Annabell Meyer
Annabell Meyer

Redakteurin

Gemeinwohl-Ökonomie: Wirtschaft soll nachhaltig und ethisch sein

Ein möglichst großer Gewinn ist eine bedeutende Kennzahl für den Unternehmenserfolg. Laut dem Verein für Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) sollte der Profit jedoch nicht mehr das Ziel, sondern nur noch ein Mittel zum Zweck sein. Stattdessen ist es wichtig, ein Wirtschaftssystem zu schaffen, das allen Menschen ein gutes Leben ermöglicht.

In der Wirtschaft kommt es vielen Unternehmen in erster Linie auf eine hohe Rendite und maximalen Erfolg an. Dafür werden andere Aspekte wie Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit häufig außer Acht gelassen. Von den hohen Gewinnen vieler Firmen haben die Bürgerinnen und Bürger in der Regel nichts.



Das zu ändern, ist ein Ziel des Vereins zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie e.V. Dieser setzt sich dafür ein, das rein renditeorientierte Wirtschaften abzulösen. Vielmehr sei es wichtig, zu einer nachhaltigen, ethischen und sich dem Gemeinwohl verpflichtenden Wirtschaft zu gelangen. Warum dies wichtig ist, erklärt Wilfried Knorr im Interview mit finanzen.de. Er gehört zu den Sprechern des Vereins und zeigt auf, welche Erfolge die Bewegung bisher erzielen konnte.

Herr Knorr, Ihr Verein setzt sich für eine gemeinwohl-orientierte Wirtschaft ein. Worauf kommt es dabei in Ihren Augen besonders an?

Wilfried Knorr: Es kommt zentral darauf an, die von einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung bereits erkannten Fehlentwicklungen eines umweltzerstörenden, ausbeutenden und ausschließlich auf Rendite ausgerichteten Wirtschaftens umzukehren – hin zu einem nachhaltigen, ethisch verantworteten und sich dem Gemeinwohl verpflichtenden Wirtschaften. Das Geld ist in der Perspektive der Gemeinwohl-Ökonomie nicht mehr Ziel, sondern Mittel zum Zweck. Der Zweck ist das Wohl aller, also die Chance auf ein erfülltes Leben für alle.

Wie ist die deutsche Wirtschaft in Bezug auf die Gemeinwohl-Orientierung aktuell aufgestellt? Gibt es andere Länder, die uns voraus sind?

Wilfried Knorr: Die Bewegung hat ihre Wurzeln in Österreich und dehnte sich von dort europa- und weltweit (vor allem nach Südamerika) aus. In Südtirol werden öffentliche Aufträge vorrangig an gemeinwohl-zertifizierte Betriebe vergeben. Aber auch in Baden-Württemberg fand die GWÖ ihren Einzug in den grün-schwarzen Koalitionsvertrag, die städtischen Betriebe Stuttgart werden gemeinwohl-bilanziert, das Land fördert den Bilanzierungsprozess durch Förderprogramme.

Es gibt inzwischen Lehrstühle für GWÖ und über 400 Unternehmen sind europaweit zertifiziert. Die Bewegung hat große Resonanz. In globaler Perspektive weisen die Studien zum ökologischen Fußabdruck, also dem Zusammenhang zwischen Ressourcenverbrauch und gutem Leben, beispielsweise Costa Rica als besonders lobenswert aus.

Warum sollten Unternehmen und Institutionen überhaupt das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie verfolgen?

Wilfried Knorr: Weil die Gemeinwohl-Bilanz Rechenschaft über ethisch verantwortetes Wirtschaften ablegt – und Kundinnen und Kunden damit in die Lage versetzt werden, ihre Kaufentscheidungen nicht nur nach dem Preis, sondern aufgrund der Kenntnis der Produktionsbedingungen zu treffen. Wie bei der Angabe der Energiebilanz bei Waschmaschinen wollen wir Produkte kennzeichnen, damit die Verbraucher überhaupt in der Lage sind, ethisch verantwortungsvoll produzierte Waren und Dienstleistungen zu erkennen. Zudem verbessern die bilanzierenden Unternehmen ihre betriebsinternen Prozesse hin zu Nachhaltigkeit, Transparenz, Solidarität, Gerechtigkeit.

Ihre Bewegung ist 2010 gestartet. Wie hat sich die Zahl der Unterstützer seither entwickelt und wie viele Mitglieder haben Sie inzwischen?

Wilfried Knorr: Unsere Website www.ecogood.org verzeichnet derzeit 7.767 Privatpersonen, 2.240 Unternehmen beziehungsweise Organisationen und 66 Politiker und Politikerinnen. Aber ganz ehrlich: Die Bewegung ist natürlich viel breiter, nicht alles kann hier erfasst werden. Die Idee der GWÖ findet in Politik, Wissenschaft, Unternehmen, Kirchen und Kommunen hervorragende Resonanz. Das zeigt, dass die Menschen Sehnsucht nach einer anderen, den Planeten sowie die Würde des Menschen achtenden Wirtschaft haben und das wird immer stärker werden.

Was ist Ihr zentraler Wunsch für die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Jahren? Welche Rolle spielen dabei Aspekte wie Verkehrs- und Energiewende?

Wilfried Knorr: Die bayerische Verfassung von 1946 sagt das sehr klar: Alles Wirtschaften dient dem Gemeinwohl. Dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter aufgeht, dass die Menschen auch aus ärmeren Regionen und aus weniger privilegierten Schichten am Wohlstand teilhaben können und wir dabei die Ressourcen der Natur nicht überbeanspruchen – all das dürften inzwischen für vernünftige Köpfe unstreitige Ziele sein.

Verkehrs- und Energiepolitik sind wie Landwirtschaftspolitik, Verbraucherschutz, Wettbewerbsrecht und Steuergesetzgebung wichtige Stellschrauben, um ethisch verantwortliches Wirtschaften zu belohnen und zerstörerisches, egoistisches, das Gemeinwohl schädigendes Wirtschaften zu ächten.

Vielen Dank für das Interview, Herr Knorr.