Manchmal bewirkt wenig viel: Zivilcourage fängt im Kleinen an

Werden Menschen bedroht, beleidigt oder angegriffen, ist es wichtig, nicht wegzuschauen. Oftmals hilft es schon, sich bemerkbar zu machen, damit sich eine gefährliche Situation auflöst. Katja Hübner vom Verein Gesicht Zeigen! hat mit finanzen.de darüber gesprochen, wie jeder Zivilcourage beweisen kann – auch ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.

Veröffentlicht am 11. Mai 2017
Sei es der Mitschüler auf dem Pausenhof, die Kollegin auf der Betriebsfeier oder ein unbekannter Mensch in der U-Bahn – wenn jemand bedroht, bedrängt oder gar angegriffen wird, gilt es nicht wegzuschauen, sondern Hilfe zu leisten. Allerdings passiert es dennoch allzu häufig, dass jemand einem verbalen oder körperlichen Angriff schutzlos ausgeliefert war, obwohl genug anwesende Zeugen hätten angreifen können. Der Verein Gesicht Zeigen! setzt sich für Toleranz und Respekt ein. Er ermutigt Jugendliche und Erwachsene, bei Diskriminierung und Übergriffen Partei für den Betroffenen zu ergreifen. Katja Hübner von gesichtzeigen.de erklärt, dass manchmal schon wenige helfende Worte den Ausschlag geben können.

Frau Hübner, Ihre Initiative engagiert sich für Zivilcourage und stellt sich gegen Diskriminierung und Rassismus. Wie finanzieren Sie Ihre Arbeit und wen wollen Sie damit erreichen?

Katja Hübner: Gesicht Zeigen! arbeitet auf verschiedenen Ebenen. Zum einen sind wir in der politischen Bildungsarbeit aktiv und richten uns dabei an Schüler*innen, an Lehrer*innen und Multiplikator*innen. Zum anderen machen wir in Kampagnen und Veranstaltungen auf die Notwendigkeit von Zivilcourage aufmerksam. Wir sensibilisieren die Zivilgesellschaft für demokratiefeindliche Phänomene wie Rechtsextremismus, Antisemitismus, Rassismus und klären darüber auf. Finanziert wird Gesicht Zeigen! durch Mitgliedsbeiträge und Spenden sowie durch öffentliche Fördergelder von Bund und Ländern. Wir bekommen Unterstützung von Sponsoren für Räumlichkeiten und Telekommunikation.

Was macht Zivilcourage überhaupt aus und wo fängt sie an?

Katja Hübner: Zivilcourage bedeutet in erster Linie, Partei für die Betroffenen zu ergreifen, sich mit ihnen zu solidarisieren. Sei es durch Blickkontakt mit den Opfern, durch laute Bemerkungen oder durch Zuhilfe-Holen. Zu schweigen und wegzuschauen ist in jedem Fall die schlechteste Lösung. Zivilcourage fängt im Kleinen an. Allein blöden Sprüchen kann man zivilcouragiert entgegentreten. Selbst kleine Reaktionen können für die Betroffenen oftmals einen Unterschied machen.

Welche Schritte kann jeder unternehmen, selbst wenn er oder sie sich selbst nicht in der Lage fühlt, einzugreifen?

Katja Hübner: Eine wichtige Regel ist: Hilf, ohne dich selbst in Gefahr zu bringen! Das bedeutet, dass man auf keinen Fall den Helden spielen sollte. Hilfreicher ist es, um Unterstützung zu bitten: Passanten, Ladenbetreiber, Umstehende. Man kann konkrete Aufgaben verteilen, die Polizei rufen oder die Notbremse ziehen. Wir haben ein „Schlaues Heft“ zum Thema „Gesicht zeigen – aber wie?“ herausgebracht, das mögliche Varianten durchspielt und Tipps zum zivilcouragierten Handeln enthält. Man kann es kostenfrei bei uns bestellen.

Leider werden auch Helfer manchmal verletzt. Gibt es finanzielle Unterstützung, wenn ein Helfer längere Zeit nicht arbeiten kann oder langwierige Behandlungen notwendig sind? An wen kann er sich wenden, um gegebenenfalls psychologische Hilfe zu erhalten?

Katja Hübner: Die Helfer, die selbst zu Opfern werden, können sich – wie die Opfer selbst – an die verschiedenen Opferberatungsstellen ihres Bundeslandes wenden. Eine Übersicht gibt es beispielsweise hier. Diese Stellen arbeiten oft eng mit Psychologen zusammen, bieten darüber hinaus aber auch Begleitung bei Zeugenaussagen oder Gerichtsverfahren an und können einem bei möglichen finanziellen Entschädigungszahlungen helfen, diese zu beantragen.

Welche Versicherung hilft im Ernstfall?

Die gesetzliche Unfallversicherung leistet ebenfalls bei Nothilfe. Falls man verletzt werden sollte, können beispielsweise die Kosten für Reha-Maßnahmen oder Lohnersatzleistungen von der zuständigen Berufsgenossenschaft übernommen werden.

Oftmals wird nicht geholfen, wenn jemand diskriminiert oder angegriffen wird. Ist in der Bevölkerung und gerade bei den heutigen Jugendlichen überhaupt noch das Bewusstsein über unterlassene Hilfeleistung vorhanden?

Katja Hübner: Ehrlich gesagt, unterscheiden sich Jugendliche oftmals gar nicht von den Erwachsenen. Die Opferstatistiken zeigen, dass solche Angriffe nicht nur durch Jugendliche, sondern ebenso von Rentnern und 40-50-Jährigen verübt werden. Einen Unterschied zwischen „Jugendlichen“ und „Erwachsenen“ zu machen, gleicht daher einer steilen These. Die Jugend ist nicht weniger hilfsbereit. Und wenn doch, dann liegt das einzig und allein an dem mangelnden Wissenstransfer durch die Erwachsenen.

Sie sprechen mit vielen Menschen über ihre bisherigen Erfahrungen. Was ist der beeindruckendste Fall von Zivilcourage, der Ihnen in Ihrer Arbeit untergekommen ist?

Katja Hübner: Wir küren monatlich den GesichtZeiger! oder die GesichtZeigerin! des Monats. Das sind vor allem Menschen, die sich zivilcouragiert verhalten. Besonders erwähnen möchte ich Irmela Mensah-Schramm, eine in Berlin lebende Rentnerin, die seit dreißig Jahren im gesamten Bundesgebiet mit ihrem Ceranfeldschaber Naziaufkleber entfernt oder rechte Sprüche und Hassparolen mit Farbspray übersprüht. Sie ist eine wahre Heldin, eine „Polit-Putze“, die sich nicht scheut, jeden Tag gegen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit vorzugehen. Dafür riskiert sie einiges. Als sie im letzten Jahr an einer Wand den Spruch „Merkel muss weg“ in „Merke! Hass weg!“ verwandelte, bekam sie eine Strafanzeige an den Hals. Nichtsdestotrotz lässt sie sich nicht einschüchtern und verändert tagtäglich das Straßenbild, indem sie Hass und Verachtung entfernt.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Hübner!