Vater mit Kindern im Zimmer
Anja Schlicht
Anja Schlicht

Redaktionsleitung

Eltern – von der Politik in der Corona-Krise vergessen?

Die Corona-Pandemie hat nicht nur unmittelbare Folgen für jeden Einzelnen. Auch langfristig wird sie ihre Spuren hinterlassen. Dabei werden die makroökonomischen Auswirkungen noch viel zu wenig berücksichtigt, sagt Prof. Michèle Tertilt von der Universität Mannheim.

Der ganz große Shutdown ist in Deutschland zwar vorbei. Doch lokale Beschränkungen werden die Bundesrepublik bis zur Entwicklung eines Impfstoffes begleiten, Kita- und Schulschließungen inbegriffen. Diese stellen Eltern mit kleinen Kindern vor große Herausforderungen. Welche Folgen die mangelnden Betreuungsangebote haben, auch mit Blick auf die verfügbare Arbeitszeit berufstätiger Eltern, hat Prof. Michèle Tertilt von der Universität Mannheim zusammen mit Prof. Moritz Kuhn von der Universität Bonn und Prof. Nicola Fuchs-Schündeln von der Goethe-Universität Frankfurt untersucht.

Im Interview mit finanzen.de berichtet die Professorin für Makro- und Entwicklungsökonomie, welche Probleme damit einhergehen, wenn Schulen sowie Kindergärten nicht vollständig geöffnet werden, und welche Hoffnung sie mit der Corona-Krise verknüpft.

Sie fordern, dass die Politik beim Neustart der Wirtschaft berücksichtigen muss, dass Beschäftigte wegen der Kinderbetreuung zu Hause bleiben müssen beziehungsweise geblieben sind. Wie hat das von der Großen Koalition geschnürte Konjunkturpaket dem Rechnung getragen?

Prof. Michèle Tertilt: Gut ein Viertel aller Arbeitnehmer in Deutschland hat Kinder unter 14 Jahren im Haushalt. Solange die Schulen und Kindergärten nicht vollständig offen sind, haben viele dieser Arbeitnehmer Probleme ihrer Arbeit in vollem Umfang nachzugehen. Das wirkt sich auch auf die Wirtschaft aus.

Im Konjunkturpaket habe ich wenig zu diesem Thema gefunden. Zum Beispiel bräuchten Schulen mehr Geld, um zum Beispiel weitere Lehrer einzustellen oder zusätzliche Gebäude anzumieten, damit Schulen auch unter Corona-Distanzregeln alle Schüler normal unterrichten können. Auch hätte ich es sinnvoll gefunden, den steuerlichen Freibetrag für private Kinderbetreuung anzuheben.

Wie muss die Wirtschaft aufgebaut sein, um nicht immer eine Gruppe von Menschen strukturell zu benachteiligen?

Prof. Michèle Tertilt: Das kann man so pauschal nicht beantworten. Es kommt immer darauf an, was genau eine Wirtschaftskrise auslöst. In der Corona-Pandemie sind gewisse Branchen (wie Tourismus und Gastronomie) ganz besonders betroffen, aber eben auch die Eltern. Hilfemaßnahmen müssen dann ganz konkret da ansetzen, wo die Probleme sind. Dafür muss man sich die Daten anschauen.

Beispielsweise kristallisiert sich jetzt schon heraus, dass die Pandemie Ungleichheiten verstärkt. Akademiker können größtenteils im Home Office arbeiten und behalten daher ihre Jobs, wohingegen Erwerbstätige mit geringerer Bildung ein viel höheres Risiko haben, ihren Job zu verlieren. Darauf muss man reagieren.

Sie warnen vor einem wachsenden Gender Gap, wenn überwiegend Frauen ihre Arbeitsstunden für ihre Kinder reduzieren müssen. Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern drohen sich so insbesondere beim Einkommen zu vergrößern. Was kann die Politik aus Ihrer Sicht tun, um dem entgegenzusteuern?

Prof. Michèle Tertilt: Ganz klar, die Schulen und Kitas wieder im Regelbetrieb öffnen, inklusive dem normalen Nachmittagsangebot. Das haben unsere skandinavischen Nachbarländer schon größtenteils gemacht. Auch Sachsen hat beispielsweise bereits seit dem 1. Mai die Schulen wieder im Regelbetrieb.

Soweit man bisher absehen kann, haben diese Öffnungen keine neuen Masseninfektionen ausgelöst. Immer mehr Studien, wie diese in einer pädiatrischen Zeitschrift, deuten daraufhin, dass Kinder nicht maßgebliche Treiber dieser Pandemie sind.

Darüber hinaus sollten wir auch darüber nachdenken, die Corona-bedingte Ausweitung der Elternzeit möglicherweise daran zu knüpfen, dass sich beide Elternteile beteiligen.

Solange es keinen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt, werden lokale Shutdowns und Schul- sowie Kita-Schließungen zum Alltag zählen. Dies führt nicht nur zu persönlichen Einschränkungen, sondern hat auch für die Wirtschaft Folgen, wenn Arbeitskraft und somit Kaufkraft wegfällt. Welche Maßnahmen gibt es Ihrer Meinung nach, um die makroökonomischen Folgen zu dämpfen?

Prof. Michèle Tertilt: Lokale Shutdowns werden möglicherweise nicht zu vermeiden sein. Trotzdem wundert es mich, dass zum Beispiel bei einem Ausbruch in einem Schlachthof als erstes die Schulen wieder dicht gemacht werden, aber andersherum bei einem Ausbruch in einer Schule keiner auf die Idee kommt, einen Schlachthof dicht zu machen.

Aber zurück zu Ihrer Frage. Ganz klar, es geht hier nicht nur um die Frauen und Geschlechtergerechtigkeit, sondern dass diese Arbeitnehmer teils für den Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen und das hat natürlich volkswirtschaftliche Konsequenzen. Studien in den USA haben gezeigt, dass Schulschließungen sogar im Gesundheitssystem selbst dazu führen können, dass die Versorgung der mit COVID19 Erkrankten schlechter wird und möglicherweise mehr Menschen sterben. Denn ein Großteil des Pflegepersonals sind eben Mütter. Hier hilft natürlich die Notbetreuung, das funktioniert in Deutschland schon recht gut. Das gibt es aber längst nicht in allen Ländern.

Einer Umfrage der Universität Mannheim zufolge kümmert sich ein Viertel der Männer überwiegend um die Kinder. Dem NDR haben Sie gesagt, dass Sie davon ausgehen, dass diese Männer nach der Krise mehr Aufgaben zu Hause übernehmen werden. Woher nehmen Sie diese Hoffnung?

Prof. Michèle Tertilt: Zum einen haben Studien gezeigt, dass auch kurzfristige Änderungen langfristig Wirkung haben können. Zum Beispiel haben die sogenannten Vätermonate dazu geführt, dass Väter sich auch Jahre später noch mehr in der Kindererziehung und Betreuung einbringen.

Ähnlich war es auch im Zweiten Weltkrieg. Während die Männer im Krieg waren, haben viele Frauen die Arbeit in den Fabriken und Werften übernommen, typische Männerjobs. Auch nach dem Krieg sind dann viele dabei geblieben.

Ein zweiter Grund zur Hoffnung ist die erhöhte Möglichkeit zur Telearbeit und Jobflexibilität, die wir aktuell alle erleben. Unsere Studie hat gezeigt, dass Väter, die im Home Office arbeiten können, circa 50 Prozent mehr Zeit mit der Kinderbetreuung verbringen als Väter, die das nicht können. Wenn also diese Flexibilität auch nach der Krise zumindest teilweise bestehen bleibt, dann gehe ich stark davon aus, dass sich ein Teil der Väter auch langfristig mehr in der Kinderbetreuung engagieren wird.

Vielen Dank für das Interview, Prof. Tertilt.