Josephien Albrecht
Josephien Albrecht

Content-Managerin

Öffnung von Kitas und Grundschulen: Sind wir bereit für Lockerungen?

Schleswig-Holstein schickt Grundschüler schon ab dem 8. Juni ohne Kontaktbeschränkungen zurück in die Schule. Auch andere Bundesländer planen Öffnungen. Welche Kritik es unter anderem von der Erziehergewerkschaft gibt und was für die Entscheidung spricht, klärt finanzen.de!

Immer mehr Bundesländer planen derzeit schrittweise Regelungen für eine Rückkehr in den normalen Kita- und Schulalltag – obwohl es bisher noch keine gesicherten Kenntnisse zur Ansteckungsgefahr bei Kindern vorliegen.



Was sehen die neuen Regelungen zur Schulöffnung in Schleswig-Holstein vor?

Schleswig-Holstein prescht bei den Lockerungen im Schul- und Kitabereich vor: Ab dem 1. Juni dürfen Kitagruppen mit bis zu 15 Kindern wieder Vollzeit, also für mindestens sechs Stunden, betreut werden. Die volle Betreuung ist vorgesehen für Vorschulkinder, Kinder mit Förderbedarf, Kinder von Alleinerziehenden und von Eltern, die in systemrelevanten Berufen arbeiten. Alle anderen Kindern können im Tages- beziehungsweise Wochenwechsel betreut werden. Auch alle Kleinkinder in Kinderkrippen dürfen zurück, da die Gruppen ohnehin auf zehn Kinder begrenzt sind. Ab dem 22. Juni soll dann der gesamte Kitabereich in den Regelbetrieb zurückkehren.

Auch Grundschüler sollen besonders früh zurück in den Schulalltag: Ab dem 8. Juni geht es für sie im gewohnten Klassenverband in den Präsenzunterricht. „Die Kontaktbeschränkungen in den Grundschulen werden dann nicht mehr gelten“, so Ministerpräsident Daniel Günther (CDU). Karin Prien (CDU), Bildungsministerin in Schleswig-Holstein, erklärt: „Die Jüngsten brauchen ihre Lehrkräfte als Bezugspersonen am dringendsten.” Nach den Sommerferien sollen dann die Schüler aller Jahrgänge am 10. August in den normalen Alltag starten.

Rückkehr in den Schulalltag fürs Schuljahr 2020/21?

Die meisten Bundesländer kündigten diese Woche Termine für die Rückkehr in den sogenannten „Regelbetrieb” für Kitas und Schulen an. In Mecklenburg-Vorpommern wurden die Kitas schon diese Woche für Kinder aller Eltern, die in Vollzeit arbeiten, geöffnet. In Baden-Württemberg sollen die Kitas laut Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) spätestens Ende Juni wieder vollständig öffnen. In Sachsen-Anhalt sollen die Grundschulkinder ab 15. Juni wieder regulär die Schule besuchen.

In fast allen Bundesländern ist ein Schul-Regelbetrieb ab dem neuen Schuljahr geplant. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hofft darauf ebenfalls, hält sich mit Prognosen jedoch lieber zurück. Er wolle Schritt für Schritt gehen, statt ins Ungewisse zu springen.

Welche Kritik gibt es an der schnellen Öffnung von Kitas und Schulen?

Zur zügigen vollständigen Öffnung von Kitas und Grundschulen in einigen Bundesländern äußerte sich auch SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil kritisch im Interview mit RTL: „Manche Länderchefs erwecken den Eindruck, wir seien über den Berg und hätten das Coronavirus besiegt und alles sei gut. Das halte ich für eine sehr gefährliche Kommunikation.” Für eine Öffnung der Schulen bräuchte es gemeinsame Standards, „auch für die Lehrer, wie sie in diesen Zeiten unterrichten können”, so Klingbeil.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) findet den Schritt zu den angekündigten Lockerungen im Kita- und Schulsystem zu verfrüht. GEW-Landesvorsitzende für Schleswig-Holstein, Astrid Henke, sieht die Gesundheit der Lehrkräfte und Erzieher durch die Entscheidung der Landesregierung gefährdet. „Bürgerinnen und Bürger sollen weiterhin untereinander 1,5 Meter Abstand halten. Für 25 Kinder in oft zu kleinen und nur schlecht zu belüftenden Grundschulklassen soll das aber nicht gelten. Was für ein Widerspruch!”, so Henke.

Hygienekonzept für die Schulöffnungen fehlt bisher

Ähnlich sieht das ihr Kollege Matthias Schneider, Sprecher der GEW in Baden-Württemberg. Gegenüber dem Spiegel zweifelt er daran, dass es möglich sei, den Mindestabstand in Kitas und Schulen zu wahren. Auch der Personalmangel in Kitas und Schulen stellt ein Problem dar: „Wenn dann noch die Kolleginnen und Kollegen aus den Risikogruppen wegfallen, sehe ich überhaupt nicht, wie das funktionieren soll”, kritisiert Schneider.

Vonseiten des Deutschen Lehrerverbandes kommen ebenfalls Kritikpunkte. Hier heißt es, dass das derzeitige Hygienekonzept für einen Regelbetrieb in Schulen komplett überarbeitet werden müsste. So würde es kleiner Lerngruppen, Atemschutzmasken und auch umfassender Corona-Tests bedürfen, wollte man den Unterricht ohne Abstandsregeln durchführen. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Lehrerverbandes, warnt gegenüber der Passauer Presse auch vor dem Zeitaufwand der Erstellung eines neuen Hygienekonzepts, „das man nicht so einfach aus dem Hut zaubern kann”.

Weitere Schließung der Schulen fataler als das Gesundheitsrisiko?

Seit Beginn des Lockdown warnen Erziehungs- und Sozialexperten vor den Folgen für die psychische Gesundheit der Kinder. So gab die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin in einer Stellungnahme zu bedenken, dass die „wochenlange Kontaktsperre zu Freunden und Erzieher*innen einen unverstandenen und gegebenenfalls traumatischen Verlust von wichtigen Bindungspersonen” für viele Kinder bedeutet.

Auch das Deutsche Kinderhilfswerk befürchtet gravierende Folgen für Kinder und Jugendliche, sollten die Bildungseinrichtungen nicht bald wieder öffnen. Im Interview mit der Zeit macht sich Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks, für die rasche Rückkehr in den schulischen Regelbetrieb stark. Die derzeitige Schulausbildung mache eine „ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung und -entfaltung nicht möglich”, so Krüger. Besonders Kinder mit Förderbedarf würden überproportional abgehängt, das lasse sich auch nach Corona kaum aufholen.

Auch die Generation Z könnte es treffen. Laut Ökonomen verschlechtert sich ihre Situation auf dem Arbeitsmarkt durch die Krise auch für die Zeit nach Corona erheblich. „Wir bekommen es hier, wenn wir nicht schnell den Weg der vollständigen Öffnung von Schulen und Kitas gehen, womöglich mit einer verlorenen Generation zu tun”, warnt Krüger.

Wie ansteckend sind Kinder und Jugendliche?

Im Interview mit der Augsburger Allgemeine wies Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) darauf hin, dass die derzeitige Studienlage „keine echten Schlüsse zulässt, inwieweit Kinder zur Verbreitung des Virus beitragen”. Fast täglich gäbe es neue Erkenntnisse über das Virus, politische Entscheidungen in den Bereichen Kita und Schule wären daher besonders schwierig.

Für heftige Debatten sorgte zuletzt die Studie des Charité-Virologen Christian Drosten zum Thema. Drosten hatte, wie bei wissenschaftlichen Studien üblich, eine Vorabversion veröffentlicht, die es anderen Forschern ermöglicht, Methodik und Interpretation zu kommentieren und gegebenenfalls Änderungen vorzunehmen. Normalerweise erfolgt dieser Prozess nicht in der Öffentlichkeit, aufgrund des hohen Corona-Interesses wurden die Vorergebnisse jedoch sowohl von Medien als auch anderen Wissenschaftlern intensiv öffentlich debattiert.

In den einzelnen Bundesländern laufen zudem auch Studien zum Ansteckungsrisiko mit dem Coronavirus bei Kindern. So wurden in Baden-Württemberg 2.500 Kinder und je ein Elternteil getestet, in Hamburg startet gerade eine Studie mit 6.000 Kindern. Auch in Berlin hat die CDU-Fraktion nun einen Studien-Antrag an den Berliner Senat gestellt.