Uhr von Händen getragen
Josephien Albrecht
Josephien Albrecht

Content-Managerin

Dauerärger Zeitumstellung – und die EU bummelt

Es ist schon wieder so weit: Das letzte Oktoberwochenende steht an und damit auch die Zeitumstellung. Mit der Rückkehr in die Winterzeit wird uns eine Stunde Schlaf geschenkt, Ärger um den halbjährlichen Wechsel gibt es dennoch. Die wichtigsten Fragen und Facts zur Umstellung klärt finanzen.de.

Schlafstörungen, Gereiztheit, sogar mehr Autounfälle – jedes halbe Jahr sorgt nur eine einzige Stunde für ordentlichen Trubel. In der Nacht vom 26. zum 27. Oktober 2019 werden die Uhren nun wieder auf die Winterzeit gestellt. Punkt 3 Uhr wandert der Zeiger zurück auf 2 Uhr. Über eine längere Nacht und mehr Schlaf oder Zeit zum Feiern freut sich jedoch nicht jeder. Die im Sommer 2018 veröffentlichten Ergebnisse der EU-weiten Umfrage der Europäischen Kommission bestätigen, dass 84 Prozent der Deutschen sich die Abschaffung der Zeitumstellung wünschen. Für ganz Europa lag das Ergebnis mit der bisher höchsten Beteiligung auf gleicher Höhe. Es scheinen sich also alle einig zu sein.



Warum gibt’s die Zeitumstellung dann immer noch?

Das Europäische Parlament hat einer Abschaffung der Zeitumstellung längst zugesagt. Die EU-Kommission hatte sogar angekündigt, dass die letzte Umstellung im März 2019 stattfinden soll. Problematisch ist jedoch die Frage: In welcher Zeit bleiben die Mitgliedsstaaten nun? Laut einer Umfrage des Instituts Kantar Emnid sprachen sich 51 Prozent der Deutschen für die ewige Sommerzeit aus. Das sieht jedoch nicht in allen Ländern so aus, und hier liegt die Krux.

Laut Plan der EU-Kommission entscheidet jeder Mitgliedstaat selbst, in welcher Zeitzone er verbleiben möchte. Um jedoch einen „Flickenteppich“ zu vermeiden, bei dem es plötzlich in Amsterdam eine Stunde später sein könnte als in Berlin, müssen sich die Staaten gemeinsam einigen. Denn gerade im Fernverkehr und bei Flugplänen könnte ein uneinheitlicher Entscheid der einzelnen Länder zu unnötigem Chaos führen. Der Verkehrsausschuss des EU-Parlaments empfiehlt eine Einigung und damit die Abschaffung der Zeitumstellung für 2021.

Welche Zeit ist die richtige Zeit und wer hat die Umstellung erfunden?

Als Normalzeit wird die Winterzeit betrachtet. Denn bevor die Zeitumstellung erstmals eingeführt wurde, galt sie als Standardzeit. Besonders bei älteren Bürgern ist die Winterzeit beliebt, 57 Prozent der über 65-Jährigen sprachen sich für sie aus, wie das Institut Kantar Emnid ermittelt hat. Im Durchschnitt bevorzugt die knappe Mehrheit der Befragten jedoch den durchgängigen Verbleib in der Sommerzeit.

Eine spezielle Sommerzeit wurde zum ersten Mal im Deutschen Reich im April 1916 eingeführt. Das Tageslicht sollte so effizient wie möglich genutzt werden, um Energie einsparen zu können. Denn Petroleum und Paraffin waren im Ersten Weltkrieg knapp. Kriegsgegner wie Großbritannien und Frankreich schlossen sich an und führten ebenfalls eine Sommerzeit ein. Während Deutschland sich von der Kriegsmaßnahme 1919 wieder verabschiedete und sie erst zum Zweiten Weltkrieg wieder einführte, hielt beispielsweise Großbritannien kontinuierlich an der Zeitumstellung fest.

Die Sommerzeit von heute

Nach dem Zweiten Weltkrieg schafften die europäischen Staaten die Zeitumstellung nach und nach wieder ab. Erst als Reaktion auf die Ölkrise der 70er-Jahre führte man die Sommerzeit, so wie wir sie heute in ganz Europa kennen, wieder ein. Eine einheitliche Regelung gibt es seit 1996. Am letzten Sonntag im März stellen wir auf Sommerzeit bis zum letzten Sonntag im Oktober, wenn es zurück in die Winterzeit geht.

Wo liegen die Vorteile der Sommerzeit?

Es ist bewiesen, dass Tageslicht und Depression in Relation zueinander stehen. So gibt es vielfältige Angebote unterschiedlichster Lichttherapien. Bei saisonaler Depression wird empfohlen, so viel Zeit wie möglich mit Spaziergängen bei Tageslicht zu verbringen. Da durch die Zeitumstellung die Wachphase der meisten Menschen weiter in die Tageslichtphase verschoben wird, können sie automatisch so viel natürliches Licht wie möglich aufnehmen. Lange Sommerabende laden dazu ein, sich noch zum Sport oder aktiver Bewegung draußen zu motivieren.

Das Argument des Stromsparens dank Zeitumstellung wurde inzwischen jedoch mehrfach wissenschaftlich widerlegt. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft und das Umweltbundesamt sind sich einig: Die wenige Energie, die durch minimal weniger eingesetzte künstliche Beleuchtung gespart wird, hebt sich spätestens durch verstärktes Heizen in den Morgenstunden im Frühjahr und Herbst wieder auf.

Ist der Wechsel zwischen den Zeiten ungesund?

Dafür bringt die Zeitumstellung Mensch und Tier regelmäßig in einen kollektiven Jetlag. So bezeichneten drei Viertel der Teilnehmer der EU-Umfrage die Zeitumstellung als eine „sehr negative“ oder „negative“ Erfahrung. Unterschiedliche Studien haben Anhaltspunkte dafür gegeben, dass es sich dabei nicht nur um eine persönliche Wahrnehmung handelt. In einer Langzeitbeobachtung kommt die Krankenkasse DAK beispielsweise zu dem Schluss, dass 25 Prozent mehr Patienten mit Herzbeschwerden in den ersten drei Tagen nach der Zeitumstellung ins Krankenhaus eingeliefert werden als im Jahresdurchschnitt.

Fast jeder dritte Befragte der repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK hatte bereits einmal Beschwerden aufgrund der Zeitumstellung gehabt. Die meisten von ihnen fühlen sich schlapp und müde oder haben Einschlafprobleme und Schlafstörungen. Auch Gereiztheit und depressive Verstimmungen zählen zu den Symptomen, letzteres trittt häufiger bei Männern als bei Frauen auf.

Auch Tiere merken den Wechsel

Grund ist die Störung des Biorhythmus, der ungefähr zwei bis drei Tage benötigt, um sich neu einzutakten. Gleiches gilt für Haustiere, die sich an den neuen Rhythmus von Füttern und Gassi gehen oft erst langsam gewöhnen müssen. Übrigens: Eine möglicherweise dauerhafte Sommerzeit wird besonders für Schüler und Studenten kontrovers diskutiert. Ihr innerer Biorhythmus macht viele Teenager zu Langschläfern. Zum Wachwerden ist der Blauanteil des Tageslichts jedoch essentiell. Wenn Schüler im Winter nun noch länger in absoluter Dunkelheit auf den Schulweg geschickt würden, seien laut dem Münchner Chronobiologen Till Roenneberg Schlafmangel und erhöhter Stress die Folge.

Welche Eselsbrücken gibt es?

Merksätze und Eselsbrücken gibt es viele. Besonders einfach kann man sich die Richtung an der Umstellung zum Sommer merken: Im Frühjahr muss man früher aufstehen. Heißt: Eine Stunde weniger schlafen im Frühjahr und eine mehr im Winter.

Die Zeitumstellung funktioniert auch wie ein Thermometer, im Frühjahr Plusgrade (eine Stunde vorstellen) und im Winter geht es auf Minusgrade (ein Stunde zurückgestellt). Letztlich kann man sich auch daran erinnern, dass man erst etwas verlieren muss (Frühling eine Stunde weniger Schlaf), bevor man es wiederfinden kann (im Winter eine mehr) – und nicht andersherum.