Ärztin hält Spritze in der Hand
Josephien Albrecht
Josephien Albrecht

Content-Managerin

Falsche Hoffnung auf Normalität: Keine Lösung durch Corona-Impfung?

Der Corona-Impfstoff wird endlich eine Rückkehr zur Normalität vor der Corona-Pandemie ermöglichen, so die Hoffnung vieler. Welche Bedenken Forscher und Virologen haben und warum wohl auch der Impfstoff nicht alle Probleme lösen wird, klärt finanzen.de.

Weltweit wird auf Hochtouren an einem Impfstoff gearbeitet, viele davon sind bereits in der entscheidenden dritten Testphase. Die Chance auf einen ersten Impfstoff spätestens Anfang des neuen Jahres scheint zum Greifen nahe – und damit das Licht am Ende des Tunnels vieler Hoffender, die auf eine Rückkehr in die Normalität warten.



Masken, Feiern nur im kleinen Rahmen und ein eingeschränktes öffentliches Leben könnten aber auch nach der Einführung erster Impfungen unsere Realität bleiben, geben verschiedene Forscher nun zu bedenken.

Warum bringt die Impf-Einführung keine Normalität zurück?

Im Fachmagazin „The Lancet” schreiben zwei Ärzte und Professoren der Uni Hongkong, Malik Peiris und Gabriel M. Leung, dass es Zweifel daran gibt, ob die Corona-Impfung die gewünschte Herdenimmunität mit sich bringen wird. Eine solchen Herdenimmunität kennen wir beispielsweise von den Impfungen gegen Infektionskrankheiten wie Polio oder Pocken.

Die Wissenschaftler schreiben dazu im Lancet: „Eine einschränkende Wirkung der bisherigen COVID-19-Impfungen auf die Übertragung und Ansteckung mit Covid-Viren kann noch nicht beurteilt werden. Selbst wenn eine Impfung einen Schutz gegen die Erkrankung verleiht, bedeutet das nicht, dass sie im gleichen Maß auch die Übertragung oder Reproduktionszahl vermindert.”

Gleichermaßen ansteckend, aber leichterer Krankheitsverlauf

Die Forscher führen dazu Studien an Primaten an, die geimpft wurden. Zwar hatten die Affen bei Erkrankung am Coronavirus schwächere Symptome und eine geringere Virenzahl, eine sogenannte „sterilisierende Immunität“ der oberen Atemwege war jedoch nicht gegeben.

Das heißt, dass die Tiere zwar weniger krank, aber dennoch ansteckend waren und die Viren über die oberen Luftwege weitergeben konnten. Bisher soll nur in einer Studie eine sterilisierende Immunität durch eine Impfung erreicht worden sein. Diese Ergebnisse seien jedoch noch nicht vollständig überprüft.

Die Impfung könnte dementsprechend zwar schwere Erkrankungen verhindern, jedoch nicht ein Ansteckungsrisiko. Damit müssten die AHA-Regeln (Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmaske tragen) weiterhin streng eingehalten werden.

Im Interview mit dem MDR gibt Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, zudem zu bedenken, dass selbst wenn ein Impfstoff gefunden ist, nicht alle Menschen sofort geimpft werden können. Schließlich stünde zunächst nur begrenzte Mengen des Impfstoffes zur Verfügung.

Wie lange würde eine Impfung überhaupt schützen?

Selbst wenn eine Impfung gefunden wird, die eine sterilisierende Immunität mit sich bringt, ist noch lange nicht geklärt, wie lange diese Immunität anhält.
Peiris und Leung geben in ihrem Report zu bedenken, dass es „Berichte virologisch belegter, erneuter SARS-CoV-2-Infektionen von bereits zuvor infiziert gewesenen Patienten gibt”. Das Ausmaß solcher Zweit-Infektionen und ob sie in Zusammenhang mit einer zweiten Ausbreitung einer genetisch veränderten Variante des Virus stehen, sei noch unklar und muss genauer untersucht werden.

Der Vergleich mit anderen Coronaviren gibt laut den Forschern keinen Anlass auf allzu große Hoffnungen. So beträgt die Immunität nach einer Ansteckung mit Erkältungs-Coronaviren weniger als ein Jahr. Ähnliche Schlüsse einer nicht lange andauernden Immunität lassen sich aus Untersuchungen der verwandten MERS-Infektionen bei Kamelen ziehen. Auch Virologin Brinkmann vermutet die Notwendigkeit regelmäßiger Impfungen wie bei der Grippe.

„Die Vorstellung, dass die durch Covid-19-Impfstoffe induzierte Immunität der Bevölkerung eine Rückkehr zur Normalität vor Covid-19 ermöglicht, könnte auf illusorischen Annahmen beruhen“, stellen die Forscher Peiris und Leung fest.

Impfung ist dennoch ein wichtiges Instrument

Trotz der erläuterten Schwächen der Impfung sind die Forscher Malik Peiris und Gabriel M.
Leung sich sicher, dass die Impfung ein wichtiges Mittel zur Eindämmung der Pandemie ist. Schließlich würde die Impfung gerade besonders gefährdete Menschen vor einem schweren und möglicherweise tödlichen Erkrankungsverlauf schützen.

„Entscheidend wird es jedoch sein, politischen Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit klar zu machen, dass Impfungen der ersten Generation nur ein Werkzeug im Kampf gegen Covid-19 sind und es unwahrscheinlich ist, dass sie die absolute Lösung darstellen werden, die viele erwarten”, fassen die Autoren zusammen.