Anja Schlicht
Anja Schlicht

Redaktionsleitung

Öko-Test zerpflückt Alternativen zur Berufsunfähigkeitsversicherung

Nachdem sich bereits Finanztest in diesem Monat mit den Alternativen zur Berufsunfähigkeitsversicherung beschäftigt hat, legt nun Öko-Test nach. Für Menschen, die auf der Suche nach Absicherungsmöglichkeiten gegen Berufsunfähigkeit sind, ist das Urteil erneut ernüchternd. Denn Öko-Test lässt kein gutes Haar an den Alternativen.

Erwerbsunfähigkeitsversicherung, Grundfähigkeitsversicherung, Multi-Risk-Versicherung – Sie zählen zu den Alternativen zur Berufsfähigkeitsversicherung (BU) für Personen, die sich den Schutz nicht leisten können oder aufgrund von Vorerkrankungen keinen Versicherer finden. Was diese Absicherungen taugen, hat im Juni 2016 nicht nur Finanztest überprüft. Auch Öko-Test hat sich nun die Tarife von 34 Anbietern vorgenommen, mit denen sich Kunden alternativ gegen die finanziellen Folgen des Jobverlusts absichern können. Beide Magazine kommen zum gleichen, unerfreulichen Fazit: Aufgrund des lückenhaften Schutzes und vieler Leistungsvoraussetzungen verdienen die Policen die Bezeichnung „Alternative zur Berufsunfähigkeitsversicherung“ kaum.

Erwerbsunfähigkeitsversicherung schneidet nur befriedigend ab

Öko-Test kritisiert an den verschiedenen Versicherungsmöglichkeiten vor allem die Einschränkungen, wann die Versicherer wie viel leisten. So sehen Erwerbsunfähigkeitsversicherungen beispielsweise keinen Verzicht auf die sogenannte abstrakte Verweisung vor. Das bedeutet, dass Versicherte kein Geld erhalten, solange sie noch in irgendeinem Job arbeiten können und nicht nur in ihrem aktuellen Beruf. Öko-Test bewertet daher keines der Angebote besser als „Befriedigend“. Von den 24 getesteten Erwerbsunfähigkeitsversicherungen können sich immerhin noch acht dieses Gesamtergebnis sichern. Die restlichen Tarife haben dagegen löchrige Leistungen. Als Beispiel hierfür nennt das Magazin die fehlende Möglichkeit, die Rente ohne erneute Gesundheitsprüfung zu erhöhen.

Dennoch: Die Erwerbsunfähigkeitsversicherung ist Michael Franke von der Ratingagentur Franke und Bornberg zufolge „besser als ihr Ruf“, insbesondere bei seelischen Erkrankungen. Denn dann können Betroffene oftmals keine Tätigkeit mehr nachgehen und erhalten somit eine Rente von ihrem Versicherer.

Erwerbsunfähigkeitsversicherung im Test: Experten bewerten Schutz unterschiedlich

Als „sehr günstig im Preis und noch einigermaßen leistungsstark“ bezeichnet Öko-Test drei Tarife: T1 NER von Hannoversche, PremiumEU von Continentale und EU-Vorsorge Premium mit Baustein Sofortkapital von Europa. Diese Versicherer zählt auch Finanztest zu den besten Unternehmen, um sich dort gegen Erwerbsunfähigkeit abzusichern. Jedoch fällt die Bewertung deutlich besser aus. So erzielen Continentale und Hannoversche neben zehn weiteren Anbietern ein gutes Qualitätsurteil, Europa schafft sogar als einziger Versicherer ein „Sehr gut“.

Alternativen zur Berufsunfähigkeitsversicherung können Öko-Test nicht überzeugen

Bei der Untersuchung zur Grundfähigkeits- und Multi-Risk-Versicherung ist Öko-Test über verschiedene Arten der Beitragsberechnung gestolpert. Neben der herkömmlichen Weise verrechnen manche Anbieter Überschüsse mit den Beiträgen. Die Kosten fallen so meist niedriger aus als sie tatsächlich sind. Fallen die Überschüsse weg, verteuert sich die Versicherung entsprechend.

Eine andere Form der Beitragskalkulation sind Staffelbeiträge, die Öko-Test als „legalen Betrug“ empfindet. Während Versicherte in jungen Jahren sehr wenig für ihre Versicherung zahlen, steigen die Kosten mit zunehmendem Alter deutlich. Ein Versicherer fällt besonders negativ auf: Hier werden aus anfangs rund 39 Euro im Monat nach 35 Jahren 494 Euro monatlich. Dieser Beitrag stellt nicht nur eine immense finanzielle Belastung dar. Zudem sind Versicherte mehr oder weniger gezwungen, beim Anbieter zu bleiben, wenn sie weiter versichert sein wollen. Gerade kurz vor Renteneintritt ist die Wahrscheinlichkeit hoch, wegen einer Erkrankung frühzeitig aus dem Beruf zu scheiden. Doch ein Wechsel zu einem günstigeren Versicherer ist zu diesem Zeitpunkt aufgrund des höheren Gesundheitsrisikos wohl unmöglich.

Öko-Test kritisiert zudem die niedrigen Leistungen, die Versicherer trotz hoher Kosten bieten. So gibt es nur einen Tarif, bei dem 29 der 34 abgefragten Krankheiten wie Krebs oder Demenz als „leistungsauslösend“ gelten. Der schlechteste Anbieter deckt nur 13 Erkrankungen ab.

Fazit von Öko-Test zu BU-Alternativen ernüchternd

Öko-Test kommt zu dem Fazit, dass „Erwerbsunfähigkeitsversicherungen, Grundfähigkeits- und Multi-Risk-Policen keine Alternative zu Berufsunfähigkeitsversicherungen sind.“ Deshalb jedoch ganz auf den Schutz zu verzichten, ist die falsche Entscheidung. Darauf weist Finanztest hin. Denn ein wenig Absicherung ist immer noch besser als keine. Für den bestmöglichen und bezahlbaren Schutz sollten sich Interessierte jedoch Hilfe von einem Experten holen.

Um erst gar nicht in die Situation zu kommen, sich den Schutz gegen Berufsunfähigkeit nicht leisten zu können, sollten sich Verbraucher frühzeitig mit der Problematik auseinandersetzen. So können sich beispielsweise Schüler und Studenten vergleichsweise einfach und günstig versichern. Dabei sollte der Vertrag jedoch unbedingt die Möglichkeit bieten, die Rentensumme später ohne erneute Gesundheitsprüfung zu erhöhen.