Jemand wird geimpft
Josephien Albrecht
Josephien Albrecht

Content-Managerin

Astrazeneca & Covid-19: Wie groß ist das Thrombose-Risiko wirklich?

Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hat am Donnerstagabend den weiteren Einsatz des Corona-Impfstoffes von Astrazeneca empfohlen - trotz bestehender Thrombose-Risiken. Wie hoch diese bei Astrazeneca, aber auch bei einer Covid-19-Erkrankung sind und was zur Entscheidung der EMA führte, fasst finanzen.de zusammen.

Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca stand in den vergangenen Monaten bereits mehrfach in der Kritik: Erst klappte es mit den zugesicherten Impfstoff-Mengen nicht, dann gab es Probleme mit der Zulassung des Impfstoffes für ältere Zielgruppen. Am Wochenanfang kam nun die von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angeordnete Aussetzung der Impfung mit Astrazeneca hinzu. Die Entscheidung war aufgrund eines möglichen Zusammenhangs zwischen Gehirnthrombosen und der Astrazeneca-Impfung gefallen.

Welche Entscheidung hat die EMA in der Astrazeneca-Frage getroffen?

Emer Cooke, Chefin der Europäischen Arzneimittel-Agentur, beschwichtigte am Dienstag bereits auf einer Videopressekonferenz, sie sei „zutiefst überzeugt, dass die Vorteile des Astrazeneca-Impfstoffs das Risiko überwiegen”.

Bei der Pressekonferenz der EMA am Donnerstagabend bekräftigte Cook ihre Aussage vom Wochenanfang erneut. Die EMA beurteilt den Astrazeneca-Impfstoff weiterhin als sicheres und wirksames Vakzin, dessen Nutzen größer ist als seine Risiken. Die Zulassung des Impfstoffes wurde somit nicht – wie von einigen befürchtet – zurückgezogen.

Auch ein Einschränkung der Nutzung erfolgte nicht. Die Möglichkeit der Nebenwirkung Thrombose soll hingegen in den Beipackzettel und als Warnhinweis vor der Impfung aufgenommen werden. Für die Mitgliedstaaten bedeutet dies, dass sie nun nach eigenem Bemessen die Impfkampagnen mit Astrazeneca weiterführen können.

Ein Zusammenhang zwischen den Gehirnthrombosen und den Impfungen konnte aktuell weder belegt noch widerlegt werden. Dazu will die EMA weitere Studien erstellen.
Eine umfangreiche Analyse des EMA-Ausschusses für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz hatte „keinerlei Nachweis dafür gefunden, dass es Qualitätsmängel gibt”, wie Dr. Sabine Straus, Vorsitzende des Ausschusses, auf der Pressekonferenz untermauerte.

Im Rahmen der Ermittlungen wurden klinische Studien, veröffentlichte Literatur und die erfolgten Reaktionen der Einzelfälle während der Impfkampagne untersucht. Da die Gehirnthrombosen nur extrem selten auftraten, ist es aktuell schwer, eine mögliche Kausalität abschließend zu klären. Die EMA will die Überprüfung daher kontinuierlich fortführen. Die Impfungen mit Astrazeneca werden in Deutschland ab heute wieder aufgenommen.

Was hat die Astrazeneca-Impfung mit der Antibabypille zu tun?

Thrombosen als Nebenwirkung bei der Einnahme oder Verabreichung von Arzneimitteln sind keine Seltenheit. So steht auch die Antibabypille im Verdacht, in Verbindung mit der Astrazeneca-Impfung bei Frauen jungen bis mittleren Alters eine Sinusvenenthrombose-Risiko auszulösen. Das Verhütungsmittel Pille birgt in sich selbst bereits ein erhöhtes Thrombosen-Risiko, besonders für Beinvenenthrombosen. Aber auch Sinusvenenthrombosen sind – wenn auch selten – bereits in Verbindung mit der Pille aufgetreten.

Bei Frauen, die keine hormonellen Verhütungsmittel nehmen, liegt das Risiko einer Thrombose bei 2 zu 10.000. Laut Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte ist das Risiko bei Einnahme der Pille (je nach Präparat) sechsmal höher. Katharina Barley (SPD), Vizepräsidentin des EU-Parlaments, twitterte am Montag in diesem Kontext: „Die neueste Generation der Antibabypille hat als Nebenwirkung Thrombosen bei acht bis zwölf von 10.000 Frauen. Hat das bisher irgendwen gestört?”

Ein direkter Vergleich der Risiken bei Einnahme der Antibabypille mit einer Astrazeneca-Impfung hinkt dennoch. So ist zum einen das erhöhte Thromboserisiko bei Einnahme der Pille längst bewiesen. Bei der Astrazeneca-Impfung handelt es sich nur um einen Verdacht. Zum anderen treten in Folge der Pilleneinnahme vor allem venöse Thromboembolien auf. Diese verlaufen weitaus seltener tödlich als die in Zusammenhang mit dem Impfstoff zu untersuchenden Sinusvenenthrombosen.

Auch bei Covid-19 besteht erhöhte Thrombosegefahr

Beinvenenthrombosen und Lungenembolien, die bis zum Organversagen führen – schwere Blutgerinnungsstörungen gibt es in Zusammenhang mit Covid-19 bereits seit Beginn der Pandemie. Laut Expertenschätzungen sind bis zu 20 Prozent aller Covid-19-Patienten von Gerinnungsstörungen betroffen. Die gesteigerte Gerinnbarkeit des Blutes, Hyperkoagulation genannt, ist eine Entzündungsreaktion auf Covid-19.

Eine aktuelle Studie des Instituts für Klinische und Experimentelle Transfusionsmedizin am Uniklinikum Tübingen zeigt, dass die zur Bekämpfung des Coronavirus im Blut zahlreich freigesetzten Antikörper sich an die Blutplättchen heften. Als Folge bilden sich gerinnungsfördernde Faktoren, das Thrombose-Risiko steigt. „Je stärker also die Immunreaktion auf SARS-CoV-2 ausfällt, desto höher ist das Risiko der Thrombozyten-Aktivierung“, so Tamam Bakchoul, ärztlicher Direktor des Instituts.

Was ist im Debakel um den Corona-Impfstoff vorgefallen?

In einigen europäischen Ländern gab es Vorfälle von Gehirn-Thrombosen in zeitlich nahem Zusammenhang mit der Astrazeneca-Impfung. Dänemark setzte diese letzte Woche als erster EU-Mitgliedstaat aus. Über die Hälfte der europäischen Mitgliedsstaaten war bis Donnerstag gefolgt. Andere, wie Belgien oder Griechenland, impfen weiter.

Gesundheitsminister Spahn stand zunächst für seine Entscheidung des Impfstopps hart in der Kritik, auch, weil unter anderem EMA-Chefin Cook dem Astrazeneca-Impfstoff weiterhin ihr vollstes Vertrauen aussprach. Das Aussetzen der Astrazeneca-Impfkampagne war auf Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), dem deutschen Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, erfolgt. Das PEI hatte von sechs Fällen seltener Sinusvenenthrombosen nur wenige Tage nach der Impfung berichtet, die alle bei Frauen zwischen 20 und 50 Jahren auftraten. Drei Frauen verstarben.

Bei knapp 1,6 Millionen Impfungen mit Astrazeneca scheinen die, nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums, inzwischen 13 Vorfälle zwar nicht viel, Experten erkennen dennoch eine statistisch erhöhte Auffälligkeit bei den Sinusvenenthrombosen, die einer Überprüfung bedarf.