Anja Schlicht
Anja Schlicht

Leitung Newsredaktion

Weniger Essen für die Tonne: Lebensmittel müssen nicht perfekt sein

Laut Europäischer Kommission werfen Verbraucher jeden Monat Nahrungsmittel im Wert von 50 Euro weg. Die Lebensmittelverschwendung geht dabei nicht nur ins Geld. Durch die Produktion von Nahrungsmitteln, die in der Tonne landen, werden zudem wichtige Ressourcen verschwendet. Das hat wiederum Auswirkungen auf das Klima, erläutert Christine Lutz von Restlos Glücklich e.V.

In Deutschland wird jährlich etwa ein Drittel der produzierten Lebensmittel weggeworfen, so die Umweltorganisation WWF. Das entspricht 18 Millionen Tonnen, die in den Müll wandern. Ein Großteil der Verschwendung findet dabei in den deutschen Haushalten statt. Mittlerweile nehmen jedoch immer mehr Menschen wahr, dass zu viele Lebensmittel weggeworfen werden, beobachtet Christine Lutz von Restlos Glücklich e.V.



Ihr Verein ist eine von vielen Initiativen, die das Ziel haben, Lebensmittelverschwendung einzudämmen. Im Interview mit finanzen.de erklärt die zweite Vorsitzende von Restlos Glücklich e.V., warum der fahrlässige Umgang mit Lebensmitteln weitreichende negative Folgen hat. Zudem zeigt sie, was sich Deutschland von Frankreich abschauen kann.

Mit Foodsharing, den Tafeln oder der App „Too good to go“ gibt es immer mehr Plattformen, die sich mit dem Retten von Lebensmitteln beschäftigen. Wie ist Ihre Erfahrung: Hat sich der Umgang der Verbraucher mit Lebensmitteln in den letzten Jahren gewandelt?

Christine Lutz: Es freut uns sehr, dass es immer mehr Initiativen und Projekte gibt, die auf die Problematik der Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen und zeigen, dass es auch anders geht. Das Bewusstsein dafür, dass in Deutschland zu viel Essen weggeschmissen wird, wird aus meiner Sicht immer größer.

Ein Drittel der Lebensmittel, die wir im globalen Westen produzieren, landen in der Tonne. Jeder von uns kann etwas daran ändern und sich aussuchen, wie er für mehr Wertschätzung von Lebensmitteln sorgen kann. Das Bewusstsein steigt – Die Umsetzung ist jedoch noch ein langer Weg.

Was sind Ihrer Meinung nach die drei häufigsten Gründe, warum Lebensmittel weggeworfen werden?

Christine Lutz: Lebensmittelverluste und -verschwendung treten entlang der kompletten Wertschätzungskette vom Acker bis zu unseren Tellern auf. Die größte Verschwendung entsteht leider bei den privaten Haushalten. Ich denke, die drei häufigsten Gründe sind

  • falsche Lagerung,
  • zu große Portionen und
  • zu viel eingekauft.

Welche Vorurteile begegnen Ihnen von Menschen, die sich nur schwer vorstellen können, aussortierte Nahrungsmittel zu verbrauchen?

Christine Lutz: Viele Menschen stellen sich vor, dass die aussortierten Nahrungsmittel bereits in der Tonne waren. Aussortierte Lebensmittel sind aber auch solche, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum kurz vor dem Ablaufen oder eigentlich gar nicht relevant ist. Es sind Lebensmittel, bei denen die Verpackung minimal beschädigt ist, die falsch etikettiert wurden oder als Saisonware nicht mehr ins aktuelle Sortiment passen.

Ihr Verein versucht Personen bereits in jungen Jahren für einen bewussteren Umgang zu sensibilisieren, beispielsweise mit Kochkursen für Kinder und Jugendliche. Wie könnte die Politik in Ihren Augen dazu beitragen, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren?

Christine Lutz: Ich würde mir mehr Regulierungen wünschen, damit Lebensmittelverschwendung in einem größeren Maße reduziert wird. In Frankreich wurde vor einiger Zeit ein neues Gesetz ins Leben gerufen: Dort dürfen Supermärkte künftig keine Lebensmittel mehr wegwerfen, sondern werden per Gesetz gezwungen, sie zu spenden.

Das alleine ist natürlich nicht die Lösung. Es braucht auch eine umfassendere Strategie, die die komplette Wertschöpfungskette miteinbezieht, vom Produzenten bis zum Verbraucher. Die Probleme kann man im Zusammenspiel aller Beteiligten lösen: Indem zum Beispiel der Verbraucher keine perfekten Lebensmittel erwartet, sondern krummes Obst und Gemüse konsumiert, welches nicht der Norm entspricht.

Ein anderes Thema ist auch das Mindesthaltbarkeitsdatum, welches sehr unkonkret ist und unterschiedliche Bedeutungen für die jeweiligen Lebensmittel hat.

Leider widmet sich die Politik aus meiner Sicht nicht ausreichend dieser Problematik, die nicht nur uns betrifft, sondern die ganze Welt und Umwelt. Wir verschwenden nicht nur Geld und Essen, sondern auch alle Ressourcen, die dazu benötigt werden, diese Lebensmittel herzustellen: Wasser, Anbaufläche, CO2. Das wirkt sich unter anderem negativ auf die Erderwärmung aus. Als Verbraucher können wir einiges tun, um die Verschwendung zu reduzieren. Deshalb ist es unser besonderes Anliegen, dies mit Bildungskursen zu verbreiten.

Sie gehören mit dem Workshop „Trust Your Senses“ zu den Fairwandler-Preisträgern 2018. Worin geht es in dem Workshop genau?

Christine Lutz: „Trust Your Senses“ ist eine Bildungsinitiative, die aus einem praktischen Teil (Kochkurse) und einem theoretischem Teil jeweils für Kinder und Erwachsene bestehen soll. Wir möchten ein spielerisches und interaktives Lernangebot zum Thema Lebensmittelverschwendung und nachhaltige Ernährung anbieten, konkretes Wissen und Tipps für mehr Wertschätzung von Lebensmitteln weitergeben sowie einen kreativen und lustvollen Umgang mit dem Thema Essen anregen.

Gerade für Kinder ist es besonders wichtig zu lernen, welchen Weg ihr Essen bis zu ihrem Teller hinter sich gebracht hat. Zudem bereiten wir Köstlichkeiten aus geretteten Lebensmitteln zu und zeigen, wie lecker krummes Gemüse und reifes Obst schmecken kann.

Welche Bedeutung hat die Auszeichnung für Sie?

Christine Lutz: Wir fühlen uns sehr geehrt, den Fairwandler-Preis erhalten zu haben. Die Karl Kübel Stiftung hat sich sehr viel Mühe gegeben und nicht nur eine tolle Preisverleihung auf die Beine gestellt, sondern auch einen wunderschönen Workshop mit Vernetzungsmöglichkeiten erstellt. Ich fand alle anderen 13 Projekte sehr toll und jeder von Ihnen hat einen Preis verdient. Es ist schön zu sehen, wie vielfältig das Engagement junger Menschen hier in Deutschland ist und ich bin voller Inspiration und Motivation zurück nach Berlin gekommen.

Vielen Dank für das Interview, Frau Lutz!