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Anja Schlicht
Anja Schlicht

Redaktionsleitung

Industrie 4.0: Unternehmen lassen noch viel Potenzial liegen

„Konzepte zu Industrie 4.0 werden seit fast zehn Jahren diskutiert“, beobachtet Wirtschaftsinformatiker Prof. Maaß von der Universität Saarland. Doch sie werden nur wenig umgesetzt, etwa weil die Unternehmen die Daten unterschätzen, die ihre Maschinen liefern, oder Investitionen aus Mangel an Kennzahlen zum wirtschaftlichen Erfolg scheuen. Dies soll sich künftig ändern.

Unternehmen könnten mit der Vernetzung ihrer Maschinen nicht nur Fertigungsprozesse optimieren, sondern auch wertvolle Daten für ihr Business gewinnen. Doch der Begriff Industrie 4.0, der grob gesagt die intelligente Vernetzung von Maschinen beschreibt, „wird mittlerweile eher synonym zu Digitalisierung verwendet, was einen großen Verlust an Innovationspotentialen darstellt“, sagt Professor Wolfgang Maaß von der Universität Saarland.

Er und sein Team wollen daher mit dem Projekt „Future Data Assets“ eine Datenbilanz entwickeln, die den wirtschaftlichen Erfolg widerspiegelt, der mit der Investition in die Technik und Soft Skills der Mitarbeiter erreicht werden kann. Wenn Unternehmen konkret beziffern können, welchen Wert die Daten ihrer Maschinen für sie hätten, können sie einfacher die entsprechenden Weichen stellen.

Welche Herausforderungen mit dem Projekt einhergehen und warum Unternehmen mehr auf Smart Data setzen sollten, erklärt der Wirtschaftsingenieur im Interview mit finanzen.de.

Herr Prof. Maaß, wieso tun sich Unternehmen schwer, in Technologien zu investieren, um die Daten aus ihren Fertigungsprozessen besser zu nutzen?

Prof. Wolfgang Maaß: Eine Vielzahl von miteinander vernetzten Gründen ist dafür verantwortlich. Zum einen steht die Frage nach dem Nutzen im Vordergrund. Unternehmen fehlt es an Konzepten, mit denen sie bewerten können, ob sich Investitionen in die Datenproduktion lohnen.

Falls der Investitionsentscheid zur Datenproduktion getroffen ist, stellt sich die Frage nach der organisatorischen und technologischen Umsetzung. Organisatorisch stehen gerade mittelständige Unternehmen vor der Herausforderung, dass sie i.a. keine ausreichenden Kompetenzen in der analytischen Verarbeitung von Daten haben. Kurzfristige Schulungsmaßnahmen der Informatikabteilung sind selten und Neueinstellungen sind aufgrund mangelnder Verfügbarkeit kaum möglich.

Technologisch besteht die Herausforderung in der Aufrüstung bestehender Anlagen durch Sensor-Technologien und entsprechender Software-Anpassung auf Steuerungs-, Produktionsmanagement- und Unternehmensplanungsebene. Insgesamt fehlen Unternehmen Service-Konzepte, um klare Zielbilder für den Aufbau einer Datenproduktion aus Fertigungsprozessen entwickeln zu können.

Gibt es Vorbilder im In- und Ausland, an denen sich die Unternehmen orientieren können?

Prof. Wolfgang Maaß: Es gibt punktuelle Beispiele, bei denen Unternehmen innovative Wege bei der Nutzung von Fertigungsdaten beschreiten. Klassische Beispiele sind BOSCH, Trumpf und Airbus. Es wurde berichtet, dass Airbus den Wert seiner Flugzeugdaten mit ca. 0,5 Prozent des Wartungsvertrages mit Fluggesellschaften beziffert.

Dies sind aber Ausnahmen, denn ansonsten werden seit fast zehn Jahren Konzepte zu Industrie 4.0 diskutiert und wenig in der Praxis umgesetzt. Das Beharrungsvermögen in Bezug auf traditionelle Fertigungs- und Produktionsansätze ist ungebrochen. Industrie 4.0 wird mittlerweile eher synonym zu Digitalisierung verwendet, was einen großen Verlust an Innovationspotentialen darstellt.

Welche Daten sind aus Ihrer Sicht für die Unternehmen besonders interessant?

Prof. Wolfgang Maaß: Naheliegend ist es, Daten zu erfassen und zu analysieren, die in unmittelbarem Bezug zu Maschinenzuständen sind, woraus dann Vorhersagen zu Wartungszyklen getroffen werden (vorausschauende Wartung).

Viel interessanter sind jedoch Daten, die Aufschluss über gesamte Fertigungs- und Produktionsprozesse oder sogar ganze Industrien geben. Beispielsweise sind veränderliche Qualitäten von Eingangsmaterial in der Fertigungsindustrie von hoher Bedeutung. Wie verändert sich unter anderem Stahl von einem Hersteller über die Zeit, wie die Qualität aus ganzen Regionen oder in der gesamten Welt?

Dies erfordert datenanalytische Methoden, Fachwissen und betriebswirtschaftliche Kompetenzen, um aus Rohdaten veredelte Daten (Smart Data) zu machen. Lokal werden diese Daten permanent erfasst, jedoch gleich nach Prüfung gelöscht. Fügt man diese regional oder gar weltweit zusammen, entstehen hohe Datenwerte, die enorme ökonomische Werte darstellen. Wir arbeiten im Projekt „Future Data Assets“ daran, diese Datenwertlogik mithilfe von Technologien der Künstlichen Intelligenz auf alle Bereiche eines Unternehmens auszuweiten, woraus sich ein enormes Potential datenökonomischer Märkte ergibt.

Welche Herausforderungen erwarten Sie im Rahmen Ihres Projekts?

Prof. Wolfgang Maaß: In allen datenanalytischen Projekten mit Industriebeteiligung geht es vor allem um die Frage, wie gut die Daten vor den Augen des Wettbewerbs geschützt sind.

Hat man hier einen Ansatz gefunden, liegt die nächste Herausforderung in der Bewertung von Daten. Hierzu entwickeln wir Methoden, die automatisch unter Einsatz von Technologien der Künstlichen Intelligenz Datenbestände betriebswirtschaftlich bewerten.

Die dritte große Herausforderung besteht darin, Datenwerte als eigenständige Vermögenswerte in Bilanzen aufzuführen. Hierfür müssen nationale und europäische Handelsgesetzgebungen entsprechend angepasst werden. All dies untersuchen wir im Projekt „Future Data Assets“.

Wie ist die deutsche Wirtschaft generell im Bereich Smart Industry aufgestellt? Wo sehen Sie Deutschland in zehn Jahren?

Prof. Wolfgang Maaß: Die deutsche Wirtschaft zeigt gerade mit dem Umstieg auf Elektromobilität, wie schnell sie sich unter hohem Konkurrenzdruck verändern kann. Die Frage ist, ob die digitale Transformation und die Vision einer Smart Factory einen ebensolchen Effekt erzielen werden. Hier ist Tesla ein Vorreiter bei der radikalen Transformation von Produktionsumgebungen, indem modernste Technologien der Künstlichen Intelligenz und Robotik eingesetzt werden. Ein derartiger Konkurrenzdruck hat das Potential, Innovationsprozesse in Produktionsunternehmen enorm zu beschleunigen.

Die deutsche Wirtschaft mit seinen hervorragend ausgebildeten Mitarbeitern ist für diesen Wettbewerb und die damit verbundene Transformation sehr gut gerüstet, weswegen ich fest davon überzeugt bin, dass Deutschland auch in zehn Jahren und darüber hinaus zu den weltweit führenden Nationen im Bereich der Fertigung und Produktion zählen wird.

Vielen Dank für das Interview, Herr Prof. Maaß.