Tippende Hände vor Laptop
Anja Schlicht
Anja Schlicht

Redaktionsleitung

Wie beeinflusst Social Media die deutschen Wähler?

Welchen Einfluss haben soziale Medien auf die politische Meinungsbildung? Einen geringeren als oftmals angenommen wird, sagt Prof. Dr. Julia Metag von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Dennoch sollte die Politik die Entwicklungen auf den sozialen Netzwerken genau beobachten und gegebenenfalls regulatorisch eingreifen, mahnt sie im Interview mit finanzen.de

Twitter stellt für den US-Präsidenten einen äußerst beliebten Kommunikationsweg dar. In Deutschland nutzen zwar auch immer mehr Politiker*innen die sozialen Netzwerke. Von den besonderen amerikanischen Verhältnissen ist die Bundesrepublik allerdings weit weg. Doch ist dies nur eine Frage der Zeit? Könnte die nächste Bundestagswahl 2021 von der Meinungsmache in den sozialen Kanälen geprägt sein?

Prof. Julia Metag vom Institut für Kommunikationswissenschaft an der Universität Münster schätzt die Einflussnahme als eher gering ein. Auch die Bedeutung von Filterblasen wird in der öffentlichen Diskussion stärker dargestellt als Untersuchungen zeigen, erklärt sie im Interview mit finanzen.de.

Soziale Netzwerke sind ein sehr wichtiger Informationskanal, auch immer mehr Politiker entdecken sie für sich. Auch wenn die nächste Bundestagswahl noch mehr als ein Jahr entfernt ist: Welchen Einfluss werden Facebook, Twitter & Co. Ihrer Meinung nach auf sie haben?

Prof. Julia Metag: Soziale Netzwerke gehören zur politischen Kommunikation dazu und werden von der überwiegenden Zahl von Politiker*innen und Parteien genutzt. Auch viele Bürger*innen nutzen soziale Netzwerke, um sich zu informieren. Allerdings hat sich in Untersuchungen gezeigt, dass sich deutsche Bürger*innen immer noch aus unterschiedlichen Quellen informieren und dass soziale Netzwerke oft nur indirekt Wahlen beeinflussen. Nämlich indem Politiker*innen, die in sozialen Netzwerken sehr aktiv sind, es dadurch schaffen, mehr Aufmerksamkeit in den klassischen Massenmedien zu erhalten.

Von daher werden soziale Netzwerke bei der nächsten Bundestagswahl sicherlich stark genutzt werde. Aber der Erfolg bei der Wahl hängt von wesentlich mehr Faktoren ab. Die Rolle der klassischen Informationskanäle ist dabei nicht zu unterschätzen.

Wie hoch schätzen Sie das Risiko der Einflussnahme auf demokratische Prozesse durch die sozialen Netzwerke ein, etwa durch gezielte Werbung von Inhalten oder Filterblasen?

Prof. Julia Metag: Mit Filterblase ist gemeint, dass die zunehmende Personalisierung im Internet aufgrund von Algorithmen dazu führt, dass Menschen überwiegend Informationen erhalten, die mit ihren eigenen Meinungen übereinstimmen und sich nicht mehr mit anderen Meinungen auseinandersetzen müssen.

Bisher vorliegende, wissenschaftliche Studien unterstützen die These aber weniger. Gerade im Internet sind Personen häufig Informationen ausgesetzt, mit denen sie nicht zwangsläufig übereinstimmen. Daher wird der Einfluss von sozialen Netzwerken diesbezüglich oftmals überschätzt. Allerdings tendieren einige Personen, wie zum Beispiel Wähler, die sich sehr stark mit einer Partei identifizieren, eher dazu, das zu lesen, mit dem sie übereinstimmen. Für solche Leute ist die Wahrscheinlichkeit etwas höher, dass sie überwiegend mit Informationen, mit denen sie übereinstimmen, in Kontakt kommen.

In der Gesamtbevölkerung lässt sich der Trend aber bisher eben nicht in dem Ausmaß identifizieren, wie es manchmal in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

Welche Rolle spielen angesichts des wachsenden Einflusses der sozialen Netzwerke die klassischen Informationskanäle wie Nachrichtensendungen, Print- und Online-Medien?

Prof. Julia Metag: Die klassischen Informationskanäle sind weiterhin von Bedeutung. Der Digital News Report des Reuters Institute in Oxford, der jährlich die Nachrichtennutzung der Bürger*innen in einer Vielzahl an Ländern untersucht, zeigt, dass in Deutschland das Fernsehen immer noch die wichtigste Informationsquelle für Nachrichten ist. Erst an zweiter Stelle folgt das Internet. Dessen Bedeutung hat aber in den letzten Jahren stetig zugenommen. Am meisten vertrauen die Deutschen aber weiterhin den Informationsprogrammen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wenn es um Nachrichten geht.

Sollte Deutschland die sozialen Netzwerke aus Ihrer Sicht mehr regulieren?

Prof. Julia Metag: Deutschland hat mit dem 2017 eingeführten Netzwerkdurchsetzungsgesetz versucht, stärker gegen Hassbotschaften und Beleidigungen auf sozialen Netzwerken vorzugehen. Dies hat dazu geführt, dass beleidigende Inhalte auf sozialen Netzwerken teilweise schneller gelöscht werden. Kritiker merken aber an, dass damit auch Inhalte zensiert werden können, die eigentlich nicht unter die im Gesetz gemeinten Kategorien fallen, weil sie zum Beispiel Satire sind. Sie fürchten damit einen Eingriff in die Meinungsfreiheit.

Das Beispiel zeigt die Schwierigkeit einer Regulierung. Das wird noch dadurch verschärft, dass die großen sozialen Netzwerke ihre Server nicht in Deutschland haben und daher die Strafverfolgung kompliziert ist. Eine ständige Beobachtung der Entwicklungen auf sozialen Netzwerken von der Politik ist daher sinnvoll, konkrete Regulierungsmaßnahmen sollten von Fall zu Fall entschieden und gegebenenfalls dynamisch angepasst werden.

Vielen Dank für das Interview, Prof. Metag.