Hände an Smartphones
Josephien Albrecht
Josephien Albrecht

Content-Managerin

Nächste Scheuer-Panne: Warum ist der digitale Führerschein offline?

Erst vor einer Woche eingeführt, ist die „ID Wallet”-App für den digitalen Führerschein schon wieder offline. Was es mit der neuesten Panne des Verkehrsministeriums auf sich hat und wofür der digitale Führerschein überhaupt sinnvoll ist, fasst finanzen.de zusammen.

Projekte des Verkehrsministeriums unter Andreas Scheuer (CSU) standen in der Vergangenheit unter keinem guten Stern – Stichwort Maut-Affäre. Auch in Fragen der Digitalisierung genießt Deutschland nicht gerade eine Vorreiterrolle, denken wir an langsame Internetverbindungen mangels Glasfaserausbau, Overheadprojektoren in den Schulen oder das noch immer in den Verwaltungen eingesetzte Fax. Der Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft der EU von 2020 zeigt, dass Deutschland in Sachen Digitalisierung nicht mal unter den Top-10 liegt – und das als größte Volkswirtschaft Europas.
Da verwundert es wenig, dass die erst vor einer Woche vom Verkehrsminister für den digitalen Führerschein vorgestellte „ID-Wallet”-App jetzt schon wieder offline ist.

Warum ist der digitale Führerschein nicht mehr verfügbar?

Grund dafür, dass die App schon nach kurzer Zeit aus den App-Stores verschwunden ist, ist laut Bundesregierung „die sehr hohe Nachfrage” der Nutzer, welche zu „unerwarteten Lastspitzen” führte und so die Nutzung beeinträchtigte. In den sozialen Medien hatten sich seit dem Go-Live am 23. September 2021 die Beschwerden aufgrund zahlreicher Fehlermeldungen bei der App-Nutzung gehäuft. Um diese Probleme zu fixen und die App auf höhere Nutzungslasten auszulegen, wurde sie nun für einige Wochen aus den Stores entfernt.

Welche Kritik gibt es am digitalen Führerschein?

Nicht nur die hohe Auslastung hat dazu geführt, dass die Anwendungssoftware aktuell nicht mehr verfügbar ist. Auch wurden mit dem Livegang etliche Stimmen laut, die Sicherheitslücken in der App bemängelten. Darunter auch die IT-Sicherheitsexpertin Lilith Wittmann, die kürzlich schon fatale Sicherheitslücken in der CDU-Wahlkampf-App aufgedeckt hatte.
Auf ihrem Blog rät die Aktivistin den Zuständigen dringend dazu, nochmals einige Monate in die Arbeit an den Sicherheitslücken und Mängeln des Protokolls zu stecken. Sie schreibt: „Digitale Identitätsinfrastruktur eines Staates ist kein nebenbei-Projekt für einen Digitalisierungs-Hackathon. Innerhalb des letzten Jahrzehnts haben wir in Deutschland viel Wissen angesammelt, wie ein solches System sicher und nachhaltig funktionieren kann. Leider ist dieses Wissen momentan nicht an der Stelle, an der es wirklich benötigt wird.”

Auch der Digitalverband Bitkom hat kein Lob parat. Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder sieht die App als weiteren mühseligen Versuch, „auch in Deutschland digitale Technologien an der Schnittstelle von Verwaltung und Verbrauchern zum Einsatz zu bringen”. Er weist darauf hin, dass andere Länder wie der Kosovo oder Norwegen Deutschland weit voraus in diesen Digitalisierungsprozessen seien: „Zunächst kam ein elektronischer Personalausweis, für den es aber faktisch keine Einsatzmöglichkeiten gab. Dann kam die elektronische Gesundheitskarte, die außer Stammdaten nichts zu bieten hatte. Jetzt kommt eine Führerschein-App, die bei Polizeikontrollen nicht akzeptiert wird.”

Welche Vorteile könnte der digitale Führerschein bringen?

Laut der Vorstellung des Verkehrsministers hat der digitale Führerschein hingegen „das Potenzial, den Alltag von Autofahrern deutlich zu erleichtern“. Dafür gibt es Pläne, umgesetzt wurde davon aber noch nichts. Aktuell arbeite man mit den Car-Sharing und Mietauto-Anbietern BMW und Sixt daran, die zeitraubende Video-Überprüfung des Führerscheins bei der Anmeldung mit dem digitalen Führerschein zu erleichtern. Weiter berichtet Scheuer: „Parallel dazu arbeiten wir auf EU-Ebene daran, dass der digitale Führerschein auch als offizieller Nachweis der Fahrerlaubnis zum Beispiel in Polizeikontrollen anerkannt wird.”

Wie lange es dauern wird, bis ein solcher Schritt in der Verwaltung dann auch wirklich umgesetzt wird, bleibt fraglich. Für Verbraucher ist zudem zu beachten, dass sie den digitalen Führerschein nur nutzen können, wenn sie auch über einen digitalen E-Personalausweis verfügen. Zukünftig soll beides in der „ID Wallet”-App als eine Art digitale Brieftasche gespeichert werden können – wenn sie wieder online geht.