiten, erklärt Dr. Kira Marrs vom ISF München im Interview.

Veröffentlicht am 8. März 2017

Die Forderung nach einer geschlechtergerechten Arbeitswelt wird immer lauter. Die umgesetzte Frauenquote in den größten DAX-Unternehmen ist nur ein Beispiel für den Umbruch. Eine weitere zentrale Möglichkeit, um ein gerechteres Arbeitsleben für alle Geschlechter zu gestalten, ist laut Dr. Kira Marrs vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München (ISF) die Digitalisierung. Denn sie öffnet Frauen neue Arbeitsbereiche. Welche Tätigkeitsfelder derzeit vor allem betroffen sind und mit welchen Gefahren der Wandel noch zu kämpfen hat, verrät die Expertin im finanzen.de-Interview.

Die Digitalisierung verspricht einst männlich dominierte Arbeitsbereiche, wie die Automobilindustrie, für Frauen zu öffnen. Denn die geforderten neuen Kompetenzen beschränken sich längst nicht mehr aufs Ingenieurwesen, wo Frauen traditionell unterrepräsentiert sind. Haben Sie den Eindruck, dass Frauen jetzt die Karrieretür offensteht?

Dr. Marrs: Die Digitalisierung bietet das Potenzial, die Forschungs- und Entwicklungsbereiche auch in der Automobilindustrie für Frauen zu öffnen und attraktiver zu gestalten, da sich Anforderungsprofile verändern. Mit der zunehmenden Bedeutung von Software im Verhältnis zur Hardware entfernt sich Arbeit zunehmend vom stofflichen Gegenstand, sie wird abstrakter und kann am Rechner simuliert werden. Wenn im Automotivbereich ein Großteil der Bremssysteme nicht mehr auf der Teststrecke, sondern im Labor getestet werden kann, dann braucht man nicht mehr „Benzin im Blut“ zu haben, um in diesem Bereich zu arbeiten. Herkömmliche geschlechtsspezifische Vorstellungen von Berufsbildern weichen auf und damit entstehen attraktive Frauenerwerbstätigkeiten der Zukunft.

Darüber hinaus spielt Marketing, Userexperience und Kommunikation eine immer entscheidendere Rolle. Das sind Bereiche, in denen Frauen traditionell stark vertreten und in denen bislang als „weich“ geltende Skills wie Kommunikationsstärke sowie kooperative und emotionale Intelligenz gefragt sind. Und die Bedeutung genau dieser Skills nimmt auch in allen anderen Tätigkeitsbereichen zu, in denen sich vernetztes und kollaboratives Arbeiten mehr und mehr durchsetzen. Diese Entwicklung bringt einen zentralen Vorteil für Frauen mit sich.

Nehmen Frauen vorhandene Chancen ausreichend wahr?

Dr. Marrs: Der gerade beschriebene Umbruch in Unternehmen, ist noch relativ jung. Firmen fangen jetzt erst an, sich neu zu erfinden. In diesem Neufindungsprozess rückt auch ein Kulturwandel in den Fokus hin zu mehr Chancengleichheit und Rahmenbedingungen, die unter anderem der jüngeren Beschäftigtengeneration mit ihren Wertevorstellungen entgegen kommen sollen. In der Folge ändern Unternehmen zum Beispiel die Anforderungsprofile in ihren Stellenausschreibungen oder setzen flexible Arbeitszeitmodelle um, die für viele Frauen besser mit ihrer Lebensrealität vereinbar sind. Meine Einschätzung ist, dass viele Frauen, die sich früher schwer damit getan haben, sich in männlich dominierten Führungszirkeln zu positionieren, den digitalen Wandel als Chance erkennen, neue Karrierewege zu gehen.

Nützt die Digitalisierung Frauen aus allen Berufsrichtungen?

Dr. Marrs: Leider nein. Wir stehen erst am Beginn der digitalen Transformation und die Frage ist: Wo geht die Reise hin? Diese Frage ist noch nicht geklärt und die gesellschaftlichen Konsequenzen sind auch erst in Ansätzen fassbar. Chancen und Risiken liegen aber insbesondere für Frauen eng beieinander. Gerade in den indirekten Bereichen der Industrie und der Dienstleistungen, beispielsweise im Office-Bereich mit seinem in der Regel hohen Frauenanteil, beobachten wir einen großen Nachholbedarf in Richtung digitaler Prozesse.

In welchen Berufsfeldern ist ein Wandel besonders spürbar?

Dr. Marrs: Die IT-Branche und das Ingenieurswesen sind in Deutschland die Vorreiter der Digitalisierung. Dort sind die größten Veränderungen in den Rollenbildern von traditionellen Arbeitsbereichen zu erkennen. Die Unternehmen haben gemerkt, dass sie anpassungsfähig, kundenorientiert und gut vernetzt sein müssen, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Das eröffnet eine Bandbreite an neuen Tätigkeitsbereichen, für die derzeit viele Frauen sehr gut qualifiziert sind. Beispiele hierfür sind Kommunikation, Wirtschaftsinformatik oder auch Betriebswirtschaft.

Digitalisierung soll auch Flexibilität bringen. Diese fordern Frauen seit Jahren, um Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bekommen. Ein zentraler Kritikpunkt an flexiblen Arbeitszeiten und Orten ist jedoch die ständige Erreichbarkeit. Wie können Firmen und Angestellte diesem Risiko entgegenwirken?

Dr. Marrs: Durch ein Führungsverhalten, das sensibilisiert ist für mögliche Risiken und zusätzliche Belastungen, die mobile und flexible Arbeitsmodelle mit sich bringen können. Führungskräfte berichten uns beispielsweise, dass sie genau hinsehen, wann sie E-Mails an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versenden. Viele Unternehmen machen aber gerade auch Betriebsvereinbarungen zur Mobilarbeit. Sie klären ganz zentrale Fragen: Kann man zu Hause arbeiten, wird die Mobilarbeit außerhalb des Betriebs als echte Arbeitszeit anerkannt, gibt es Präsenzzeiten und wie sieht es mit dem Recht auf Nicht-Erreichbarkeit für Beschäftigte aus?

Andererseits muss man genau hinsehen, warum viele Beschäftigte scheinbar selbst der Entgrenzung von Arbeit Tür und Tor öffnen und beispielsweise am Abend oder im Urlaub ihre Mails überprüfen. Hier spielen häufig auch existentielle Unsicherheiten mit hinein: Wann kann ich es mir erlauben, einem Vorgesetzten nicht zu antworten? Wir sprechen hier von einem „System permanenter Bewährung“, das es zu knacken gilt, damit Beschäftigte sich besser behaupten können.

Vielen Dank für das Interview, Frau Dr. Marrs.

Das Interview führte Cora Christine Döhn.