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Haftpflicht für Hebammen: „Wir haben wohl ein Helfersyndrom“

Vergangene Woche hat der Bundestag erste Hilfen für Hebammen beschlossen, die mit den steigenden Prämien für ihre Berufshaftpflicht kämpfen. Zuschüsse von den Krankenkassen und ein Sicherstellungszuschlag ab dem 1. Juli 2015 sind Schritte in die richtige Richtung. Dennoch müsste noch mehr passieren, um die aktuelle Situation der Geburtshelferinnen zu entschärfen, erklärt die Hebamme Jana Friedrich im Interview mit finanzen.de.
Hebammen kämpfen für ihren Berufsstand
Die Prämien für die Hebammen-Haftpflichtversicherung sind enorm gestiegen

Jana Friedrich arbeitet als festangestellte Hebamme in einer Berliner Klinik. Wie viele ihrer Kolleginnen hat sie sich ein zweites berufliches Standbein in der Vor- und Nachsorge aufgebaut und macht freiberuflich Hausbesuche bei Schwangeren und bei Familien nach der Geburt. Um arbeiten zu dürfen, braucht sie eine Haftpflichtversicherung für Hebammen. Doch deren Prämien sind in den letzten Jahren massiv angestiegen. Im Interview spricht die Berliner Geburtshelferin über die Hintergründe der aktuellen politischen Debatte und erklärt, was die Hebammen wirklich retten würde.


Hebammen müssen heutzutage deutlich höhere Prämien für ihre Haftpflichtversicherung zahlen als noch vor ein paar Jahren. Können Sie die aktuell viel diskutierten Beitragserhöhungen nachvollziehen?


Jana Friedrich: Ich kann die Erhöhungen durchaus nachvollziehen. Es gibt zwar keine Steigerung der Schadensfälle, aber eine enorme Teuerungsrate bei den Pflegemaßnamen und Therapien. Auch die Lebenserwartung der Menschen, die geschädigt zur Welt kommen, ist erfreulicherweise gestiegen. Das und die Tatsache, dass Geburtshelfer noch 30 Jahre rückwirkend verklagt werden können, macht die Hebammenversicherung geradezu unkalkulierbar.


Wie gehen Sie und Ihre Kolleginnen mit den steigenden Kosten um?


Jana Friedrich: Da ich einen festen Vertrag in einer Klinik habe, ist es bei mir erst einmal nicht existenzbedrohend. Meine Kolleginnen, die ausschließlich von der freiberuflichen Tätigkeit leben, arbeiten das erste Viertel des Jahres quasi für die Versicherung. Erst dann beginnt das Geldverdienen für den Eigenbedarf. Das Verrückte ist tatsächlich, dass Hebammen bisher unter diesen Bedingungen überhaupt noch gearbeitet haben. Wir haben wohl alle ein enormes Helfersyndrom. Wirtschaftlich ist das nicht.


Sie arbeiten bereits seit vielen Jahren als Hebamme. Was genau hat sich im letzten Jahrzehnt in Ihrem beruflichen Umfeld verändert?


Jana Friedrich: Die Geburtshilfe ist immer schon einer starken Wellenbewegung ausgesetzt. In meinen Anfängen gab es, wahrscheinlich auch noch durch die Frauenbewegung eingeleitet, einen starken Wunsch nach mehr Selbstbestimmung und Natürlichkeit. Geburtshäuser und Habammenpraxen schossen aus dem Boden. Das hat auch in den Kliniken das Denken beeinflusst. Standardmaßnamen wie Einlauf, Rasur oder Dammschnitt wurden hinterfragt und größtenteils abgeschafft. Inzwischen gibt es wieder eine Gegenbewegung. Die Angst vor rechtlichen Konsequenzen hat im geburtshilflichen Handeln einen so großen Stellenwert erhalten, dass sie teilweise schon lähmend wirkt beziehungsweise  – und das ist in der Geburtshilfe viel schlimmer – zu voreiligem Handeln anstiftet.

Schon Professor Dudenhausen sagte: „Man muss in der Geburtshilfe viel wissen, um wenig zu tun.“ Wir tun heute oft deutlich zu viel. Am Wissen liegt es nicht. Mal sehen, was die nächste Welle bringt.

Momentan nimmt ja die Zahl der freien Hebammen spürbar ab. Welche Auswirkungen hätte es denn für Eltern und werdende Eltern, wenn es künftig keine freien Hebammen mehr gäbe?

Jana Friedrich: Sicherlich würde die freie Wahl des Geburtsortes dann wegfallen. Es gäbe dann auch nicht mehr die Möglichkeit, sich die Hebamme der Wahl zur Betreuung mit in die Klinik zu nehmen. Und wer das für ein Luxusproblem hält, der muss wissen, dass viele Kliniken in ländlichen Bereichen komplett mit dem Belegsystem arbeiten. Und das heißt: Es würde keine flächendeckende Geburtshilfe in Deutschland mehr geben, keine Geburtsvorbereitungskurse und keine Vor- und Nachsorge mehr. Frauen, die beispielsweise nach der Geburt eine Brustentzündung bekommen, bliebe nur noch der Weg in die Notaufnahme.
Das Schlimme daran finde ich: Wir haben so ein verhältnismäßig gutes System und es wird einfach zugelassen, dass es zerstört wird. Andere Länder, wie die USA, sind jetzt da, wo es bei uns anscheinend hingeht. Diese kämpfen nun für Dinge, die bei uns noch selbstverständlich sind. Das ist wirklich verrückt.

Die Politik arbeitet derzeit an einer Lösung, um den Berufsstand zu retten. Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden, damit die aktuelle Situation für Hebammen entschärft wird?

Jana Friedrich: Da schließe ich mich größtenteils den Forderungen des Deutschen Hebammenverbandes an. Es sollte unter anderem eine Haftungsobergrenze geben, bis zu der Hebammen für Schäden haftbar gemacht werden können und wir brauchen einen staatlich finanzierten Haftungsfonds. Außerdem müsste die Verjährungsfrist für geburtshilfliche Schadenersatzforderungen verkürzt werden.

Zusätzlich würde ich gerne das Image der Hebammen verbessern. Die Professionalisierung sollte vorangetrieben werden. Das Studium muss sich mehr lohnen. Zur Zeit werden studierte und ausgebildete Hebammen gleich bezahlt. Ich finde das Studium aber einen Schritt in die richtige Richtung. Das „Bauchgefühl“, welches langjährig arbeitende Hebammen haben und welches letztendlich auch evidenzbasiert ist, muss mit Studien und Statistiken hinterlegt werden. Wir müssen endlich raus aus der Kräuterhexenecke.


Viele Geburtshelferinnen gehen momentan auf die Straße, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Wer unterstützt die Hebammen in Ihren Augen dabei und von wem würden Sie sich vielleicht etwas mehr Engagement wünschen?

Jana Friedrich: Ich muss sagen, die Elterninitiativen unterstützen uns so unglaublich gut. Vor allem die Hebammenunterstützungsgruppe ist toll. Dafür bin ich so dankbar. Ohne sie wären wir niemals so weit gekommen. Die riesige Gruppe der Eltern, die für ihre Rechte kämpfen, sind politisch viel erfolgreicher, als die paar Hebammen, die sich schlecht bezahlt fühlen.

Von der Presse bin ich manchmal enttäuscht. Die Berichterstattung war in den letzten Monaten teilweise furchtbar und auch oft schlichtweg falsch! Das ist so schade, da Presse natürlich so ein wichtiges, mächtiges Instrument ist.

Frau Friedrich, herzlichen Dank für das Interview!

Mehr Infos: Jana Friedrich teilt ihr Wissen und ihre Erfahrung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett regelmäßig auf ihrem Hebammenblog.