Mann sitzt im Rollstuhl
Anja Schlicht
Anja Schlicht

Redaktionsleitung

MDK setzt Begutachtung vor Ort bis Ende September 2020 aus

Wer derzeit einen Pflegegrad beantragen oder diesen erhöhen will, steht vor einem Problem. Die Gutachter des Medizinischen Diensts der Krankenversicherung (MDK) kommen bis Ende September 2020 nicht persönlich vorbei. Stattdessen sollen ein Fragebogen und ein Telefonat den Besuch ersetzen. Wie ZDF Frontal 21 berichtet, führt dies jedoch zu Problemen.

  • Da es nun vorerst keine persönlichen Besuche bei Betroffenen für die Einstufung in einen Pflegegrad gibt, drohen mehr Gutachten falsch auszufallen.
  • Dies legt zumindest ein aktueller Beitrag des ZDF-Magazins Frontal 21 nahe.

Sei es ein Unfall, eine Erkrankung oder einfach nur das Älter werden – wer auf Pflege angewiesen ist, bekommt Leistungen der gesetzlichen Pflegekasse. Wie viel, darüber entscheidet der Pflegegrad. Dieser spiegelt wider, wie sehr Betroffene im Alltag noch selbstständig handeln können.



Um die Höhe des Pflegegrads festzulegen, werden in der Regel Besuche vor Ort beim Pflegebedürftigen durch einen Gutachter durchgeführt, auf dessen Grundlage der MDK entscheidet. Doch durch das Coronavirus kommt es dazu derzeit nicht. „Um das Infektionsrisiko für pflegebedürftige, vorerkrankte und ältere Menschen zu vermindern, setzen die Medizinischen Dienste der Krankenversicherung die persönlichen Pflegebegutachtungen zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit in der eigenen Häuslichkeit – und damit auch im Pflegeheim – bis vorläufig Ende September 2020 aus“, teilt der Dienst Frontal 21 mit. Das führt laut dem ZDF-Magazin dazu, dass Betroffene teilweise einen zu niedrigen Pflegegrad erhalten.

Video-Begutachtung zur Pflege: Fehlanzeige

Frontal 21 berichtet aktuell von zwei Fällen, die deutlich machen, dass eine Entscheidung nach Aktenlage beziehungsweise ohne sich mit dem Umfeld des Pflegebedürftigen vertraut gemacht zu haben zu einer zu niedrigen Pflegeeinstufung führen kann.

Dabei zeigt sich auch, wie langsam digitale Prozesse beim MDK Fuß fassen. So hatte sich der Sohn einer Pflegebedürftigen vergeblich um einen Video-Call bemüht. Der zuständige MDK verwies auf Nachfrage darauf, dass „Video-Telefonie in Deutschland nicht als technischer Standard vorausgesetzt werden kann und sie insbesondere der Zielgruppe nicht zur Verfügung steht.“ Auch der Datenschutz spiele eine Rolle, so der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS). Allerdings verweist Frontal 21 darauf, dass Ärzte bereits seit einiger Zeit Online-Sprechstunden anbieten. Der Datenschutz ließe sich demnach mit den richtigen Programmen sicherstellen.

Wichtiger denn je: Richtige Vorbereitung auf das Pflegegespräch

Da der persönliche Besuch bei der Begutachtung für die Pflegestufe vorerst wegfällt, ist es für Betroffene umso wichtiger, sich auf das Telefonat vorzubereiten. So sollten sie sich im Vorfeld Notizen machen, „wie die Pflege und Betreuung aktuell stattfindet“, informiert die Verbraucherzentrale. Auch einige Dokumente wie der Medikamentenplan sollten bereitliegen. Wichtig ist zudem, dass ein Angehöriger am Gespräch teilnimmt, da er den Alltag des Pflegebedürftigen noch besser schildern kann.

Fehlerhaftes MDK-Gutachten? Widerspruch einlegen

Sollte der Antrag auf Pflege abgelehnt werden oder der anerkannte Pflegegrad aus Sicht des Betroffenen zu niedrig sein, können sie Widerspruch einlegen. Ab Erhalt des Bescheids haben sie dafür einen Monat Zeit. Die Pflegekasse fordert dann in der Regel eine weitere Begutachtung an oder entscheidet erneut auf Basis der Aktenlage. Bringt auch der Widerspruch keinen Erfolg, bleibt der Gang vor ein Sozialgericht. Auch hier gilt eine einmonatige Frist. Laut der Verbraucherzentrale fallen dabei meist keine Gerichtskosten an. Fällt das Urteil zudem zugunsten des Pflegebedürftigen aus, übernimmt die Pflegekasse dessen Anwaltskosten.