Ärztin hält Spritze in der Hand
Josephien Albrecht
Josephien Albrecht

Content-Managerin

Proteinbasierter Impfstoff vor Zulassung: Überzeugt Novavax Skeptiker?

Im Kampf gegen Corona stagniert die Impfquote in Deutschland seit geraumer Zeit. Mit zwei neuen Impfstoffklassen könnten bisherige Impfskeptiker vielleicht überzeugt werden. Was es mit den Wirkstoffen von Novavax und Co. auf sich hat, erklärt finanzen.de.

Aktuell liegt die Quote vollständig Geimpfter in Deutschland bei 66,9 Prozent, mindestens einmal geimpft sind 69,6 Prozent der Bevölkerung. Die Zahlen gehen seit dem Spätsommer nur noch schleppend voran, viele Menschen wollen sich nicht impfen lassen. Einer von vielen Faktoren, die Skeptiker einer Impfung nennen, ist das Misstrauen gegenüber den noch relativ neuartigen mRNA- und Vektor-Impfstoffen.

Mit neuen Impfstoffen gegen Corona, die auf klassische Art wirken, könnte die Impfbereitschaft steigen. Klassisch meint hier Totimpfstoffe oder proteinbasierte Wirkstoffe, wie sie schon seit vielen Jahrzehnten für Impfungen eingesetzt werden. Drei solcher Vertreter stehen aktuell im Fokus: Valneva als Totimpfstoff; Novavax und Vidprevtyn als proteinbasierte Varianten. Für das Vakzin von Novavax könnte die Zulassung noch dieses Jahr kommen.

Was unterscheidet die bisher zugelassenen Impfstoffe von den neuen?

Sowohl die bisher zugelassenen mRNA-Impfstoffe (Moderna und Biontech) als auch die Vektorimpfstoffe (Astrazeneca und Johnson & Johnson) enthalten Erbinformation des Coronavirus. Diese agiert als Bauplan, mit dem der Körper die Spike-Proteine des Virus selbst nachbilden kann. So wird das Abwehrsystem auf ein mögliches Eindringen des echten Virus vorbereitet.

Bei den proteinbasierten Vakzinen Novavax und Vidprevtyn ist das Spike-Protein des Coronavirus schon im Impfstoff enthalten und wird mit einem Wirkverstärker kombiniert. So wird der Schritt der eigenen Herstellung des Proteins durch den Körper übersprungen. Für Grippeimpfstoffe wird diese Technologie schon seit etlichen Jahren verwendet. „Vielleicht beruhigt das auch Menschen, die bisher skeptisch waren und bei den neuartigen Impfstoffen Sorgen hatten”, schätzt Impfstoffexperte Dr. Torben Schiffner von der Uni Leipzig gegenüber dem MDR.

Besonders lange etabliert sind die Totimpfstoffe, wozu der Wirkstoff der französisch-österreichischen Firma Valneva gehört. Totimpfstoffe enthalten statt einzelnen Bau- oder Bestandteilen eines Virus das gesamte, inaktive Virus. Die Krankheitserreger können sich so nicht vermehren, dennoch wird das Immunsystem aktiviert und Antikörper produziert. Zu den Totimpfstoffen gehören unter anderem Impfstoffe gegen Diphtherie oder Hepatitis B. Die proteinbasierten Vakzine stellen eine Unterkategorie der Totimpfstoffe dar.

Welche Vor- oder Nachteile bringen die neuen Impfstoffe mit sich?

Ein Vorteil ist, dass diese Art der Impfstoffe schon viele Jahre existiert. Das könnte nicht nur Impfskeptiker überzeugen, auch die bereits etablierten Herstellungsprozesse sind positiv zu bewerten. Dr. Torben Schiffner ist überzeugt: „Das werden super Impfstoffe, sie sind leichter zu transportieren und zu handhaben und deutlich kostengünstiger.” Auch könnten große Mengen innerhalb kurzer Zeit produziert werden.

Dafür dauert die Entwicklung proteinbasierter Impfstoffe länger, als dies bei den mRNA- und Vektor-Impfstoffen der Fall ist. Dies wird besonders zum Nachteil, wenn der Impfstoff an neue Virusvarianten angepasst werden muss. Hier „sind mRNA- und Vektorimpfstoffe im Vorteil. Sie lassen sich schneller an neue Virusmutationen anpassen, da ihr Herstellungsprozess nicht so aufwendig ist”, erklärt Dr. Schiffner.

Einige Impfskeptiker könnte auch die Wahl des Wirkverstärkers beim Novavax-Vakzin überzeugen. Statt bisher häufig eingesetzter Aluminiumsalze, die oft in der Kritik stehen, nutzt Novavax Saponin-Moleküle aus Extrakten des Seifenrindenbaums.

Erster proteinbasierter Corona-Impfstoff noch in diesem Jahr?

Der Impfstoff NVX-CoV2373 der US-Firma Novavax könnte noch im Dezember 2021 zugelassen werden. Die Europäische Union hat bereits einen Liefervertrag mit Novavax geschlossen. In Indonesien ist das Vakzin schon zugelassen. Am Mittwoch beantragte das Unternehmen zudem die vorläufige Zulassung bei der Arzneimittelbehörde in Neuseeland. Auch in Australien, Großbritannien und Kanada liegen Zulassungsanträge vor.

Zum Wochenanfang reichte Novavax die letzten nötigen Daten bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA ein. Der Zulassungsantrag dürfte deshalb in Europa zeitnah folgen. Schon seit Februar prüft die EMA den Impfstoff in einem beschleunigten, sogenannten Rolling-Review-Verfahren.

Zum Impfstoff Vidprevtyn des französischen Unternehmens Sanofi Pasteur gibt es noch keine Angaben zur Verfügbarkeit. Hier begann der Rolling-Review erst im Juli, es liegen noch nicht alle klinischen Daten vor.

Auch beim Totimpfstoff Valneva wird die Zulassung noch eine Weile dauern. Aktuell hat der Wirkstoff die Phase-3-Studie abgeschlossen. Die Ergebnisse sehen positiv aus, müssen aber noch weiter ausgewertet werden.

Können die neuen Impfstoffe Skeptiker überzeugen?

Eine neue Umfrage des Forsa-Meinungsforschungsinstituts unter Ungeimpften im Auftrag des Bundesgesundheitsministerium zeigt, wie schwer es ist Impfskeptiker zu überzeugen. Etwa zwei Drittel gaben in der Umfrage an, sich „auf keinen Fall” in den kommenden zwei Monaten impfen zu lassen.

Auch Belohnungen oder weitere Einschränkungen überzeugten die Impfskeptiker nicht. Teilweise sank die Impfbereitschaft sogar. Die Belohnung minderte die Impfbereitschaft von 18 Prozent der Befragten zusätzlich, gleiches gilt in puncto Einschränkungen für 27 Prozent.

Einziger Hoffnungsschimmer zur Steigerung der Impfbereitschaft ist die Zulassung weiterer Impfstoffe, die auf einem klassischen Wirkprinzip beruhen, wie Totimpfstoffe. Unter dieser Prämisse könnte sich eine Mehrheit von 56 Prozent eine Impfung vorstellen.
Besonders Personen ab 55 Jahren gaben in der Forsa-Umfrage „überdurchschnittlich häufig an, dass sie die bisher verfügbaren Impfstoffarten ablehnen”.