Freiwilligendienst: Erfahrungen für alle Lebensbereiche sammeln

Viele junge Erwachsene zieht es nach der Schule, der Ausbildung oder der Uni ins Ausland. Dort treffen sie meist auf ungewohnte Herausforderungen. Anna Veigel, Leiterin des Freiwilligendiensts kulturweit, erklärt im finanzen.de-Interview, welche Kompetenzen junge Menschen durch ihre Zeit in der Ferne erlernen und wie sie ihr ganzes Leben von den Erfahrungen zehren können.

Mit einem Auslandsaufenthalt sammeln junge Menschen nicht nur wertvolle Lebenserfahrung, sondern erwerben auch Eigenschaften, von denen sie ihr Leben lang profitieren können. Softskills wie Selbstständigkeit, Flexibilität, Selbstvertrauen, Offenheit und Problemlösungsorientierung lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer quasi automatisch unterwegs.



Bei einem Austausch geht es der kulturweit-Leiterin Anna Veigel jedoch besonders um ein ausgewogenes Verhältnis von Geben und Nehmen. Wer an einem Freiwilligendienst teilnimmt, ist nicht auf einer Hilfsmission. Im Fokus steht ein respektvoller Austausch auf Augenhöhe, von dem alle Beteiligten profitieren, Spaß haben und etwas lernen.

Was treibt Jugendliche Ihrer Erfahrung nach an, sich für einen Freiwilligendienst zu bewerben und was erhoffen sich diese davon?

Anna Veigel: Wir machen die Erfahrung, dass sich viele junge Menschen für einen Auslandsaufenthalt entscheiden, weil sie sich ausprobieren wollen. Viele von ihnen sind neugierig, ob die Welt wirklich so ist, wie sie sich vorstellen. Ein großer Teil der jungen Erwachsenen, der sich bei uns bewirbt, empfindet die Auszeit zwischen Schule und Studium oder Ausbildung zudem als Luxus. Manche der Bewerberinnen und Bewerber möchten aber auch ganz konkret herausfinden, ob für sie ein Leben als Expat – also als Fachkraft im Ausland – infrage kommt.

Wie unterstützen Sie die Jugendlichen, die sich bei kulturweit bewerben, bei ihrer persönlichen Weiterentwicklung?

Anna Veigel: Bevor die jungen Menschen ihren Freiwilligendienst beginnen, nehmen sie an einem zehntägigen Vorbereitungsseminar teil. Dort besprechen sie ihre Erwartungen und die Herausforderungen, die auf sie zukommen. Alle positiven und negativen Erfahrungen, die unsere Freiwilligen unterwegs machen, werden zudem in einem fünftägigen Zwischenseminar mit pädagogischer Leitung thematisiert. Die jungen Menschen finden sich während ihres Freiwilligendienstes oft in ganz ungewohnten Situationen wieder und stoßen auch manchmal an ihre Grenzen. Solche Gefühle können im Zwischenseminar besprochen werden.

Wenn die jungen Erwachsenen zurück nach Hause kommen, haben sie meist eine steile Lernkurve hinter sich. Sie haben gelernt, nicht so streng mit sich zu sein, über ihren Tellerrand zu schauen und zu akzeptieren, dass Dinge anderswo auch anders laufen. Für sich selbst bringen sie meist sehr viel Mut und Lebenslust mit sowie die Gewissheit, dass alle Probleme lösbar sind, und ein Bewusstsein dafür, was sie glücklich macht.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen also mit einem sehr reichen Erfahrungsschatz zurück. Was sind in Ihren Augen die drei wichtigsten Kompetenzen, die sie für ihr späteres Berufsleben erwerben?

Anna Veigel: Unsere Freiwilligen lernen, dass ihr Handeln relevant ist und sie auch im Kleinen einen Unterschied machen können. Das bringt ihnen eine ganze Menge, vor allem Selbstständigkeit, Geduld und Selbstsicherheit. Obwohl kulturweit ein Lern- und kein Karriereprogramm ist, können die Absolventen von unserem großen Alumninetzwerk natürlich auch beruflich profitieren.

Wer mit kulturweit einen Freiwilligendienst antritt, arbeitet in Kultur- und Bildungseinrichtungen auf der ganzen Welt. Welche Fähigkeiten sollten Freiwillige dafür mitbringen? Haben sich die Anforderungen in den letzten Jahren geändert?

Anna Veigel: Die Anforderungen sind bei uns von Beginn an die gleichen geblieben. Veränderungen in der beruflichen Welt haben das nicht beeinflusst. Was wir von unseren Bewerberinnen und Bewerbern in erster Linie verlangen, ist eine hohe Motivation. Sie sollten zudem nicht zu festgefahren sein, in welche Weltregion sie möchten – zumindest erhöht Flexibilität die Chance, ausgewählt zu werden.

Darüber hinaus ist uns wichtig, dass unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich nicht als „Retter in der Not“ betrachten. Sie sind keine Helfer, sondern haben die Chance, mit und von den Menschen in ihren Einsatzstellen zu lernen. Dafür arbeiten wir mit allen Partnerorganisationen auf Augenhöhe zusammen. Wir helfen einander und lehnen Hierarchien unter Partnern ab.

Vielen Dank für das Interview, Frau Veigel.