So wichtig ist Taschengeld für den richtigen Umgang mit Geld

Kinder verstehen nur selten die Finanzprobleme der Eltern. In ihren Augen ist Geld einfach da. Für die spätere Finanzkompetenz ist das besorgniserregend, weiß Präventionsexpertin Kirstin Wulf von der Organisation Bricklebrit. In Workshops vermittelt sie einen positiven und verantwortungsvollen Umgang mit Geld und hilft so Verschuldung vorzubeugen.

Veröffentlicht am 2. August 2016



Sie geben Workshops für Kinder in Kindergärten sowie Schulen und bieten Kurse für Eltern und ganze Familien an, um einen gesunden Umgang mit Geld zu vermitteln. Wie genau sieht dieser  in Ihren Augen aus?

Kirstin Wulf: In meinen Augen brauchen wir viel mehr Transparenz, wenn es um Finanzen geht. Das gilt sowohl fürs Privatleben als auch im öffentlichen Bereich. Eltern sollten beispielsweise viel selbstverständlicher über Geld sprechen und Finanzen müssen insgesamt ihren Tabustatus verlieren. Ich halte es für ungesund, wenn Familien über Einnahmen, Ausgaben und ihr Budget schweigen. Denn für die meisten Kinder und Jugendlichen ist Geld nur virtuell vorhanden. Sie haben weder eine Vorstellung davon, wo es herkommt, noch wann es aufgebraucht ist, geschweige denn, wie hoch die Ausgaben für einen Monat Familienleben sind. Ein gesunder Umgang mit Geld ist hingegen, wenn Eltern mit ihrem Nachwuchs über Einnahmen und Ausgaben sprechen und die Frage enträtseln, woher das Geld eigentlich kommt.

Die Kommunikation ist aber nur die halbe Miete: Um wirklich zu erfahren, wie der Umgang mit Geld funktioniert, müssen Kinder und Jugendliche eigene Erfahrungen sammeln. Es gibt schöne Methoden, um ökonomische Grundregeln zu erlernen. Taschengeld ist meiner Erfahrung nach ein sehr gutes Mittel dafür.

Welche Rolle spielt Taschengeld im Kindesalter für die spätere Finanzkompetenz? Wie viel Taschengeld ist für welches Alter denn angemessen?

Kirstin Wulf: Ich halte Taschengeld für eine hervorragende Methode, um finanzielle Grundkompetenzen spielerisch zu erlernen. Die Höhe ist meiner Erfahrung nach relativ egal. Wichtig ist nur, dass das Geld limitiert ist. Mit der Verantwortung für einen wöchentlichen Fixbetrag erlernen Kinder gleich mehrere Kompetenzen auf einmal.

Taschengeld vermittelt folgende Kernkompetenzen:

  • Planungsfähigkeit: Es ist ärgerlich, wenn das Geld am zweiten Tag schon weg ist.
  • Prioritäten setzen und Entscheidungen treffen: Lieber Kaugummi oder Sticker kaufen?
  • Geduld: Ist eine größere Anschaffung geplant, muss das Kind einige Woche warten.

Doch Taschengeld allein macht kein Kind zum Finanzexperten. Es ist wichtig, mit seinem Kind über die eigenen finanziellen Entscheidungen zu sprechen, damit es nach und nach komplexere Zusammenhänge versteht. Je nach Alter des Kindes muss das natürlich unterschiedlich aussehen. Ein dreijähriges Kind versteht etwa, wenn die Eltern ihm erklären, dass Erdbeeren nur im Sommer lecker und günstig sind. Mit einem Jugendlichen kann man bereits über Urlaubsbudgets sprechen.

Gibt es verschiedene Taschengeldkonzepte?

Kirstin Wulf: Es gibt zahlreiche Taschengeldkonzepte, die unterschiedliche Ansätze verfolgen. Ich bin wie gesagt davon überzeugt, dass Transparenz und Offenheit die wichtigsten Elemente beim Erwerb von Finanzkompetenz sind. In meinen Workshops arbeite ich deshalb mit der sogenannten „Drei-Gläser-Methode“. Jedes der drei durchsichtigen Gläser hat eine Rolle. Eines ist für aktuelle Ausgaben, das zweite Glas ist zum Sparen da und das Dritte soll für eine gute Tat sein. Ich empfehle Taschengeld immer für eine Woche zu geben. Die Kinder sehen dann ganz genau, wie viel Geld in welchem Glas ist. Sie können anfangen, die Ausgaben für ihre Woche zu planen und bevorstehende Ereignisse einzukalkulieren. Steht beispielsweise Omas Geburtstag bevor, sollte am Ende der Woche noch Geld für ein Blümchen übrig sein.

Sollen Eltern mit ihren Kindern auch finanzielle Fehlentscheidungen und Engpässe  kommunizieren? Können Kinder aktiv aus solchen Beispielen für ihre eigene Zukunft lernen – beispielsweise in Bezug auf Schulden?

Kirstin Wulf: Wenn Eltern mit ihren Kindern über die eigenen Finanzen sprechen, ist das in den meisten Fällen gut und notwendig. Auch Kinder und junge Erwachsene spüren, wenn es zu Hause Probleme gibt und finanzielle Einschränkungen nötig sind. Lässt man sie außen vor, passiert es schnell, dass sie Geld mit negativen Gefühlen in Verbindung bringen oder sich sogar selbst schuldig fühlen. Eltern sollten hingegen das eigene Problem dafür nutzen, um dem Kind eine Weisheit mit auf den Weg zu geben: Probleme sind total normal und es gibt Wege, um sie zu lösen. Das bedarf zwar einigen Aufwand und Anstrengungen, aber es ist machbar und unbedingt notwendig.

Vielen Dank für das Interview, Frau Wulf!

Kirstin Wulf arbeitet in der Finanzprävention und ist Expertin für Taschengeld. In ihrem Buch “Dann geh doch zur Bank und hol dir welches! Rätselraten ums Geld im Elternhaus” geht sie kindgerecht auf die Bedeutung von Geld ein. Ein transparenter Umgang mit Geld ist Ihrer Erfahrung nach der Schlüssel zu Finanzkompetenz.