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Gleiche Chancen im Beruf: Viele Unternehmen sind auf sehr gutem Weg

Um die Chancengleichheit ist es in Deutschland nicht gut bestellt. Vereine wie Total E-Quality setzen sich deshalb vor allem für faire Chancen für Frauen in der Arbeitswelt ein. Ihnen stehen auch heute oft nicht die gleichen beruflichen Wege offen wie Männern. Welche Vorbild-Unternehmen es bereits gibt und wie Arbeitgeber zu einem werden können, erzählt Eva Maria Roer im Interview.

Veröffentlicht am 31. Januar 2017
Nicht alle Menschen haben die gleichen Möglichkeiten auf eine Karriere. Vor allem Frauen haben beispielsweise noch immer mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu kämpfen. Die 2015 verabschiedete Frauenquote ist nur ein Zeichen dafür, dass der Arbeitsmarkt offenbar eine Motivation von außen benötigt, um sich zu verändern. Der Verein Total E-Quality belohnt deshalb Unternehmen, die sich für gleiche Chancen einsetzen, mit dem Total E-Quality-Prädikat. Die Vorstandsvorsitzende Eva Maria Roer spricht im Interview mit finanzen.de über Vorteile von gelebter Chancengleichheit in Unternehmen, von Vorbildarbeitgebern und von Startups, die offenbar noch großen Nachholbedarf haben.

Frau Roer, Ihr Verein setzt sich für Chancengleichheit in der Wirtschaft ein. Wie würde sich die Arbeitswelt verändern, wenn alle Menschen die gleichen Möglichkeiten hätten?

Roer: Dass alle Menschen tatsächlich die gleichen Möglichkeiten haben, ist Utopie und nach den Sternen greifen wir nicht. Uns geht es darum, dass Menschen im Unternehmen, unabhängig von Status, Alter, Geschlecht, Herkunft, Gesundheit, Nationalität und Religion wertschätzend miteinander umgehen. Viele Konflikte sind vermeidbar, wenn man sein Gegenüber nicht in irgendwelche gedanklichen Schubladen steckt, sondern als Menschen in seiner ganzen Persönlichkeit annimmt und ihm wertfrei und anerkennend gegenübertritt, sodass der Fokus dann ausschließlich auf der Sache liegt.

Wie ist der Status Quo aus Ihrer Sicht: Ist die Wirtschaft dabei, Chancengleichheit zu erreichen?

Roer: Zahlreiche Unternehmen sind auf einem sehr guten, vorbildlichen Weg und es werden immer mehr! Verschiedene Studien beschäftigen sich mit dem Nachweis, dass Unternehmen, die beispielsweise Frauen in Führungspositionen fördern, auch wirtschaftlich erfolgreicher sind. Auf jeden Fall sind diese Unternehmen die Leuchttürme in unserer Gesellschaft, an denen sich auch andere messen lassen müssen. Aber in der Breite ist das Thema Chancengleichheit leider immer noch nicht angekommen.

Sie verleihen Total E-Quality-Prädikate an Unternehmen, die sich für Chancengleichheit einsetzen. Das Ziel: Das Engagement soll messbar werden. Was genau müssen Unternehmen machen, um das Prädikat zu verdienen?

Roer: Unternehmen müssen bei ihrer ersten Bewerbung eine detaillierte, nachprüfbare Aufnahme ihres Status Quo machen. Um die Auszeichnung zu erhalten, muss dieser Status Quo bereits messbare Kriterien erfüllen. Die Organisation muss auszeichnungswürdig sein. Das Prädikat wird nicht für den guten Vorsatz, sich mehr um Chancengleichheit zu bemühen, verliehen. Bei Folgebewerbungen nach Ablauf der Gültigkeitsdauer des Prädikats müssen wiederum Fortschritte beziehungsweise Nachhaltigkeit auf dem eingeschlagenen Weg nachgewiesen werden.

Bei Ihren Preisträgern handelt es sich vor allem um etablierte Arbeitgeber. Bemühen sich Unternehmen, die bereits lange existieren und viele Mitarbeiter*innen beschäftigen, um mehr Vielfalt in der Belegschaft?

Roer: Das kann man so nicht pauschal sagen, dass es vor allem große oder etablierte Unternehmen wären, die sich für Vielfalt engagieren. Es sind natürlich Unternehmen, die international aufgestellt sind und sich damit zwangsläufig mit der Vielfalt ihrer Beschäftigten konfrontiert sehen. Vielfalt birgt in sich Konfliktpotenzial durch die Verschiedenartigkeit der Menschen. Dieses gilt es im unternehmerischen Interesse zu lösen und ein wertschätzendes Miteinander zu fördern.

Eine andere Gruppe von Unternehmen engagiert sich für Vielfalt, um sich einen Wettbewerbsvorteil bei der Gewinnung qualifizierter Fachkräfte zu verschaffen. Die Besten können sich heute ihren Arbeitgeber aussuchen. Sie können entscheiden, wo sie die für sich bestmöglichen Chancen beispielsweise für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder die berufliche Weiterentwicklung finden. Jeder Mensch hat andere Prioritäten und die Lebensentwürfe sind so individuell wie die Menschen selbst. Hierauf müssen zukunftsorientierte Unternehmen mehr und mehr Rücksicht nehmen.

Berliner Startups wurden bereits kritisiert, dass sie zwar eine offene Arbeitskultur zelebrieren, insbesondere aber Frauen viel schlechter bezahlen als Männer. Wie ist Ihre Erfahrung? Bemühen sich auch Startups, Ihr Prädikat zu erhalten?

Roer: Nein, mit Startups haben wir bei Total E-Quality noch keine Erfahrung gemacht. Unter Umständen ist es vielleicht so, wie Sie sagen. Dann würden sich diese Unternehmen auch nicht für das Prädikat qualifizieren. Trotzdem bleibt es natürlich bei unserem Appell an alle Unternehmen, auch an die Startups, faire Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten zu bieten.

Vielen Dank für das Interview, Frau Roer.

Das Interview führte Cora Christine Döhn.