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Anja Schlicht
Anja Schlicht

Redaktionsleitung

Homeoffice – kein Selbstläufer: Was auch nach Corona zu klären bleibt

Nicht mehr vom Büro, sondern von zuhause aus arbeiten – für manche Beschäftigte war dies schon vor Corona Normalität. Viele von ihnen mussten sich jedoch neu darauf einstellen. Zukünftig könnte das Modell eine anerkannte und funktionsfähige Arbeitsform sein, wenn zwei Faktoren beachtet werden, sagt Prof. Kerstin Jürgens von der Universität Kassel.

Als das öffentliche Leben aufgrund der Corona-Pandemie im Frühjahr heruntergefahren wurde, betraf dies alle Bereiche des Alltags – vor allem den beruflichen. Viele Beschäftigte organisierten mehr oder weniger von heute auf morgen ihre Arbeit von zuhause aus und managten gegebenenfalls zusätzlich das Familienleben. Je nach Job waren sie unterschiedlich durch das Homeoffice gefordert. Gleichzeitig hat sich das Arbeiten von zuhause aus als Modell für die Zukunft bewiesen – allerdings nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, sagt Prof. Kerstin Jürgens. Sie ist Professorin für Soziologie an der Universität Kassel.

Welche das sind und welche Grenzen es mit Blick auf eine zunehmende Automatisierung der Arbeitswelt einzuhalten gilt, erklärt sie im Interview mit finanzen.de.

Die Arbeitswelt unterliegt einem steten Wandel. Hat die Coronakrise diesen beschleunigt, etwa in Hinblick auf Digitalisierung, Flexibilität und Erreichbarkeit?

Prof. Kerstin Jürgens: Der sogenannte „Lock down“ stellt ohne Zweifel eine radikale Zäsur dar. Für die einen war die Folge, ihre Arbeit nun vom heimischen Küchentisch oder dem Sofa aus zu bewerkstelligen und sich in neue digitale Kooperationsformate einzudenken. Für die anderen ergab sich eine Ausweitung und Verdichtung der Arbeitszeit, weil ihre Präsenz plötzlich besonders gefragt war. Denken Sie etwa an den Gesundheitssektor oder den Einzelhandel.

Trotz des radikalen Einschnitts ist mir aber der Hinweis wichtig, dass in vielen Bereichen der Arbeitswelt schon vor der Corona-Pandemie Flexibilität und Leistungsintensivierung zum normalen Alltag zählten. Für manche hat sich daher durch den „Lock down“ die Lage nochmals verschärft; für andere hingegen auch etwas entschleunigt. Auch hinter dem vieldiskutierten Modell „Homeoffice“ verbergen sich vielfältige Arbeitsrealitäten. Sie reichen von einer extremen Ausweitung und Intensivierung der Arbeit bis hin zu entspannteren Arbeitsabläufen und mehr Ruhe für die Aufgabenerledigung. Bei Eltern allerdings nur, sofern die Kinderbetreuung geklärt war.

Welche Lehren können Arbeitnehmer wie Arbeitgeber aus dem coronabedingten Homeoffice ziehen? Welche Teile des Arbeitsalltags sollten aus Ihrer Sicht nach Corona beibehalten werden?

Prof. Kerstin Jürgens: Ich denke, dass sich für beide Seiten vor allem der Blick auf diese Arbeitsform geändert hat. Vor dem „Lock down“ war das Homeoffice ja ein Modell, das nur wenigen Beschäftigten genehmigt wurde. Sie mussten zumeist besondere Gründe angeben oder waren so gut am Arbeitsmarkt positioniert, dass sie diese Abweichung vom Standard einfordern konnten.

Heute wissen nicht nur die Beschäftigten, sondern die ganze Gesellschaft, dass das Arbeiten von zuhause oder von anderen Orten aus nicht bedeutet, dass hier weniger Leistung erbracht wird. Zwar gibt es noch immer Stimmen, die Zweifel am soliden Arbeitseinsatz anbringen, aber mit souveräner Personalführung und klaren Aufgabendefinitionen lässt sich der Ertrag sicherstellen.

Aus der Forschung wissen wir, dass es im Homeoffice meist sogar zu einer Leistungssteigerung kommt. Insofern sind zwei Dinge entscheidend für die Zukunft: Das Modell als eine anerkannte und funktionsfähige Arbeitsform anzuerkennen, aber hierfür Arbeitszeit und Leistungspensum nachhaltig zu gestalten.

Beim Homeoffice droht die Grenze zwischen Freiheit und Arbeit, privatem und beruflichem zu verschwimmen. Wie können Beschäftigte diese Grenze wahren? In welcher Pflicht steht der Arbeitgeber?

Prof. Kerstin Jürgens: Den Beschäftigten ist anzuraten, sich den Arbeitstag zuhause zu strukturieren. Denn sonst läuft man durchaus Gefahr, dass der Tag vom Aufstehen bis zum Schlafengehen zu einer Mischung aus nur noch Arbeit und kürzeren Pausen wird. Es fehlen dann die täglich längere Erholungszeit und die Distanz zur Arbeit, die langfristig gesunderhaltend wäre.

Es gibt Menschen, die mit einer kompletten Vermischung gut klarkommen, aber oft kommt es dann zur Ausdehnung der Arbeit in die späteren Abendstunden, was wiederum den Schlaf beeinträchtigen kann. Jenseits der besonderen Situation der Pandemie ist also die Einhaltung von Arbeitszeit im Blick zu behalten, darüber hinaus aber auch der Schutz der Gesundheit. Es braucht daher Aufklärung über Erkenntnisse und Tipps zur Arbeit im Homeoffice.

Auch die Ausstattung der heimischen Arbeitsplätze ist ein wichtiger Punkt. Fatal finde ich es, wenn nun einzelne Arbeitgeber proklamieren, Büroflächen zu reduzieren. Ich sehe das Homeoffice als Modell, das keinen Ersatz von Präsenz, sondern eine neue Mischung erlaubt, die beiden Seiten zugutekommt. Orts- und Zeitsouveränität sind keine Feinde von Produktivität – und Kreativität entsteht vor allem durch Zusammenarbeit und Austausch in gemeinsamer Präsenz.

Nicht nur der Arbeitgeber ist gefordert, sondern auch die Politik. Wie ist es um den gesetzlichen Rahmen mit Blick auf die Digitalisierung der Arbeitswelt Ihrer Meinung nach gestellt?

Prof. Kerstin Jürgens: Auch wenn noch viel zu klären ist, so muss man doch sagen, dass in den letzten Jahren etliches auf den Weg gebracht worden ist. So ist vor allem die zentrale Bedeutung von Weiterbildung für die gesamte Erwerbsbevölkerung erkannt und durch neue Regelungen flankiert worden. Auf Bundes- und Länderebene haben diverse Kommissionen Vorschläge erarbeitet, die auch politisches Handeln beeinflussen, und auch in den europäischen Gremien sind Kernfragen zur Zukunft einer digitalisierten Ökonomie aufgegriffen worden.

Zugleich ist für Deutschland kennzeichnend, dass hierzulande die Tarifpartner viele Fragen klären. Und wir haben ausgefeilte Betriebsvereinbarungen, die die konkrete Arbeitsgestaltung vor Ort passgenau zuschneiden. Arbeit muss auf all diesen Ebenen gestaltet werden; und nur durch die Einbindung beider Seiten sind auch tragfähige Lösungen möglich, die hohe Akzeptanz genießen.

Der Gesetzgeber aber muss hierfür den Rahmen setzen. Er hat in einer sozialen Markwirtschaft die Aufgabe, die Akteure „auf Augenhöhe“ zu setzen, denn sonst bleiben die Einzelnen auf der Strecke. Dass dies nicht passiert, ist eine Errungenschaft, die es zu bewahren gilt, weil sie das Soziale befriedet.

Die Zukunft der Arbeit wird von Algorithmen, Robotik und selbstlernenden Systemen gekennzeichnet sein, der Fokus wird immer mehr auf die Leistungsfähigkeit des Einzelnen rücken. Wo liegt aus Ihrer Sicht die Grenze, die diese Zukunft bei der menschenwürdigen Arbeit nicht überschreiten darf?

Prof. Kerstin Jürgens: Es gibt eine große Sehnsucht nach einer solchen Grenze, nicht nur für den technologischen Fortschritt, sondern auch für andere Veränderungen im Leben. Menschen bevorzugen es zumeist, wenn sich nicht allzu viel verändert beziehungsweise nur das, was sie selbst verändert wissen wollen. Und das hat einen guten Grund: Wandel stört die Routinen und erzwingt immer wieder neue Anpassungsleistungen – und das strengt an.

Man könnte also eine Grenze derart formulieren, dass weiterhin Menschen alle Entscheidungen treffen sollen oder maschinelle Entscheidungsfindung transparent sein muss. Auch wäre sicher wünschenswert, wenn überhaupt klar bleibt, wo Maschinen wie eingreifen und das Denken und Handeln der Menschen bereits beeinflussen.

Aber mit Blick auf allein die letzten zehn Jahre lässt sich beobachten, dass sich Grenzen verschieben, weil Gewöhnung stattfindet, teils auch verbunden mit Resignation. Viele erleben es als frustrierend, die Innovationen nur um den Preis der Weitergabe von Daten nutzen zu können und monopolartige, statt etwa genossenschaftlich oder öffentlich organisierte Plattformen nutzen zu können.

Neue Technologien im Arbeitsprozess bringen viele Chancen und auch Anreicherungen für Arbeit mit sich; auch erzeugen sie einen Qualifizierungsschub. Wir erleben aber auch das Gegenteil, wenn menschliche Kooperation zurückgefahren wird oder Maschinen den Menschen Handlungsweisen vorgeben. Es braucht also weiterhin eine engagierte Auseinandersetzung über diese qualitativen Fragen, die nicht minder relevant sind als Klärungen zu Arbeitszeit und Entgelt.

Vielen Dank für das Interview, Frau Prof. Jürgens.