Anja Schlicht
Anja Schlicht

Redaktionsleitung

Steuert die Lebensversicherung in die Bedeutungslosigkeit?

Es war das Verkaufsargument der Lebensversicherer in den 2000ern: Bis zu vier Prozent Beitragsverzinsung – garantiert. Davon sind heutige Angebote weit entfernt. Lediglich 0,9 Prozent werden maximal zugesagt. Mit der Allianz hat sich zudem der erste Anbieter von der Beitragsgarantie verabschiedet. Ein aktueller Ausblick zeigt: der Trend ist nicht gerade rosig.

  • Für das Handelsblatt kamen verschiedene Experten aus dem Bereich der Lebensversicherung für ein Strategiemeeting zusammen.
  • Dabei wurde vor allem deutlich, dass der Gesetzgeber den Garantiezins zeitnah senken muss.
  • Generell ist davon auszugehen, dass es zukünftig immer weniger Angebote mit kompletter Beitragsgarantie geben wird.

Schon Ende vergangenen Jahres hat die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) das Absenken des Garantiezinses in der Lebensversicherung von 0,9 Prozent auf 0,5 Prozent gefordert. Normalerweise folgt das Finanzministerium den Empfehlungen der DAV und der Finanzaufsicht BaFin. Doch obwohl die Niedrigzinsphase die Lebensversicherer unverändert in die Mangel nimmt, blieb eine Entscheidung für den Garantiezins 2021 aus.



Die DAV will nun für 2022 einen neuen Versuch starten. Dies teilte nun der Vorstandsvorsitzende Dr. Guido Bader auf dem Strategiemeeting Lebensversicherungswirtschaft des Handelsblatts mit.

Allianz Lebensversicherung startet ohne komplette Beitragszusage in 2021

„Die Zeit drängt: Der Höchstrechnungszins muss mindestens auf 0,5 Prozent sinken – vielleicht sogar noch tiefer“, so Bader. Er appellierte dabei an die Politik, mit der geplanten Reform der Riester-Rente auch die Absenkung des Garantiezinses umzusetzen. Zudem sollte sich der Gesetzgeber vom garantierten Beitragserhalt in der Lebensversicherung verabschieden. Solche Produkte „sind in einer Negativzinswelt aus Sicht des Aktuars nicht mehr sinnvoll.“ Bader erwartet daher, dass weitere Anbieter der Allianz folgen werden.

Diese hatte vor Kurzem verkündet, ab 2021 keine Lebensversicherungen mit voller Beitragsgarantie anzubieten. So will der Versicherer „mit angepassten Garantien und flexiblerer Kapitalanlage die Chancen für langfristig attraktive Renditen in Zeiten von Null- und Negativzins“ verbessern, heißt es in einer Pressemitteilung. Kunden können künftig zwischen einer Beitragszusage von 60 Prozent, 80 Prozent oder 90 Prozent zum Ende der Sparphase wählen.

Lebensversicherer stehen vor herausforderndem Kapitalmarkt

Zahlen der Finanzaufsicht BaFin zufolge hat im vergangenen Jahr noch rund die Hälfte der Versicherer klassische Lebensversicherungen mit Garantieverzinsung verkauft. Angesichts der niedrigen bis negativen Zinsen bei sicheren Anlagen wie Bundesanleihen ist davon auszugehen, dass die Anzahl in diesem und kommendem Jahr abnehmen wird. Schon jetzt bieten viele Versicherer ein Nebeneinander von klassischen Lebensversicherungen und solchen, die mit geringeren Garantien mehr Renditechancen in Aussicht stellen.

BaFin prüft Garantien der Versicherer sehr genau

Auch wenn das Finanzministerium keine Änderung des Garantiezinses für 2021 beschlossen hat, so warnt die BaFin die Versicherer davor, sich zu übernehmen. „Die Assekuranzen müssten intensiv prüfen, welchen Zins sie sich langfristig angesichts des Niedrigzinsumfeldes an den Kapitalmärkten noch leisten könnten“, schreibt das Versicherungsjournal mit Bezug auf die Versicherungsaufsicht. „Wer noch Produkte mit Garantien verkauft, muss das gegenüber der Aufsicht sehr gut begründen können“, teilte Dr. Frank Grund, Exekutivdirekter der BaFin, im Rahmen des Strategiemeetings mit.

Digitale Renteninformation als Antreiber

Hoffnung auf eine Verbesserung der Lage besteht nur wenig. DAV-Vorstandsvorsitzender Bader weist darauf hin, dass die Niedrigzinsphase politisch gewollt ist. Aus Sicht der Sparer sei jedoch langsam eine Grenze erreicht. „Viel weniger als jetzt würden die Menschen nicht akzeptieren. Andernfalls könnte es zu Unruhen kommen, weil sich die Sparer enteignet sehen würden“, zitiert ihn das Versicherungsjournal.

Hoffnungen auf ein stärkeres Interesse an Vorsorgethemen werden mit der geplanten digitalen Renteninformation verknüpft. Diese soll einen Überblick über die voraussichtliche Rentenhöhe aus allen drei Säulen, also gesetzlicher, privater und betrieblicher Rente, geben. Die Verbraucher würden so schnell ihren Bedarf erkennen und entsprechend handeln.