Systemische Therapie: Das soziale Umfeld ist Teil des Problems

Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Essstörungen liegen oft nicht allein am Betroffenen. Vielmehr hat das soziale Umfeld einen großen Einfluss auf die psychische Gesundheit von Patienten, so der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e.V. (DGSF), Dr. Björn Enno Hermans im finanzen.de-Interview.

Veröffentlicht am 14. August 2017



Die Systemische Therapie ist eine Therapieform, die sich bei der Behandlung auf das soziale Umfeld der erkrankten Person konzentriert. Sie bezieht Menschen aus dem privaten und beruflichen Bereich thematisch mit ein und versucht sie in den Problemlösungsprozess einzubinden. Damit erzielt die Behandlung enorme Erfolge, so Dr. Hermans vom DGSF.

Doch der Zugang zur Systemischen Therapie ist derzeit auf Privatpatienten und Selbstzahler beschränkt. Denn die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) übernimmt die Behandlungskosten bisher nicht. Das könnte bald anders sein: Der Prozess zur Aufnahme in den Leistungskatalog der GKV ist bereits in die Wege geleitet, berichtet Dr. Hermans im Gespräch mit finanzen.de.

Wie unterscheidet sich die Systemische Psychotherapie von einer „gewöhnlichen“ Psychotherapie?

Dr. Björn Enno Hermans: Die Systemische Therapie bezieht – stärker als andere Therapieformen – das soziale Umfeld des Klienten direkt oder indirekt in die Behandlung mit ein. Die Therapie sucht das Problem demnach nicht allein in der betroffenen Person selbst, sondern betrachtet die Wechselwirklungen zwischen ihr und der Umwelt. Das private und berufliche Umfeld kann maßgeblich zur Symptomatik des Klienten beitragen. Dies kann deshalb auch Teil der Lösung sein und zur Genesung des Patienten beitragen. 

Wie ist der Zugang zu einer Systemischen Therapie geregelt? Verschreiben Hausärzte eine solche Therapie oder müssen Interessierte gezielt einen Systemischen Therapeuten aufsuchen?

Dr. Björn Enno Hermans: Die Systemische Therapie ist wissenschaftlich genauso anerkannt wie die Psychoanalyse, die Tiefenpsychologische Psychotherapie oder Verhaltenstherapie. Im Unterschied zu diesen sogenannten Richtlinienverfahren ist die Systemische Therapie jedoch noch nicht als Leistung der gesetzlichen Krankenkassen zugelassen. Aus diesem Grund kann kein Hausarzt einfach eine Überweisung zu einem meiner Kollegen ausstellen. Interessierte müssen daher selbst aktiv werden und einen Therapeuten aufsuchen.

Das könnte sich jedoch bald ändern. Der Gemeinsame Bundesausschuss berät derzeit darüber, ob die Systemische Therapie in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen wird. Dann könnten Hausärzte auch zu einem systemischen Psychotherapeuten überweisen. 

Warum zahlt die gesetzliche Krankenkasse nicht für eine Systemische Therapie? Zahlen private Krankenversicherer die Behandlung?

Dr. Björn Enno Hermans: Deutschland ist eines der wenigen Länder Europas, in denen die Systemische Therapie nur einigen Privatversicherten und Selbstzahlern offensteht. Das liegt jedoch nicht daran, dass an der Wirksamkeit dieser Therapieform gezweifelt wird, sondern daran, wie es in der Vergangenheit zu Anerkennung von Psychotherapieverfahren als Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung kam.    

Einige Tarife der privaten Krankenversicherungen übernehmen die Kosten auch für systemische Psychotherapieleistungen. Privatversicherte sollten in den Leistungskatalog ihres Anbieters schauen. Dort steht genau, welche Leistungen übernommen werden und welche ausgeschlossen sind.

Wie lange dauert eine Systemische Therapie und mit welchen Kosten müssen Selbstzahler rechnen?

Dr. Björn Enno Hermans: Die Behandlungsdauer hängt eng mit dem Klienten, dem Ziel und mit dem Störungsbild zusammen. Meine Erfahrung zeigt, dass eine Spanne zwischen 10 und 20 Sitzungen die Regel ist, natürlich gibt es auch Fälle mit weniger und deutlich mehr Sitzungen. Die Frequenz, in der Therapeut und Klient sich treffen, ist bei der Systemischen Therapie häufig nicht so hoch wie bei anderen Therapieformen. So liegen oft 14 Tage zwischen den Sitzungen – dafür sind diese jedoch mit 70 bis 90 Minuten etwas länger, wenn mehrere Personen einbezogen werden. Die Kosten pro regulärer Sitzung im Umfang von 50 Minuten liegen im Schnitt zwischen 70 Euro und 100 Euro.

Für wen eignet sich diese Therapieform besonders?

Dr. Björn Enno Hermans: Die Systemische Therapie eignet sich grundsätzlich für alle psychotherapeutischen Anliegen. Besonders geeignet ist sie sicher dann, wenn die Hilfesuchenden selbst bereits den Eindruck haben, dass ihre Probleme auch mit Beziehungen, mit anderen Personen, also mit der Wechselwirkung zur Umwelt zu tun haben.

In der Kinder- und Jugendhilfe, in der aufsuchenden Familienhilfe und bei der psychologischen Beratung von Kindern, jungen Erwachsenen und Familien ist die Systemische Therapie beispielsweise nicht wegzudenken. Dort gehört sie zum festen Bestandteil der Beratungs- und Betreuungsangebote. Für Kinder und Jugendliche fallen dann dafür keine Kosten an, denn die Therapien werden im Rahmen von Einrichtungen, zum Beispiel Erziehungsberatungsstellen angeboten, die sich als gesetzliche Leistungen über öffentliche Gelder finanzieren.

Vielen Dank für das Interview, Herr Dr. Hermans.