Selbstständigkeit: Income Gap ist viel größer als bei Angestellten

Gründerinnen verdienen rund 44 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, weiß Claudia Gather vom Institut für Entrepreneurship, Mittelstand & Familienunternehmen (EMF). Im Interview spricht die Co-Herausgeberin der „Expertise für den 2. Gleichstellungsbericht der Bundesregierung“ über die Ursachen der ungleichen Bezahlung, die Folgeprobleme und über Lösungsansätze.

Veröffentlicht am 17. August 2017



Das Institut für Entrepreneurship, Mittelstand und Familienunternehmen (EMF) untersucht Veränderungen in der Arbeitswelt von Selbstständigen. Ein Forschungsschwerpunkt widmet sich der Frage, welchen Einfluss das Geschlecht auf den Unternehmenserfolg in Deutschland hat. Statistiken zeigen, dass Frauen in der Selbstständigkeit nur fast halb so viel verdienen wie Männer. Im Interview mit finanzen.de erklärt die EMF-Expertin für Gleichstellung, Claudia Gather, wo die Ursache der klaffenden Einkommenslücke liegen könnte.     

Frau Gather, viele Frauen machen sich mit einer Geschäftsidee selbstständig. Haben sie mit anderen Problemen zu kämpfen als Männer?

Claudia Gather: Prinzipiell haben Frauen und Männer nach einer Geschäftsgründung mit genau den gleichen Problemen und Herausforderungen zu kämpfen. Dennoch ist es für Frauen oft schwieriger, in der Geschäftswelt Fuß zu fassen. Das liegt unter anderem an den Bildungsbiografien und den nicht so finanzstarken Branchen, die sich viele Frauen für ihre Gründung aussuchen. Frauen machen sich zum Beispiel viel häufiger als Männer im Dienstleistungsbereich selbstständig, der keine großen Anfangsinvestitionen benötigt. Ein Telefon und ein Computer reichen oft schon aus, um ein kleines Unternehmen zu führen. Da sich viele Frauen nebenberuflich selbstständig machen (müssen), gründen sie oft eher im kleinen Stil. 

Das Unternehmertum hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Die Digitalisierung hat beispielsweise viele Arbeitsprozesse flexibler gemacht. Wie können Frauen diesen Wandel nutzen?

Claudia Gather: Das können wir leider zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, da es noch keinerlei Studien über den Zusammenhang von Gründerinnenerfolg und Digitalisierung gibt. Wir wissen, dass es nach wie vor viel weniger Frauen gibt, die beispielsweise Informatik studieren – also Fächer, die man mit Digitalisierung in Verbindung bringen kann. Gleichzeitig zeigen die Zahlen, dass aktuell fast die Hälfte der Unternehmensgründungen aus Frauenhand stammt. Einen Zusammenhang zwischen der fortschreitenden Digitalisierung und Gründungen durch Frauen ist zu vermuten, aber nicht belegt.   

Die Gender Income Gap ist in der Selbstständigkeit mit 44 Prozent sehr viel größer als bei abhängigen Beschäftigungsverhältnissen. Wie kommt das zustande?

Claudia Gather: Ja, der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen ist in der Selbstständigkeit noch größer als in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen – das ist in fast allen Berufsgruppen der Fall. Ärztinnen und Ärzte verdienen beispielsweise im Schnitt als Selbstständige mit einem Durchschnittsgehalt von 100.000 Euro im Jahr sehr gut. Doch auch hier zeigen sich große Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern. Bei Medizinern liegt es etwa an den Bereichen, in denen sie sich spezialisieren. Kinderärzte, unter denen es mehr Frauen gibt, werden schlechter bezahlt als Chirurgen – davon gibt es mehr Männer.

Die Income Gap gibt es aber auch im weiblich dominierten Dienstleistungssektor. Es fällt auf, dass Männer hier ebenfalls meist mehr verdienen als Frauen. Wir vermuten, dass es eine „Marktdiskriminierung“ gibt. Damit meinen wir, dass die Arbeitsleistung der Geschlechter von Kundenseite eine unterschiedliche Wertschätzung bekommt. Eine weitere Rolle könnte die Preisgestaltung spielen – Männer sind oft selbstbewusster bei den Preisen für Leistungen.

Welche Stellschrauben müssten gedreht werden, um diese Lücke zu verkleinern?

Claudia Gather: Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Richten wir unseren Blick nach Skandinavien, kann man feststellen, dass dort die Einkommensunterschiede sowohl bei Selbstständigen als auch bei Angestellten viel geringer sind als in Deutschland. Es besteht demnach die Möglichkeit, dass es einen Zusammenhang zwischen gerechter Bezahlung im angestellten und im selbstständigen Bereich gibt.

Das niedrige Einkommen vieler selbstständiger Frauen führt auch dazu, dass sie häufig nicht genug oder überhaupt nicht für ihre Altersrente vorsorgen. Welche Maßnahmen müssten durchgeführt werden, damit Altersvorsorge realistisch überhaupt möglich ist?

Claudia Gather: Die fehlende Altersvorsorge vieler selbstständiger Frauen ist ein großes Problem. Davon sind vor allem Solo-Selbstständige – also jene Gründerinnen ohne Angestellte – betroffen. Es wurde schon öfter über eine staatliche Versicherung als Ausweg gesprochen. Doch eine Lösung gibt es (noch) nicht. Derzeit sorgen meist nur diejenigen Gründerinnen fürs Alter vor, die es sich leisten können oder die in einem Versorgungswerk wie der Künstlersozialkasse (KSK) organisiert sind.

Vielen Dank für das Interview, Frau Gather.