Rentnerin schaut aus Fenster
Anja Schlicht
Anja Schlicht

Redaktionsleitung

„Einsamkeit im Alter bedeutet enormen Verlust der Lebensqualität“

Fast jede zweite Frau über 65 Jahren lebt allein, bei den Männern ist es etwa jeder Dritte, so das Statistische Bundesamt. Während einige von ihnen mit ihrem Singlehaushalt zufrieden sind, fühlen sich andere einsam. Auf Dauer kann diese Einsamkeit fatale Folgen für die eigene Gesundheit haben.

Während es vor einigen Jahrzehnten noch selbstverständlich war, als Familie eng beieinander zu wohnen, liegen heute nicht selten mehrere hundert Kilometer zwischen den Familienangehörigen. Besuche bei den Eltern oder Oma und Opa sind dann eher rar. Leben sie zudem allein und haben generell wenig bis keinen Kontakte zu anderen Mitmenschen, kann sich bei ihnen schnell ein Gefühl von Einsamkeit einstellen.

Dabei ist „Einsamkeit ein Phänomen unserer Zeit“, heißt es im Thesenpapier „(Gem)einsame Stadt“, das vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und von der Körber-Stiftung verfasst wurde. Zusammen haben die Experten Handlungsempfehlungen ausgearbeitet, wie Städte und Kommunen gegen Einsamkeit ihrer alternden Bevölkerung vorgehen können. Warum diese Maßnahmen so wichtig sind und welche Trends Einsamkeit begünstigen, erklärt Dr. Tanja Kiziak vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung im Interview mit finanzen.de

Frau Dr. Kiziak, bekommt das Thema Einsamkeit im Alter genug politische Aufmerksamkeit?

Dr. Tanja Kiziak: Wir haben das Gefühl, mit unserem Thesenpapier „(Gem)einsame Stadt“ einen Nerv der Zeit getroffen zu haben. Das Papier wird von kommunalen Verwaltungen, Landratsämtern, Bürgermeistern und Stadträten, aber auch zivilgesellschaftlichen oder kirchlichen Einrichtungen stark nachgefragt. Wir erhalten zudem viele Vortragsanfragen – das Publikum reicht von Quartiersmanagern über Pfarrern hin zu Bundestagsabgeordneten. Wir nehmen somit eine große Bereitschaft wahr, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und in der Praxis anzugehen.

Gibt es ein Land mit Vorbildfunktion, an dem sich Deutschland im Umgang mit Älteren orientieren kann?

Dr. Tanja Kiziak: Ein guter Umgang mit Älteren umfasst weit mehr als nur Barrierefreiheit. Wer altersfreundlich sein möchte, muss auch dafür sorgen, dass Ältere in die Gesellschaft eingebunden sind, an ihr teilhaben. Das sieht auch die Weltgesundheitsorganisation so, die ein internationales age-friendly-Netzwerk ins Leben gerufen hat. So ziemlich jedes Mitglied dieses Netzwerks eignet sich als Vorbild für gute lokale Praxis.

Wenn es darum geht, Aufmerksamkeit fürs Thema Einsamkeit zu schaffen, ist Großbritannien ein Vorreiter – zumindest bevor der Brexit alle Themen in den Schatten stellte. Hier geht es aber nicht nur um die Einsamkeit Älterer. Die britische Regierung ernannte 2018 eine Einsamkeitsministerin. Einsamkeit fließt seither als Querschnittsthema in verschiedene Strategien der Ministerien für Gesundheit, Bildung, Wohnen, Wirtschaft, Digitales und Transport ein und wird in Zukunft beispielsweise im Schulunterricht thematisiert.

Zusätzliche Gelder stehen für Präventionsmaßnahmen wie die Etablierung von Gemeinschaftsorten zur Verfügung. Eine große Kampagne mehrerer britischer Stiftungen sorgt für zusätzliche mediale Aufmerksamkeit: In den sozialen Medien wird dafür geworben, wieder mehr auf andere Menschen zuzugehen und Einsamkeit im eigenen Umfeld nicht einfach auszublenden.

Welche Faktoren führen dazu, dass künftig mehr Menschen im Alter einsam sein werden?

Dr. Tanja Kiziak: Verschiedene Studien bestätigen, dass der Anteil von Menschen, die von Einsamkeit betroffen sind, ab einem Alter von 75 Jahren kontinuierlich ansteigt. Allerdings ist diese Einsamkeitsquote über die letzten Jahre und Jahrzehnte konstant geblieben. Die Herausforderung wird trotzdem größer, weil die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer schon bald in ein Alter kommen, in dem die Einsamkeit ein Thema werden kann.

Dabei ist Einsamkeit im Alter keine Zwangsläufigkeit. Faktoren, die Einsamkeit bedingen, sind etwa:

  • Armut
  • Krankheit
  • Mangelnde Mobilität
  • Geringe Bildung

Alleinstehende fühlen sich eher einsam – und auch ein Mangel an sinnvollen Aufgaben kann Gefühle der Einsamkeit hervorrufen.

Die Faktoren unterliegen gesellschaftlichen Trends. Einerseits wird die Altersarmut insgesamt steigen, mehr Menschen werden ohne Partner und Kinder alt und der Infrastruktur-Abbau im ländlichen Raum wird eher zunehmen. Diese Entwicklungen begünstigen Einsamkeit. Andererseits werden sich mehrere Trends auch positiv auf die Einsamkeit der morgigen Älteren auswirken: Diese werden durchschnittlich so mobil, gesund, gebildet, engagiert und digital aktiv alt wie keine Vorgängergeneration vor ihnen. Während die einzelnen Risikofaktoren also teils in die eine, teils in die andere Richtung weisen, ist die demografische Entwicklung klar vorgezeichnet: Die Anzahl Älterer steigt und damit auch die Zahl der potenziell Einsamen.

Welche Folgen hat Einsamkeit für die Betroffenen?

Dr. Tanja Kiziak: Einsame Menschen sind weniger gesund – wobei Krankheit aber nicht nur Folge, sondern auch Ursache von sozialer Isolation sein kann. Zahlreiche Studien zeigen, dass sich Einsamkeit negativ auf die Gesundheit auswirkt: Einsamkeit führt zu erhöhtem Blutdruck und steigert damit das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Einsamkeit und soziale Isolation begünstigen außerdem psychische Erkrankungen sowie Demenz, Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen. Auf die Gesundheit wirkt sich auch aus, dass einsame und sozial isolierte Menschen vergleichsweise häufig rauchen, unter Übergewicht leiden und seltener Sport treiben.

Wenn sie gesundheitlich angeschlagen sind, fehlt einsamen Älteren der soziale Rückhalt, den sie benötigen, um weiter unabhängig zu Hause leben zu können. Die Konsequenz: Einsame und isolierte Senioren werden früher pflegebedürftig, unabhängig von sonstigen Erkrankungen. Zudem wurde nachgewiesen, dass Ältere, die unter chronischer Einsamkeit leiden, öfter zum Arzt gehen, ohne jedoch häufiger zur Behandlung ins Krankenhaus eingewiesen zu werden. Einsamkeit im Alter bringt somit nicht nur einen enormen Verlust an Lebensqualität für den Einzelnen, sondern kommt auch die Gesellschaft teuer zu stehen.

Sie haben fünf Handlungsempfehlungen gegen Einsamkeit ausgearbeitet. Welche ist Ihrer Meinung nach die wichtigste?

Dr. Tanja Kiziak: Egal, ob man soziale Aktivitäten anbietet, öffentliche Räume als Begegnungsort gestaltet, das Wohnen mit Anschluss fördert oder andere Maßnahmen gegen Einsamkeit verfolgt, wichtig ist bei allem das Wann und Wie.

Zum Wann: Engagementmöglichkeiten oder neue Wohnformen sollten Menschen angeboten werden, bevor sie vereinsamt sind – also im besten Fall schon in Lebensphasen, in denen sie beruflich und familiär gut eingebunden und gesundheitlich fit sind.

Zum Wie: Infrastruktur und Angebote gegen Einsamkeit sollten nicht als solche explizit benannt sein. Niemand will als „einsam“ stigmatisiert werden.

Was können die Senioren selbst tun?

Dr. Tanja Kiziak: Menschen, die an Aktivitäten mit anderen teilhaben und sich engagieren, fühlen sich seltener einsam. Daher sollten sich Senioren Anschluss und Aufgaben suchen. Für jemanden, der sich bereits seit Längerem einsam fühlt, ist dies aber leichter gesagt als getan. Menschen ziehen sich durch lange Einsamkeit immer mehr in die private Sphäre zurück und trauen sich nicht, von sich aus an öffentlichen Angeboten teilzunehmen. Sie müssen durch zugewandte, aktivierende Beratungsangebote und ein sensibles, nicht-stigmatisierendes Umfeld an Teilhabemöglichkeiten herangeführt werden. Telefon- oder Besuchsdienste durch Ehrenamtliche sind hierfür ein gutes Beispiel.

Können das Internet und soziale Netzwerke dabei helfen, sich im Alter weniger einsam zu fühlen?

Dr. Tanja Kiziak: Die Digitalisierung und ihre Kommunikationskanäle schaffen neue Formen des Austausches. Sie können auch Mobilitätsangebote in dünn besiedelten Gebieten ermöglichen, sodass Ältere dank ihnen Anschluss an nicht-virtuelle Angebote erhalten. Die heutigen Senioren stehen den digitalen Medien jedoch mehrheitlich kritisch oder desinteressiert gegenüber – zwei Drittel der 75- bis 85-Jährigen sind „internet-abstinent“.

In den älteren Jahrgängen ist auch noch das traditionelle Geschlechterbild spürbar, in dem Technik einen „typisch männlichen“ Bereich darstellt: Ältere Frauen nutzen die neuen Technologien deutlich weniger als die Männer. Noch stärker als ein hohes Alter ist allerdings der Effekt des Einkommens auf die Internetnutzung: Bei den über 65-Jährigen mit niedrigem sozioökonomischen Status nutzen es lediglich 23 Prozent.

Die jüngeren Generationen werden den „digitalen Graben“ teilweise überwinden: Denn die heute 65- bis 74-Jährigen haben die Anfänge der digitalen Revolution teilweise noch im Berufsleben miterlebt und sind dem Internet und Smartphones gegenüber deutlich aufgeschlossener. 51 Prozent nutzen das Internet mehrmals pro Woche oder häufiger.

Vielen Dank für das Interview, Frau Dr. Kiziak.