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Geplante Qualitätsstandards in der Altenpflege sind besorgniserregend

Dürftige Bezahlung, hohe körperliche Belastung, Zeitdruck: Wegen schlechter Arbeitsbedingungen herrscht in vielen Altenheimen akute Personalnot. Um dem entgegenzuwirken, schafft die Regierung 13.000 neue Stellen und modernisiert die Ausbildung von Pflegekräften. Beides betrachtet die pflegepolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Nicole Westig, jedoch kritisch.
Neue Pflegeausbildung droht Altenpflege mehr zu schaden als zu helfen
Nicole Westig, Pflegeexpertin der FDP (Foto: Laurence Chaperon)

Bereits vor einem Jahr hat die Politik die Zusammenlegung der Ausbildung für die Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege beschlossen. Nun haben sich Union und SPD auf das konkrete Anforderungsprofil der künftigen Pflegekräfte einigen können. Der Kompromiss wird jedoch von vielen Seiten kritisiert. Denn mit ihm droht eine Abwertung des Altenpflegeberufs. Auch Nicole Westig, die pflegepolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, sieht die aktuellen Bestrebungen mit großer Sorge. Zudem fehlt ihr für ein zukunftsorientiertes Berufsbild ein wichtiger Kompetenzbereich in der neuen Pflegeausbildung.

Frau Westig, Sie haben schon viele Pflegeheime kennengelernt. Welchen Eindruck hatten Sie von der Pflegesituation sowohl für das Personal als auch für die Bewohner?

Nicole Westig: Aus meinen Eindrücken kann ich sagen, dass die Pflegekräfte in den Pflegeheimen eine großartige Arbeit leisten und wir in Deutschland grundsätzlich eine hohe Qualität in der Pflege haben. Besonders gut funktioniert Pflege dort, wo alle – auch die Hauswirtschafterin und der Hausmeister – für die Pflegebedürftigen ein offenes Ohr haben und ihnen neben der anspruchsvollen alltäglichen Arbeit noch zusätzlich Zuwendung schenken können.

In dem Zusammenhang habe ich allerdings auch die extreme Belastung durch die Arbeitsverdichtung der Pflegenden wahrgenommen. Was sie sich am meisten wünschen, ist eindeutig mehr Zeit, damit der Mensch wieder in den Mittelpunkt ihrer Arbeit rückt. Daran müssen wir dringend arbeiten.

Die meisten Pflegebedürftigen werden von Angehörigen zu Hause versorgt. Auf Dauer stellt dies für viele der Pflegenden eine körperliche, psychische und auch finanzielle Belastung dar. Reichen die derzeitigen Angebote aus, um Angehörige hier zu entlasten?

Nicole Westig: Hier muss definitiv noch mehr getan werden. Bei der aktuellen – zweifellos richtigen – Diskussion um die Verbesserung der ambulanten und stationären Pflege wird allzu oft vergessen, dass mit 75 Prozent der Pflegebedürftigen der weitaus größte Teil durch Angehörige zu Hause gepflegt wird.

Pflegende Angehörige müssen deshalb spürbar entlastet werden, zum Beispiel durch digitale Anwendungen, die bislang noch nicht Eingang in den Leistungskatalog der Pflegeversicherung gefunden haben. Sie brauchen auch einen leichteren Zugang zu Reha-Angeboten. Außerdem müssen wir neben Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zukünftig verstärkt Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf entwickeln.

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Sie bezeichnen das Sofortprogramm für 13.000 neue Pflegestellen als Nebelkerze, da offene Stellen schon jetzt nicht besetzt werden können. Welche Maßnahmen wären aus Ihrer Sicht sinnvoll, um den Fachkräftemangel zu beheben?

Nicole Westig: Wir brauchen ein Gesamtkonzept, um mehr Menschen in die Pflege zu bringen. Ich könnte mir zum Beispiel eine bundesweite Kampagne vorstellen, um gezielt für den Pflegeberuf zu werben und ihm dabei auch mehr gesellschaftliche Anerkennung zu verschaffen.

Mit der Reform der Pflegeausbildung haben wir die einmalige Chance, ein zukunftsorientiertes und attraktives Berufsbild zu schaffen, das junge Menschen motiviert, in der Pflege tätig zu werden. Auch damit aus Teilzeitkräften Vollzeitkräfte werden und ehemals in der Pflege tätige Menschen in diesen Beruf zurückkehren, müssen wir die Arbeitsbedingungen nachhaltig verbessern. Wirksame Ansatzpunkte können hier

  • Entbürokratisierung und Digitalisierung der Dokumentationspflichten,
  • flexiblere Dienstpläne, die eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen, sowie
  • mehr Delegation und Gesundheitsförderung sein.

Um den Fachkräftemangel gerade auch in der Pflege beseitigen zu können, brauchen wir dringend das von der FDP seit langem geforderte Einwanderungsgesetz, das gezielte qualifizierte Zuwanderung rechtlich klar regelt. Auch Programme, um Flüchtlinge in den Pflegeberuf zu bringen, können ein Baustein zur Gewinnung von Pflegekräften sein. Dies gelingt allerdings nur dann, wenn ausreichende Deutschkenntnisse vorhanden sind und die Bleibeperspektive an den Bildungserfolg gekoppelt ist.

Um den Pflegeberuf aufzuwerten, haben sich Union und SPD auf eine Reform der Pflegeausbildung geeinigt. Anders als geplant werden dabei die Ansprüche in der Altenpflege nicht so stark angehoben. Wie bewerten Sie die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung?

Nicole Westig: Die aktuellen Bestrebungen, in der Altenpflege die Qualitätsstandards abzusenken, sehe ich mit großer Sorge. Wenn wir nach dem Motto „Pflege kann jeder“ vorgehen, leisten wir der Pflege einen Bärendienst. Wollen wir die Aufwertung des Pflegeberufes ernst nehmen, dann brauchen wir hohe Qualitätsstandards.

Irritiert hat mich außerdem, dass die Digitalisierung in der Ausbildungs- und Prüfungsordnung keinen eigenen Kompetenzbereich erhalten hat. Ohne diese lässt sich jedoch kein zukunftsorientiertes Berufsbild definieren. Die Vermittlung digitaler Kompetenzen muss gerade mit Blick auf rechtliche und ethische Fragestellungen unbedingt Eingang in die Pflegeausbildung finden.

Sie sehen in der Digitalisierung eine große Chance, die Pflege zu verbessern. Wie genau könnte diese Pflegern und Gepflegten helfen?

Nicole Westig: Laut Statistischem Bundesamt machen die Dokumentationspflichten rund 13 Prozent der Pflegetätigkeit aus. Pflegekräfte selbst sprechen von „gefühlt“ 60 Prozent. Hier muss deutlich entbürokratisiert, verschlankt sowie gebündelt und dann digitalisiert werden. Die Nutzung von IT-basierten Systemen zur Dokumentation bringt eine enorme Zeitersparnis, die dann für „Pflege am Bett“ aufgewendet werden kann.

Zum anderen können digitale Trage- und Hebesysteme Pflegekräfte körperlich entlasten und so maßgeblich zur Mitarbeitergesundheit und somit zum längeren Verbleib im Beruf beitragen.

Die Verbesserungen in der Pflege kosten Geld. Woher soll Ihrer Meinung nach das Geld kommen, wenn nicht aus einer geplanten Erhöhung des Pflegeversicherungsbeitrags?

Nicole Westig: Ich denke, die Menschen in Deutschland sind durchaus bereit, mehr für die Pflege zu bezahlen. Pflegebedürftigkeit kann schließlich jeden treffen. Aufgabe der Politik ist es jedoch, die Beitragserhöhungen in der Pflegeversicherung nicht ins Uferlose steigen zu lassen. Vor allem darf die junge Generation nicht über Gebühr belastet werden.

Deshalb müssen mehr Anstrengungen unternommen werden, die Pflegeversicherung generationengerecht zu gestalten. Auf Dauer führt kein Weg an mehr Eigenverantwortung vorbei. Die kapitalgedeckte Finanzierung muss gegenüber der Umlagefinanzierung gestärkt werden. Das geht aber nur mit einer spürbaren steuerlichen Entlastung der Bürgerinnen und Bürger.

Vielen Dank für das Interview, Frau Westig.