Anja Schlicht
Anja Schlicht

Leitung Newsredaktion

Mobilitätswende NRW: Rad ist das ideale Verkehrsmittel für die Stadt

In vielen Städten wollen Menschen den Radverkehr in ihrer Region stärken und engagieren sich in Initiativen. In Berlin führte ein solches Bündnis sogar zum ersten bundesweiten Fahrradgesetz. Auch in Nordrhein-Westfalen wird der Ruf nach einer Mobilitätswende immer lauter. Doch noch mangelt es an Wertschätzung für den Rad- und Fußverkehr. Dies will die Initiative Aufbruch Fahrrad ändern.

Ob Frankfurt am Main, Darmstadt oder Hamburg – in mehreren Städten gibt es mittlerweile Radentscheide. Auch in Nordrhein-Westfalen (NRW) sammelt die Volksinitiative Aufbruch Fahrrad derzeit Unterschriften, um sich Gehör bei der Landesregierung zu verschaffen. Anders als bei den meisten anderen Bündnissen geht es dabei nicht nur um eine verbesserte Radinfrastruktur in einer einzigen Stadt, sondern für ein ganzes Bundesland.



Daher steht auch „der Wunsch im Vordergrund, möglichst viele Akteure im Land miteinander zu vernetzen und die Mobilitätswende zum Gesprächsthema zu machen“, erläutert Dr. Ute Symanski. Sie ist Mit-Initiatorin der Volksinitiative Aufbruch Fahrrad und Vorsitzende des gemeinnützigen RADKOMM e.V. Im Interview mit finanzen.de erklärt die begeisterte Radlerin nicht nur den Kern des Problems für den Rad- und Fußverkehr, sondern zeigt auch auf, was in NRW dringend verbessert werden muss.

Frau Dr. Symanski, mit welchen Problemen sehen sich die Radler in Nordrhein-Westfalen vor allem in größeren Städten Tag für Tag konfrontiert?

Dr. Ute Symanski: Zu wenig Raum einerseits und mangelnde Wertschätzung sowie Unterstützung andererseits. In den Köpfen ist nach wie vor verankert, der Straßenraum gehöre den Autos. Der Straßenraum ist daher ungerecht aufgeteilt. Menschen, die mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs sind, haben viel zu wenig Platz, werden zu wenig geschützt und die Ordnungsämter sowie Polizei schützen die Rechte von Rad- und Fußgänger*innen nicht hinreichend.

Es wird zu wenig gewürdigt, dass das Rad das ideale Verkehrsmittel für die Stadt ist, weil

  • es die Luft sauber hält,
  • leise ist,
  • wenig Platz braucht,
  • man am schnellsten zum Ziel kommt und
  • es die Stadtgesellschaft bereichert, statt deren Kassen belastet.

Dass Politiker*innen und Stadtplaner*innen den Nutzen des Rad- und Fußverkehrs für die Stadtgesellschaft nicht anerkennen und ihr Handeln entsprechend ausrichten: Das ist der Kern des Problems.

Bis Juni 2019 wollen Sie mindestens 66.000 Unterschriften sammeln, damit sich der Landtag in NRW mit Ihren Forderungen befasst. Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Stand?

Dr. Ute Symanski: Wir sind sehr zufrieden. Ein solch breites Aktionsbündnis für die Mobilitätswende gab es in NRW bisher noch nie. Wir sind stolz darauf, dies auf den Weg gebracht zu haben. Mittlerweile sind gut 120 Vereine und Verbände Mitglied in unserem Aktionsbündnis. Von den großen Akteuren wie NABU, BUND oder ADFC und VCD bis zu Nachbarschaftsinitiativen und Radsportvereinen vor Ort. Das Aktionsbündnis ist breit und erstreckt sich über ganz NRW.

Wir steuern auf die 420 Sammelstellen zu – das sind Geschäfte oder Vereinsräume, in denen die Unterschriftenbogen ausliegen. Das Netz der Aktivist*innen für Aufbruch Fahrrad wird im ganzen Land immer dichter. Und es landen täglich viele Unterschriften in unserem Postfach. Genau so haben wir uns das gewünscht.

Wie geht es nach dem Ende Ihrer Unterschriftenaktion weiter?

Dr. Ute Symanski: Ich hoffe, ganz anders als bisher. Wenn wir erfolgreich sind, beweisen wir dem Landtag, wie viele Menschen in NRW sich eine andere Verkehrspolitik wünschen. Und ich hoffe, dass dies einen Schalter in den Köpfen der Verkehrspolitiker*innen und -planer*innen umlegen wird.

Wenn wir erfolgreich sind, wird sich der Landtag mit unserem Ziel der 25 Prozent Radverkehrsanteil in NRW und den neun Forderungen zur Förderung der Fahrradmobilität befassen. Konkret heißt das, dass ich als Vertrauensperson für die Volksinitiative und Vorsitzende von RADKOMM e.V. gemeinsam mit Thomas Semmelmann, ADFC NRW-Vorsitzender, in den Landtag eingeladen werde, damit wir unsere Ziele und Forderungen dort vorstellen. Wir wollen natürlich, dass der Landtag unsere Forderungen aufgreift, sie umsetzt und in einem Fahrradgesetz verankert.

Unter den neun Maßnahmen, um die Fahrradmobilität in NRW zu fördern, findet sich beispielsweise die Vision „Null Verkehrstote“. Was sind die drei wichtigsten Maßnahmen, um die Verkehrssicherheit für Radler auf den Straßen zu erhöhen?

Dr. Ute Symanski: Für mich steht ganz oben eine drastische Geschwindigkeitsreduktion, vor allem in den Städten. Ich bin für Tempo 30 in Ortschaften und für Schritttempo in Wohngebieten. An Kreuzungen braucht es Vorrangschaltungen, Aufstellflächen und eine Planung, die Menschen auf dem Rad und Fußgänger*innen für Menschen in den Autos unübersehbar macht.

Drittens bin ich der Meinung, dass wir eine gesetzliche Regelung brauchen, wie sie beispielsweise die Niederlande haben: Bei einem Unfall haften grundsätzlich die motorisierten Unfallparteien. „Vision Zero“ ist aber mehr als ein Paket an planerischen Maßnahmen. „Vision Zero“ braucht ein Umdenken in der Verkehrsplanung, die menschliche Fehler und Fehlverhalten in die Planung einbezieht.

Was ist Ihrer Meinung nach der zentralste Punkt, den die Landesregierung beim Radverkehr schnellstmöglich besser machen sollte?

Dr. Ute Symanski: Den Schalter in den Köpfen umzulegen. Wenn alle Verantwortlichen in Politik, Planung und Verwaltung erkennen, dass das Rad als Verkehrsmittel die Antwort auf nahezu alle Mobilitätsprobleme vor allem in den Städten ist – dann wird alles schlagartig besser.

Konkret könnte sich der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, Herr Laschet, beispielsweise dafür einsetzen, dass landesweit Radschnellwege für den überregionalen Pendler*innen-Verkehr gebaut werden, statt gegen Dieselfahrverbote zu kämpfen.

In Berlin führte die Initiative Volksentscheid Fahrrad zum beschlossenen Mobilitätsgesetz. Was können Sie aus dem Berliner Begehren für Ihr Bündnis lernen?

Dr. Ute Symanski: Zunächst haben wir uns von Berlin inspirieren lassen: 2016 war Heinrich Strössenreuther zu Gast auf unserem Kongress RADKOMM – Kölner Forum Radverkehr. Damals dachten wir: So etwas wie den Volksentscheid Fahrrad in Berlin brauchen wir in NRW auch. Die Berliner haben uns ganz praktisch unterstützt, zum Beispiel mit Tipps fürs Unterschriftensammeln.

Gleichzeitig ist es ein großer Unterschied, ob ich in einer Stadt oder einem ganzen Bundesland eine solche Initiative starte. Bei uns steht der Wunsch im Vordergrund, möglichst viele Akteure im Land miteinander zu vernetzen und die Mobilitätswende zum Gesprächsthema zu machen. Eines unserer Ziele ist, eine bisher nie dagewesene Allianz für die Mobilitätswende zu schaffen. In Berlin hingegen stand das Fahrradgesetz im Mittelpunkt. Ich persönlich habe aus den vielen sehr nützlichen Gesprächen mit den verschiedenen Berliner Akteuren gelernt: Jeder Volksentscheid ist anders – und braucht seinen ganz eigenen Weg.

Vielen Dank für das Interview, Frau Dr. Symanski.