Leere Brieftasche
Anja Schlicht
Anja Schlicht

Redaktionsleitung

Wie gut stehen die Zeichen für eine Leitzins-Erhöhung 2022?

Seit 2016 ist der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) auf 0 Prozent festgenagelt – mit unangenehmen Folgen für Verbraucher, wie äußerst niedrige Zinsen auf Tages- und Festgeldkonten oder Strafzinsen auf Girokonten und Co. Doch 2022 könnte das Jahr der Zinswende sein. So hat nicht nur die US-Notenbank Zinserhöhungen angekündigt, auch drängt die Inflation zum Handeln.

  • Mit 5,1 Prozent war die Inflation im Euroraum im Januar weiter auf hohem Niveau.
  • Bisher sah die Europäische Zentralbank allerdings keinen Grund, dem mit einer Leitzinserhöhung entgegenzuwirken.
  • Experten gehen dennoch davon aus, dass die EZB den Kurs ihrer lockeren Geldpolitik nicht mehr lange halten kann.

Das erklärte Ziel der EZB ist es, eine stabile Inflation von zwei Prozent zu erreichen. Nachdem die Zentralbank lange Zeit mit einer zu niedrigen Inflation zu kämpfen hatte, stieg diese mit Beginn der Corona-Pandemie kontinuierlich an. Zuletzt wurden für den Januar 5,1 Prozent im Euroraum verbucht. Dieser hohe Wert besorgt den EZB-Rat, teilte die Präsidentin der Zentralbank, Christine Lagarde, mit.

Trotz dieser Besorgnis will die EZB keine übereilten Entscheidungen treffen. Lagardes Worte sind daher noch weit entfernt von einem Bekenntnis für eine Zinswende in der Europäischen Union. Interessant ist jedoch, was die Französin nicht sagt. Denn noch Ende 2021 hat sich die EZB-Präsidentin deutlich gegen eine Erhöhung des Leitzinses ausgesprochen. Dies sei sehr unwahrscheinlich, hieß es damals. Eine Aussage in dieser Richtung blieb Lagarde nun schuldig.

Entsprechend vorsichtig optimistisch zeigen sich Experten wie die Volkswirtin Ulrike Kastens: „Eine erste Zinserhöhung noch in diesem Jahr scheint ein durchaus realistisches Szenario zu werden“, zitiert sie Spiegel Online.

Fed bereitet Zinswende in den USA vor

In den vergangenen Wochen hat die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) damit begonnen, in Vorbereitung für eine Zinserhöhung ihre Anleihenkäufe zurückzufahren. Sie wird voraussichtlich im März die Zinsen anpassen. Im Laufe des gesamten Jahres erwarten Experten mehrere Zinsschritte, mit dem Ziel, Ende 2022 bei 0,75 Prozent bis 1,00 Prozent zu landen.

Für die Entscheidung spielte die hohe Inflation in den Vereinigten Staaten eine wichtige Rolle. Die Bank rückte von ihrer Position ab, dass die steigende Inflation nur ein vorübergehendes Phänomen sei und verabschiedete sich von der lockeren Geldpolitik. Das gleiche Argument des Phänomens führte auch die EZB zuletzt noch an.

Leitzinserhöhung gut für Sparer, schlechte für Kredite

Bei einer Anhörung im EU-Parlament betonte Lagarde, dass „jede Anpassung unserer Politik schrittweise erfolgen“ wird. Zunächst müssten die Anleihenkäufe der EZB beendet werden, ehe der Leitzins steigen kann. Die nächste Sitzung der Notenbank findet im März statt.

Für Sparer wäre eine Erhöhung des Leitzinses ein gutes Zeichen. Denn so könnte das Zinsniveau auf Sparanlagen mittelfristig wieder steigen. Auch das Verwahrentgelt stünde dann früher oder später zur Diskussion.

Anders sieht es für Kreditnehmer aus, da sich die Darlehen verteuern würden. Mit Blick auf die günstigen Kredite steht die EZB besonders in der Kritik: Sie halte zu lange an der sehr lockeren Geldpolitik fest und nehme die hohe Inflation in Kauf, wenn im Gegenzug die Staaten ihre Defizite leichter finanzieren können, führen Kritiker an. Abzuwarten bleibt, wie lange dieser Vorwurf noch an der EZB abprallt.