Josephien Albrecht
Josephien Albrecht

Content-Managerin

GameStop: Revolution der Kleinanleger oder korruptes Finanzspiel?

Es ist ein Börsenkrimi: Kleinanleger haben mit der Verabredung zum Investment in GameStop-Aktien den großen Hedgefonds eins ausgewischt. Oder war es doch andersrum? Was vorgefallen ist, ob ein Investment noch lohnt und was Short-Seller, WallstreetBets & Co. eigentlich machen, erklärt finanzen.de!

David gegen Goliath, der Kampf der Hobby-Anleger gegen die Profi-Manager großer Hedgefonds – das titelten während der Börsenturbulenzen der letzten Woche viele Medien. Inzwischen sieht es jedoch ganz so aus, also ob es sich eher um einen Kampf Goliath gegen Goliath gehandelt hat und David nur ein bisschen mitspielte.

Denn es gibt erste Anhaltspunkte, dass es zwischen dem Neo-Broker Robinhood und dem Hedgefonds Citadel Securities illegale Absprachen gegeben haben könnte. Immerhin geht das US-amerikanisches Finanzdienstleistungsunternehmen Citadel LLC, anders als der gebeutelte Hedgefonds Melvin Capital, als Gewinner aus dem GameStop-Hype. Doch ganz von Anfang.

Was ist GameStop und warum gab es einen Ansturm auf die Unternehmensaktien?

GameStop ist eine US-amerikanische Einzelhandelskette, die auch in Deutschland mit zahlreichen Filialen in Einkaufszentren zu finden ist. Sie verkaufen Computer- und Konsolenspiele in physischer Form. Ein Geschäftsmodell – das zumindest nach Ansicht einiger großer Hedgefonds – keine Zukunft hat. Denn nicht erst seit, aber auch bedingt durch die Corona-Krise erwerben viele Gamer ihre Spiele direkt online. Mit sogenannten Short-Sellings, also Leerverkäufen, hatten einige Hedgefonds deshalb auf den Fall der Kurse für GameStop gesetzt.

Private Anleger im Reddit-Forum WallstreetBets sahen dies ganz anders: Sie halten die GameStop-Aktie für unterbewertet. Neben einer Liebe für den Game-Retailer trieb viele User des Forums jedoch auch der Wunsch an, es den Profi-Investoren einmal richtig zu zeigen und den Hedgefonds das Fürchten zu lehren.

Ein Plan, der aufging. So verabredeten sich die Kleinanleger der öffentlich zugänglichen Reddit-Gruppe zum Kauf der GameStop-Aktien. WallstreetBets zählt über neun Millionen Mitglieder und trieb dank der Vielzahl sich beteiligender Klein-Investoren die GameStop-Aktie zwischenzeitlich um über 1.000 Prozent in die Höhe. Prominente wie Tesla-Gründer Elon Musk befeuerten den Hype mit Tweets.
Auch auf dem deutschen Forumsableger „Mauerstrassenwetten” teilten Reddit-Mitglieder ihre Käufe der GameStop-Aktien.

Der unerwartet enorme Kursanstieg der Aktie führte dazu, dass der Hedgefonds Melvin Capital fast vor dem Aus stand.

Was sind eigentlich Hedgefonds und wie hängen sie mit Short-Sellings zusammen?

Zu deutsch heißen Short-Sellings Leerverkäufe. Sie werden als charakteristisches Merkmal für den Handel bei Hedgefonds angesehen. Leerverkäufer spekulieren auf den Fall einer Aktie. Sie verdienen Geld somit genau umgekehrt zum Otto Normal-Anleger, der ja versucht eine Aktie günstig zu kaufen und bei hohem Kurs zu verkaufen.

Short-Seller sind auf Wertpapierleiher angewiesen. So leiht sich der Short-Seller eines Hedgefonds beispielsweise bestimmte Aktien bei einem anderen Fonds. Der Short-Seller zahlt dem Werpapierleiher dafür eine Leihgebühr, außerdem wird ein Zeitpunkt X festgelegt, an dem der Short-Seller die Wertpapiere an den Verleiher zurückgeben muss. Da das Risiko des Wertpapierverleihers sehr hoch ist, bekommt er vom Short-Seller zusätzlich weitere Sicherheiten, wie europäische Staatsanleihen in der Höhe der verliehenen Aktien.

Der Short-Seller nimmt nun seine ausgeborgten Aktien und verkauft diese – die ihm ja nicht gehören – am Markt. Er spekuliert hier auf den Fall des Kurses für jene Aktien, um sie später für einen geringeren Preis zurückzukaufen und dann dem Verleiher zurückzugeben. Der Gewinn des Short-Sellings ist dann der Ertrag aus dem Verkauf der geliehenen Aktien minus der Ausgabe, die er für deren Rückkauf tätigen musste (und minus der Leihgebühr).

Solche Leerverkäufe sind hochspekulativ und damit riskant. Anders als der normale Anleger, der maximal die von ihm investierte Geldmenge verlieren kann, kann der Verlust des Short-Sellers unendlich sein. Denn eine Aktie kann in der Theorie unendlich steigen und der Leerverkäufer muss die Aktien auch bei extrem gestiegenem Kurs (und nicht wie erwartet gesunkenem Kurs) kaufen, um sie seinem Wertpapierleiher pünktlich zurückgegeben. Bei normalen Investmentfonds sind Leerverkäufe nicht erlaubt.

Für die Manager von Hedgefonds gehören solche risikoreichen Short-Sellings jedoch zum Tagesgeschäft. Sie versuchen ihre Fonds so nicht nur gegen fallende Kurse abzusichern, sondern auch teils extrem hohe Rendite zu machen. US-Star-Hedgefondsmanager Jim Simons hat beispielsweise laut Wall Street Journal über Jahrzehnte hinweg durchschnittlich 45 Prozent Rendite erzielt. Hedgefonds sind nur einer kleinen Personengruppe offen, da man für ein Investment als Privatperson extrem vermögend sein muss.

Welche Probleme verursachte der rasante Kursanstieg bei den Hedgefonds?

Zurück zum GameStop-Fall: Durch den extremen Kursanstieg der Aktie bekamen Hedgefondsmanager, die auf den Kursabfall gesetzt hatten, sogenannte Margin-Calls von ihren Wertpapierverleihern. Mit einem solchen Anruf verlangt ein Verleiher mehr Sicherheiten vom Short-Seller, denn der Verleiher hat schließlich nur die Sicherheiten in Höhe des vorherigen Kurses bekommen. In der Hoffnung, dass die Kurse noch fallen, geben die Manager weitere Sicherheiten an ihre Verleiher.

Fällt die Aktie weiterhin nicht, hat der Short-Seller ab einem bestimmten Zeitpunkt keine weiteren Sicherheiten mehr, die er seinen Wertpapierverleihern geben könnte. Der Werpapierverleiher kann dann seine Aktien zurückverlangen – was bedeutet, dass der Short-Seller seine Position schließen muss und die Aktien zum nun extrem hohen Preis kauft, um sie dem Verleiher zurückzugeben. Somit realisiert der Short-Seller seine Verluste und ein Short-Squeeze entsteht, denn durch den teureren Rückkauf erhöht der Leerverkäufer nochmals den Aktienkurs.

In diese Lage ist unter anderem einer der mächtigsten Hedgefonds der Welt geraten: Melvin Capital. Nur durch Finanzspritzen in Höhe von 2,75 Milliarden Dollar konnte der Riese von den zwei Hedgefonds-Kollegen Point72 und Citadel vor dem Zusammenbruch gerettet werden.

Robinhood, Trade Republic und die Hedgefonds: Gab es Absprachen innerhalb der Branche?

Robinhood und Trade Republic – sogenannte Neo-Broker die insbesondere von jungen Anlegern wie jenen Reddit-Usern genutzt werden – stellten als Reaktion auf die Kursturbulenzen den Handel mit GameStop vorübergehend ein oder beschränkten diesen. Bei Trade Republic war kurze Zeit nur noch der Verkauf, aber nicht mehr der Kauf der GameStop-Aktie möglich.

Derzeitwird geklärt, ob es sich dabei um Marktmanipulation handelt, da die Beweggründe der Broker für die Beschränkung des Aktienhandels für Kleinanleger noch geklärt werden müssen. Die US-Finanzaufsicht und die deutsche Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht prüfen die Geschehnisse aktuell.

Besonders die Verbindung zwischen Robinhood und Citadel sorgt für Spekulationen zu Marktmanipulationen. Robinhood ist ein komplett kostenloser Broker in den USA. Der Broker finanziert sich also nicht von den Trades seiner Anleger, stattdessen verkauft er die Daten zum Tradingvolumen seiner User an andere Finanzplattformen weiter. Dazu gehört auch der Hochfrequenzhändler Citadel Securities. Die gekauften Informationen kann Citadel theoretisch nutzen, um den Markt einzuschätzen.

Da Citadel wiederum in den strauchelnden Hedgefonds Melvin Capital investiert und sich so einen guten Anteil gesichert hat, häufen sich die Anzeichen für Absprachen zwischen Brokern und Hedgefonds. „Es stinkt nach Korruption”, kommentiert der im Fall ermittelnde Generalstaatsanwalt von Texas, Ken Paxton, bereits. In knapp zwei Wochen müssen sich Robinhood-Chef Vladimir Tenev und weitere Beteiligte vor dem US-Finanzausschuss und US-Finanzministerin Janet Yellen zu den Geschehnissen äußern.

Lohnt es für Kleinanleger jetzt noch zu investieren?

Der Kurs der GameStop-Aktie ist nach dem Kurshoch am 26. Januar bereits stark gesunken. Da der Aktienwert nur aufgrund des Einstiegs der zahlreichen Spekulanten, aber völlig entkoppelt von der Unternehmensentwicklung gestiegen ist, ist ein weiterer Wertverlust der Aktie wahrscheinlich. Unternehmensberichte zeigen, dass GameStop seit Jahren keinen Gewinn erzielen konnte. Ein Einstieg zu diesem späten Zeitpunkt mit der Hoffnung, dass die Kurse nochmals in die Höhe schnellen und dann mit schnellen Verkäufen Gewinne erzielt werden können, scheint extrem riskant.

Sicherer als das Investment in Einzelwerte ist die Anlage in Fonds. Besonders breit diversifizierte Indexfonds oder ETFs eignen sich für ein passives Investment nach der Buy-and-Hold-Philosophie. Denn über lange Zeiträume von mindesten zehn Jahren, besser mehreren Jahrzehnten, hat sich der Mittelwert des Gesamtmarktes historisch stets nach oben verschoben. Bei der Wahl des passenden Finanzproduktes gibt die Unterstützung durch Experten im Dschungel der Investmentmöglichkeiten Orientierung.

Beste Geldanlage finden