Anja Schlicht
Anja Schlicht

Leitung Newsredaktion

Ressourcenmangel und Energiewende sind Achillesfersen der E-Autos

Wie sieht die Mobilität in Deutschland zukünftig aus? Laut Ingrid Remmers, verkehrspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, werden die Menschen „viel stärker unterschiedliche Verkehrsmittel nutzen.“ Das Auto werde zwar weiter wichtig sein, aber an Bedeutung verlieren – vor allem, wenn Städte dem Rad- und Fußverkehr mehr Platz einräumen.

Veröffentlicht am 3. April 2018
Auf 1.000 Einwohner kamen im Jahr 2016 genau 555 Pkw. Damit hat die Auto-Dichte in der Bundesrepublik einen neuen Höchststand erreicht, berichtet aktuell das Statistische Bundesamt. Den vielen Autoverkehr bekommen viele Städte und deren Bewohner immer häufiger zu spüren. Sie leiden unter verstopften Straßen und hoher Schadstoffbelastung.



Eine Möglichkeit, um zumindest die Belastung durch Schadstoffe einzudämmen, ist die Elektrifizierung von Bussen und Bahnen, meint Ingrid Remmers. Den reinen Austausch von privaten Autos gegen Elektrofahrzeuge hält sie dagegen für zu kurz gedacht. Warum, erläutert die Verkehrsexpertin im Interview mit finanzen.de. Darin zeigt sie zudem auf, mit welchen Problemen sich die Elektromobilität konfrontiert sieht.

Frau Remmers, welche Themen beschäftigen Sie aktuell in Ihrem Wahlkreis Gelsenkirchen bei der Verkehrspolitik und Infrastruktur?

Ingrid Remmers: Gelsenkirchen leidet, wie viele Städte im Ruhrgebiet, unter zu viel Autoverkehr. An Messstationen finden sich regelmäßig zu hohe Schadstoffwerte, vor allem Stickoxid. Aufgrund der Schuldenlast ist zudem der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) auf der Strecke geblieben. Viel zu oft wurde am falschen Ende gespart, sodass die Folgen für die Menschen deutlich spürbar sind. Sie erreichen nur große Zentren schnell, aber abseits der Hauptverbindungen müssen sie mit langen Wartezeiten rechnen, wenn es überhaupt eine Haltestelle gibt.

Leider sieht es beim Radverkehr auch nicht besser aus. Hauptverkehrsachsen sind mit Schmalspurradwegen versehen, die wegen ihrer Größe und Beschaffenheit weder wirklich einladend sind noch eine echte Alternative bieten. Abseits der Hauptverkehrsadern gibt es keine Fahrradwege.

Wir uns setzen in enger Zusammenarbeit mit den Umwelt- und Verkehrsinitiativen und Organisationen vor Ort für ein Verkehrskonzept ein, das darauf abzielt, den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren sowie den ÖPNV, den Fahrrad- und den Fußverkehr zu stärken. Nur über ein abgestimmtes Konzept, in dem alle Verkehrsträger berücksichtigt werden, erreichen wir gesündere Luft in den Städten, schützen die Umwelt sowie die Gesundheit der Bevölkerung und schaffen Platz für attraktivere, lebenswertere Innenstädte.

Union und SPD haben sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, die Elektromobilität in Deutschland deutlich voranzubringen. Wie gut ist Gelsenkirchen derzeit aufgestellt?

Ingrid Remmers: Die Elektromobilität wird in Gelsenkirchen zwar seitens der Stadt fokussiert und gefördert, der Bestand an Elektroautos ist aber schwindend gering. So gab es zu Beginn des Jahres weniger als 100 Elektroautos in der Stadt. Das liegt zum einen daran, dass nur zehn bis zwölf Ladestationen zur Verfügung stehen. Zum anderen steht Gelsenkirchen unter Haushaltsvorbehalt.

Im ÖPNV gibt es bislang gar keine Elektrobusse, was nicht zuletzt an der fehlenden Verfügbarkeit dieser Fahrzeuge liegt, die in Deutschland  noch gar nicht hergestellt werden. Zwei Verkehrsunternehmen befahren die Stadt mit Bussen, die zusammen acht Hybridbusse in ihre Flotte aufgenommen haben.

Insgesamt plädieren wir für die Elektrifizierung der Bussen und Bahnen. Aus unserer Sicht macht es dagegen keinen Sinn, private Pkw einfach gegen Elektrofahrzeuge auszutauschen. Dieser Schritt reduziert weder die Anzahl an Fahrzeugen noch ist es ein verantwortungsbewusster Umgang mit den knappen Ressourcen, die für die Batterien der E-Autos gebraucht werden.

Was sind in Ihren Augen die nächsten Schritte, um die Elektromobilität auf Bundesebene voranzubringen?

Ingrid Remmers: Zunächst einmal ist es wichtig, den Blick zu weiten. Elektromobilität heißt nicht nur Elektroauto, sondern auch Bahn, Straßenbahn und E-Fahrrad. Warum spricht eigentlich kaum einer von den 680.000 E-Bikes, die in Deutschland 2017 verkauft wurden?

Die Fachverbände haben errechnet, dass bereits mehr als 3,5 Millionen E-Bikes auf deutschen Straßen unterwegs sind. Die E-Revolution findet hier schon statt. Die Hälfte aller Wege, die wir in Deutschland täglich zurücklegen, ist kürzer als zehn Kilometer. Eine ideale Entfernung fürs Fahrrad beziehungsweise Elektrorad. Eine gute Infrastruktur dafür ist schon lange überfällig.

Bezogen auf Elektroautos wird es notwendig sein, sich intensiv mit der Rohstoffproblematik und der Beschleunigung der Energiewende zu befassen. Dies sind die beiden umweltpolitischen Achillesfersen für Elektroautos. Ohne Rohstoffe für die Batterien können auf Dauer keine E-Autos produziert werden.

Würden Sie persönlich lieber ein E-Auto oder einen Diesel fahren?

Ingrid Remmers: Ich bin gerade dabei, mir einen Überblick bei E-Fahrrädern zu verschaffen. Meine Verkehrsmittelwahl ist zunehmend multimodal. Das heißt, ich wähle das Verkehrsmittel, was für den Zweck am meisten Sinn macht: mit der Bahn nach Berlin, demnächst mit dem E-Fahrrad in meinem Wahlkreis, aber auch mit dem Auto, gelegentlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Dieselfahrer interessieren derzeit vor allem die drohenden Fahrverbote. Welche wäre in Ihren Augen die beste Lösung, diese Verbote abzuwenden und gleichzeitig die Stickstoffdioxidbelastung so zu reduzieren, dass die Grenzwerte in Städten und Kommunen eingehalten werden?

Ingrid Remmers: Dazu haben wir als Linke schon einen Antrag in den Bundestag eingebracht. Die beste Lösung ist es, die Autohersteller zu einer Nachrüstung der Autos mit SCR-Systemen zu verpflichten. Damit bekommen die betrogenen Autokäufer endlich die Qualität, die sie von Anfang an haben wollten und für die sie auch bezahlt haben. Die Autos haben dann einen geringeren Ausstoß von Luftschadstoffen nicht nur im Labor, sondern auch im realen Leben auf der Straße. In den meisten Städten können damit auch Fahrverbote vermieden werden.

Werden die Bürgerinnen und Bürger in 15 Jahren noch in einem Auto mit Diesel- oder Benzinantrieb sitzen oder wird eine andere Antriebstechnik das Maß aller Dinge sein?

Ingrid Remmers: Ich denke nicht, dass es bei den anstehenden gesellschaftlichen Veränderungen allein um den Antrieb der Autos geht. Wir werden ganz neue Verkehrsmittel und damit auch ganz neue Möglichkeiten bekommen. Ich empfehle den Blick auf Lastenfahrräder. Es ist schon sehr erstaunlich, was sich da in den letzten Jahren entwickelt hat.

Ich denke, wir alle werden viel stärker unterschiedliche Verkehrsmittel nutzen. Wenn die Bahn einen Taktfahrplan einführt, dann werden viele Menschen auf die Bahn umsteigen. Unsere Städte werden wahrscheinlich menschenfreundlicher durch Stadtplätze werden, die zum Verweilen einladen und an denen man zentral unterschiedliche Erledigungen auf kurzen Wegen machen kann. In diesen Städten haben wir dann auch viel mehr Platz für den Rad- und Fußverkehr. Das Auto wird sicher nicht verschwinden, aber es wird weniger wichtig.

Vielen Dank für das Interview, Frau Remmers!