Wir dürfen nicht auf wirksame HIV-Präventionsmethoden verzichten

In Deutschland leben rund 83.400 Menschen mit HIV oder Aids. Dabei ist die Zahl der Neuinfektionen im internationalen Vergleich gering. Das ist auf eine umfangreiche HIV-Prävention hierzulande zurückzuführen. Holger Wicht von der Deutschen AIDS-Hilfe erzählt im Interview, dass die Prävention sogar noch verbessert werden kann, die Möglichkeiten aber bisher ungenutzt bleiben müssen.

Veröffentlicht am 18. August 2016



Welche Rolle spielt die HIV-Prävention in Deutschland?

Holger Wicht: Die deutsche HIV-Prävention ist sehr erfolgreich: Deutschland gehört weltweit zu den Ländern mit den niedrigsten Infektionszahlen. Es gibt eine bewährte Arbeitsteilung: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung macht Aufklärung für die breite Bevölkerung – gerade ist die neue Kampagne „Liebesleben“ gestartet. Die Deutsche AIDS-Hilfe ist für die besonders stark von HIV betroffenen Gruppen zuständig, zum Beispiel schwule Männer. Um die Erfolge zu halten und die Zahlen vielleicht sogar noch zu senken, dürfen wir in der HIV-Prävention nicht nachlassen. Und es gilt Lücken zu schließen, zum Beispiel mit der flächendeckenden Einrichtung von Drogenkonsumräumen und der Ausgabe sauberer Spritzen für drogenabhängige Menschen in Haft.

Wie viel Geld fließt jährlich in die Prävention?

Holger Wicht: Der Bund stellt für die Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen jährlich rund zwölf Millionen Euro zur Verfügung, davon fließen fünf Millionen in die Arbeit der Deutschen AIDS-Hilfe. Hinzu kommen Mittel aus anderen Quellen, zum Beispiel von den Ländern und Kommunen und vom Verband der Privaten Krankenversicherung.

Welche Kosten fallen hierzulande für die Behandlung von HIV-positiven Menschen an?

Holger Wicht: Die Kosten einer HIV-Therapie können stark schwanken, im Schnitt belaufen sie sich auf ungefähr 20.000 Euro pro Jahr. Circa 60.000 Menschen erhalten im Moment HIV-Medikamente.

Welche Kosten werden von der Krankenversicherung übernommen? 

Holger Wicht: Die Krankenkassen übernehmen alle notwendigen Kosten für Diagnostik und Medikamente.

Gibt es Unterschiede zwischen der Kostenübernahme und den Leistungen von privater und gesetzlicher Krankenversicherung?

Holger Wicht: Nein, keine wesentlichen, die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen decken alles ab, was im Rahmen einer HIV-Therapie notwendig ist.

Die HIV-Prävention geht nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene, sondern auch auf medizinischer: Es gibt eine Pille, die bei regelmäßiger Einnahme das Infektionsrisiko mit HIV senkt. Welche Rolle spielt diese sogenannte Präexpositionsprophylaxe (PrEP) im Kampf gegen HIV/Aids?

Holger Wicht: Für die breite Bevölkerung wird die PrEP keine Rolle spielen. Das Kondom bleibt das einfachste und wichtigste Mittel zum Schutz vor HIV. Die PrEP kann aber überall dort HIV-Infektionen verhindern, wo Menschen ein besonders hohes Risiko haben und andere Schutzmöglichkeiten nicht ausreichend funktionieren. In Deutschland kommt sie zum Beispiel für eine relativ kleine Gruppe schwuler Männer in Betracht, denen es aus verschiedenen Gründen nicht immer gelingt, Kondome zu benutzen. Diesen Menschen können wir mit der PrEP endlich eine weitere Möglichkeit anbieten. Die gilt es zu nutzen!

Warum ist sie in der Hauptbetroffenengruppe nicht schon längst gang und gäbe in Deutschland?

Holger Wicht: Die PrEP ist bisher in Europa nicht zugelassen, zudem ist das Medikament Truvada, das zu diesem Zweck eingesetzt werden kann, bisher noch viel zu teuer – die Monatspackung kostet mehr als 800 Euro. Das könnte sich aber bald ändern: Im nächsten Jahr läuft das Patent ab, dann können andere Firmen das Präparat kostengünstiger anbieten. Außerdem wird es in den nächsten Jahren weitere Medikamente geben, die als PrEP eingesetzt werden können. Ziel muss sein, dass ein kostengünstiges Medikament zur Verfügung steht. Allen, denen es helfen kann, HIV-negativ zu bleiben, muss es zugänglich sein. Dazu muss auch die Pharma-Industrie beitragen, etwa durch Sonderpreise für die Verwendung von HIV-Medikamenten zur Vorbeugung.

Besteht die Möglichkeit, dass die PrEP in Deutschland von Ärzten in Zukunft verschrieben wird und die Krankenversicherung somit für die Kosten aufkommt? Gibt es Gründe, die gegen eine Verschreibung des Medikaments sprechen?

Holger Wicht: Verschreiben können die Ärzte die PrEP problemlos, sobald sie zugelassen ist. Ob die Krankenkassen dafür aufkommen werden, ist derzeit offen. Wir würden das begrüßen. Andernfalls sind andere Finanzierungsmodelle gefragt. Wir können es uns nicht leisten, auf wirksame Präventionsmethoden zu verzichten!

In den USA ist die PrEP weit verbreitet. Wer kommt dort für die Kosten auf? 

Holger Wicht: In den USA wird die PrEP über den nationalen Gesundheitsdienst abgegeben und sogar ausgiebig beworben. Man hofft, so die Infektionszahlen deutlich senken zu können. Teilweise bereits mit Erfolg, zum Beispiel in San Francisco. Die Pharma-Industrie gewährt Rabatte für die Verwendung des Medikaments als PrEP.

Vielen Dank für das Interview, Herr Wicht.