Überschwemmung
Josephien Albrecht
Josephien Albrecht

Content-Managerin

Katastrophen-Warnung: Was sind Vor- und Nachteile von Cell Broadcast?

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will bei Gefahrenlagen wie der Flutkatastrophe die Bevölkerung künftig über das Mobiltelefon warnen. Wie sinnvoll das ist und welche Möglichkeiten der Frühwarnung es sonst gibt, erläutert finanzen.de!

Die Opfer der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands erheben aktuell vielerorts schwere Vorwürfe: Es habe keine Warnungen, keine Sirenen, keine frühe Medienberichterstattung gegeben. Mindestens 170 Menschen sind gestorben, Ortschaften wurden teilweise oder komplett durch die Fluten zerstört.

Haben technische Frühwarnsysteme versagt?

Inzwischen rücken der technische Katastrophenschutz sowie Herausforderungen und Probleme der nötigen Infrastruktur zur Frühwarnung in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Das europäische Frühwarn- und Reaktionssystem EWRS hatte bis zum 14. Juli über 25 Warnungen in das System eingespeist. „Danach ist relativ wenig passiert”, berichtet der freie Journalist Nico Ernst in der Heise-Show zum Thema am Donnerstag.

Auch die NINA-App, eine vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zur Verfügung gestellte Smartphone-App zur Frühwarnung, sendete mehrere Alarme aus. Nach aktueller Berichterstattung kamen diese jedoch nicht in jeder der betroffenen Regionen an. In Deutschland nutzen zudem nur etwa neun Millionen Menschen diese App. Außerdem erfolgten die Alarme in Form von Warnungen vor Starkregen und starkem Unwetter mit Angaben zu Regenmengen pro Quadratmeter – für den Otto Normalverbraucher eine zu abstrakte Angabe, die nicht auf Sturzfluten oder gar eine Katastrophe schließen lässt.

Verantwortung auch bei Medien und Politik?

Doch nicht nur auf technischer Seite wird Kritik geübt. Zwar berichteten Medien frühzeitig über Starkregen. Eine zeitnahe akute Katastrophenwarnung, wie man sie vor allem von öffentlich-rechtlichen Sendern wie dem WDR erwarten würde, erfolgte jedoch nicht.

Auf politischer Ebene sind aktuell die Kommunen für den Katastrophenschutz und damit einhergehende Frühwarnungen zuständig. Problematisch ist hier, dass die Stadträte und Bürgermeister gar keinen Zugriff auf die detaillierten Warnmeldungen des Frühwarn- und Reaktionssystems EWRS haben. Der in vielen Regionen fehlgeschlagene bundesweite „Katastrophen-Warntag 2020” hatte bereits gezeigt, dass das Frühwarnsystem in Deutschland noch mehr als ausbaufähig ist.

Der Ausbau des Sirenen-Netzwerkes alleine ist keine Lösung

Auch wenn Aussagen einiger Spitzenpolitiker, beispielsweise von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet in der Talkshow von Markus Lanz, nahelegen, dass der Mangel an Sirenen große Mitschuld an der Katastrophe trage, ist dies nur die halbe Wahrheit. In vielen betroffenen Orten wurden die Sirenen sogar erst kürzlich modernisiert.

So auch im Rheinisch-Bergischen Kreis in Nordrhein-Westfalen, wo erst in den letzten Jahren in sieben von acht Städten 69 Sirenen neu eingerichtet wurden, wie t-online berichtet. Trotzdem ertönten die Sirenen hier nicht – und das mit Absicht.

„Hätten wir die Sirenen ausgelöst, während in den Medien die Berichterstattung noch nicht breit lief, hätten alle Leute die 112 angerufen”, so Birgit Bär, Leiterin der Pressestelle der Kreisverwaltung. Ohne mediale Berichterstattung wären die Menschen in Panik verfallen und hätten gegebenenfalls den Notruf mit Anrufen lahmgelegt. Die zur Frühwarnung nötige Verzahnung mehrere Akteure scheint hier versagt zu haben.

Cell Broadcasting oder SMS: Was bringen Warnungen aufs Handy?

Bei einer Bundeskabinettssitzung am Mittwoch versprach Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) nun, dass Katastrophenwarnungen künftig per SMS versendet werden sollen. Damit bezieht er sich auf das sogenannte Cell Broadcast beziehungsweise Cell Broadcasting, welches die EU bis 2022 als verpflichtendes Warnsystem für alle Mitgliedstaaten einführen will.

Bisher hatte Deutschland sich aus diesem Deal gewunden und bekam eine Ausnahme genehmigt. Hierzulande soll die App NINA gemeinsam mit Sirenen und Rundfunkdurchsagen gleichermaßen wirksam sein. NINA hatte jedoch schon beim „Katastrophen-Warntag 2020” auf den Smartphones vieler Nutzer versagt, Warnmeldungen kamen nicht oder verspätet an.

Cell Broadcasting deutlich sicherer in der Zustellung von Warnmeldungen. So erklärte die AG Kritis, eine Gruppe von IT-Fachleuten, nach dem misslungenen Warntag 2020: „Gerade dann, wenn die Mobilfunknetze völlig überlastet sind und Daten an Apps wie NINA nicht mehr durchkommen, funktionieren Cell Broadcasts aufgrund der sehr geringen Datenlast noch am wahrscheinlichsten.”

Cell Broadcasting wäre ein effektive Erweiterung bestehender Warnsysteme

Der Vorteil gegenüber einer App wie NINA wäre zudem, dass für Cell Broadcasting kein Smartphone benötigt wird, ein normales Mobiltelefon genügt. Ähnlich wie bei einer SMS wird dabei eine Nachricht verschickt. Diese geht an alle Empfänger, die sich zum Sendezeitpunkt innerhalb einer bestimmten Funkzelle aufhalten. So können gezielt Menschen in einem Katastrophengebiet kontaktiert werden. Das vorherige Installieren einer App ist nicht nötig.

In Ländern wie den USA, Kanada, China, Russland, Chile, die Türkei oder Griechenland wird Cell Broadcasting bereits erfolgreich genutzt. Weitere europäische Länder wie Italien, Spanien, Großbritannien, Norwegen oder Polen sind aktuell dabei handybasierte Warnsysteme zu implementieren. 2020 konnten bei einem niederländischen Katastrophen-Test via Cell Broadcast 90 Prozent der Bevölkerung erreicht werden.

In Deutschland war die Einführung bisher unter anderem an der Gesetzeslage gescheitert – ohne vorherige Zustimmung dürfen Verbrauchern keine Botschaften geschickt werden. Auch hohe Kosten des Cell Broadcastings seien eine Hürde, wie Armin Schuster, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz, diese Woche im ARD erklärte.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Flutkatastrophe scheinen diese Bedenken jedoch vorerst in den Hintergrund zu treten. Ab Sommer 2022 soll Cell Broadcasting auch in Deutschland einsatzbereit sein, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland mit Bezug auf Informationen aus Regierungskreisen berichtet.