Hagen Schulz
Hagen Schulz

Redakteur

Welche Vorteile hat die Telemedizin für mich?

Die Akzeptanz der Telemedizin nimmt in Deutschland stetig zu. Fast jeder zweite Bundesbürger kann sich mittlerweile vorstellen, Sprechstunden auf digitalem Wege in Anspruch zu nehmen. Doch bleiben bei vielen auch Fragezeichen. Was genau Telemedizin bedeutet und welche Chancen sie bietet, darüber sind sich selbst Ärzte und Gesundheitsministerium nicht einig.

Veröffentlicht am 1. März 2019
Das Gesundheitsministerium unterstützt sie, Ärzte hingegen sind skeptisch: Die Telemedizin ist hierzulande umstritten. Uns haben Leser gefragt, wie die Rechtslage aktuell aussieht und wie sie von der Telemedizin profitieren können. Wir haben darauf die Antworten und zudem geschaut, wie Deutschland im internationalen Vergleich dasteht.   



Welche Leistungen umfasst Telemedizin?

Telemedizin beschreibt medizinische Leistungen, die über eine räumliche Entfernung erbracht werden. Das bedeutet, dass der Arzt seinen Patienten in Sachen Diagnostik, Therapie und Rehabilitation über moderne Kommunikationswege wie Videochats betreut. Seit 2015 in Deutschland das sogenannte E-Health-Gesetz erlassen wurde, findet die Telemedizin immer breitere Einsatzbereiche in der Patientenversorgung.

Das gesamte Spektrum telemedizinischer Leistungen hat die Bundesärztekammer zusammengefasst. Demnach zählen nicht nur Sprechstunden und Behandlungen zur Telemedizin. Auch werden Patientenakten digital erstellt, Rezepte auf diesem Weg verschickt und Coachings zur Gesundheitsprävention abgehalten. Die Ärzte können zudem untereinander Forschungsergebnisse teilen und Fortbildungen anbieten.

Wie sind die aktuellen gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland?

Das E-Health-Gesetz enthält lediglich einen gesetzlichen Rahmen für den Datenschutz und einen Fahrplan für den Aufbau der telemedizinischen Infrastruktur. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) spricht sich für die Einführung der Telemedizin aus und will Ärzten entsprechende Anreize bieten, diese zu nutzen.

Die Mediziner selbst hingegen sind skeptischer. Erst im letzten Jahr beschloss der Deutsche Ärztetag, das Fernbehandlungsverbot zu lockern. Seitdem können Patienten auch ohne vorherigen persönlichen Kontakt zum Arzt mit diesem in Verbindung treten. Davor waren digitale Sprechstunden nur erlaubt, wenn sich Mediziner und Patient analog kennengelernt haben. Auch künftig soll bei Fernbehandlungen immer im Einzelfall entschieden werden, ob diese ärztlich vertretbar sind.

Welche Chancen bietet Telemedizin?

Bundesgesundheitsminister Spahn betont, dass die Telemedizin sowohl Ärzten als auch Patienten Zeit und Wege spart. Vor allem in den ländlichen Regionen könne so die medizinische Versorgung sichergestellt und verbessert werden. Durch den geringeren bürokratischen und zeitlichen Aufwand werden die Kosten für Patienten sinken. Das ist gerade in Zeiten steigender Gesundheitsausgaben aufgrund der alternden Bevölkerung wichtig.

Erfolgreiche Anwendung findet die Telemedizin in Deutschland bereits im Bereich Rehabilitation. Reha-Patienten bekommen Geräte, auf denen digitale Pläne gespeichert sind, welche die Einhaltung ebendieser überwachen. Das spart den regelmäßigen Weg in die Praxis und die Rehabilitation findet dort statt, wo sich Patienten am wohlsten fühlen: in den eigenen vier Wänden.

Welche Risiken gibt es (noch)?

Auch wenn der Deutsche Ärztetag für eine Aufweichung des Fernbehandlungsverbots stimmte, sehen die Mediziner die räumliche Distanz zum Patienten kritisch. Der persönliche Kontakt müsse der Standard, eine Fernbehandlung die Ausnahme sein. Manche Krankheiten können nur so erkannt und behandelt werden.

Telemedizin schließt zudem nicht alle Lücken im deutschen Gesundheitssystem. Lange Wartezeiten auf Therapieplätze und Facharzttermine werden durch digitale Sprechstunden nicht verhindert. Hinzu kommt trotz des E-Health-Gesetzes außerdem die Frage der Datensicherheit. Viele Arztpraxen verfügen noch nicht über die notwendige technische Infrastruktur, um stabile Verbindungen und sicher verschlüsselte Datenübertragungen anbieten zu können.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

Im internationalen Vergleich hat Deutschland in Sachen Telemedizin Nachholbedarf. Gerade Großbritannien, die Schweiz und die skandinavischen Länder sind uns hier einen Schritt voraus. Für britische Ärzte sind Onlinesprechstunden und das Ausstellen von Rezepten auf dem digitalen Wege bereits Alltag.

In der Schweiz sorgt die Telemedizin schon heute für eine spürbare Entlastung des Gesundheitssystems. Fast jeder dritte Patient, der sich im Erstkontakt per Videosprechstunde an einen Arzt wendet, braucht danach keine weitere Behandlung mehr. Die Ärzte sparen Zeit und die Patienten Geld. Denn die Krankenversicherer belohnen dort digitale Arztbesuche mit spürbaren Rabatten auf den Krankenversicherungsbeitrag.