Autos im Stau
Anja Schlicht
Anja Schlicht

Redaktionsleitung

Verkehrswende: Auto muss sich anderen Verkehrsmitteln unterordnen

Über drei Milliarden Kilometer pro Tag haben die Deutschen 2017 zurückgelegt, die meisten davon per Auto. Im Zuge der Verkehrswende soll der eigene Pkw allerdings bald nicht mehr die erste Wahl sein. Dazu hat das Verkehrsministerium bereits einige Maßnahmen umgesetzt und weitere geplant. Sie sind jedoch nur unter einer Bedingung erfolgreich, sagt der Mobilitätsforscher Prof. Andreas Knie.

Seit Mitte Juni 2019 dürfen E-Scooter in Deutschland gefahren werden. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sieht in ihnen eine „echte Alternative zum Auto“. Diese ist auch dringend notwendig. Schließlich ist der Verkehrssektor der drittgrößte CO2-Produzent in Deutschland.

Um die Verkehrswende voranzutreiben, hat Scheuer weitere Gesetze wie das Carsharinggesetz umgesetzt. Dieses sieht unter anderem kostenfreie Parkplätze für Carsharing-Fahrzeuge vor. Doch alle Maßnahmen helfen laut Prof. Andreas Knie nicht, solange das „Bau-, Verkehrs- und Steuerrecht auf die Popularisierung des privaten Autos ausgerichtet ist.“ Der Mobilitätsforscher vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) erklärt im Interview mit finanzen.de, was zudem notwendig ist, damit die Verkehrswende gelingen kann.

Seit Mitte vergangenen Jahres sind E-Scooter in Deutschland zugelassen. Ist das der Durchbruch für die Mobilitätswende?

Prof. Dr. Andreas Knie: Ein klares Nein! E-Scooter sind ja eigentlich die elektrisch motorisierten Roller. Das, was als E-Scooter in der Presse bezeichnet wird, sind elektrische Tretroller. Diese Geräte sind praktisch, machen offenkundig den Nutzern jede Menge Spaß und man findet sie in allen großen europäischen Städten. Das war es dann aber auch schon.

Tretroller werden zurzeit noch hauptsächlich von Touristen gefahren. Doch ähnlich wie schon beim Bikesharing zeigt sich mehr und mehr, dass die Geräte Eingang in den städtischen Verkehrsalltag erhalten. Interessant ist ebenfalls, dass sich die Mehrzahl der Quell- und Zielfahrten um Knotenpunkte des öffentlichen Verkehrs herum gruppieren. Viel mehr kann man aber noch nicht sagen. Der Winter muss abgewartet werden, die unterschiedlichen Services und Betriebskonzepte genauer analysiert und dann geschaut werden, welche Anbieter im Frühling noch da sind. Danach kann eine erste Bilanz gezogen werden.

In Deutschland wird viel reguliert, so auch die Nutzung der E-Scooter. Sie machen sich eher dafür stark, Innovationen erst einmal auszuprobieren und dann anzupassen. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Einführung der E-Scooter – muss hier noch nachgesteuert werden?

Prof. Dr. Andreas Knie: Für elektrische Tretroller hat man immer eine eigene Verordnung geschaffen und den Betrieb dieser Kraftfahrgerätschaften damit legalisiert. Möglicherweise ist in Sachen Helmpflicht und Höchstgeschwindigkeit nochmals nachzuschärfen. Wichtiger ist es aber, im zweiten Betriebsjahr mehr auf die Einhaltung der bestehenden Regeln zu achten, insbesondere dass Gehwege nicht benutzt werden und für die Tretroller auch die gültige Promillegrenze wie für Autos gilt.

Sie stehen für mehr Sharing und weniger Autobesitz. Die Politik versucht hier mit kleinen Gesetzen wie dem Carsharing-Gesetz Hebel anzusetzen, doch der große Wurf blieb bisher aus. Was müsste aus Ihrer Sicht getan werden, damit sich die Sharingmodelle soweit durchsetzen, dass die Bevölkerung diese in den Alltag integriert?

Prof. Dr. Andreas Knie: Alle Regulierungen rund um die Straße sind allein auf das Auto fokussiert. Ihm sollte Platz geschaffen werden, der Sicherung des Verkehrsflusses gilt die oberste Priorität. Die Straßenverkehrsordnung kennt kein Sharing. Dementsprechend gibt es weder für Auto- noch für Bike- oder Scootersharing im wahrsten Sinne Raum für nachhaltige Geschäftskonzepte. Sie gelten als gewerbliche Aktivität und werden gegenüber jeder privaten Nutzung benachteiligt. Das war sicherlich mal eine gute Idee, deren Zeit aber längst abgelaufen ist.

Ein Vorschlag von Ihnen lautet, ein neues Auto nur dann zuzulassen, wenn der Besitzer einen privaten Stellplatz nachweisen kann, ein anderer, den Parkraum drastisch zu verteuern. Glauben Sie, dass die Bürgerinnen und Bürger schon bereit sind, sich von einem eigenen Auto zu trennen?

Prof. Dr. Andreas Knie: Ob die Bürger hierfür bereit sind, lässt sich pauschal nicht sagen. Die Bürger wurden und haben sich an das Auto gewöhnt. Es ist praktisch Teil ihres beruflichen und privaten Alltags geworden. Die Bürger wissen aber auch, dass es so nicht einfach weitergeht.

Mehr Autos sind nicht mehr die Lösung für die kommenden Herausforderungen. Jetzt müssen neue Lösungen gefunden werden. Insbesondere sind die Privilegien des privaten Autos wieder zurückzuführen in ein Gesamtkonzert aller Verkehrsträger und Verkehrsmittel. Dazu gehört das unglaubliche Recht, mit seinem Auto praktisch überall auf öffentlichen Straßen grenzenlos zu parken. Die Menschen sollen sich ja nicht von der Autonutzung trennen, sondern vom Gedanken, dass man eine zwei Tonnen Mobilitätsreserve einfach vor die Tür stellen kann, ohne einen nennenswerten Obolus zu zahlen.

In einem Interview mit Brand eins haben Sie gesagt, dass es „ohne einen zusätzlichen Rahmen nicht zu einer Verkehrswende kommen wird.“ Wie sollte dieser Rahmen aus Ihrer Sicht gestaltet sein, damit die Mobilitätswende bundesweit gelingt?

Prof. Dr. Andreas Knie: Das Bau-, Verkehrs- und Steuerrecht ist auf die Popularisierung des privaten Autos ausgerichtet. Wenn sich hier nichts Substantielles ändert, wird die Verkehrswende nicht kommen. Benötigt wird ein „Mobilitätsgesetz“ als Artikelgesetz, in dem neue Ziele festgeschrieben sind und zwar einerseits eine gute Erreichbarkeit und Zugänglichkeiten zum gesellschaftlichen Leben und auf der anderen Seite aber auch die Erfordernisse eines nachhaltigen Wirtschaftens.

Nach dieser Zieldefinition werden dann alle relevanten Gesetze angepasst. Im Ergebnis sollte sich die Zahl der Fahrzeuge auf etwa die Hälfte des jetzigen Bestandes reduzieren lassen, dafür aber die Effizienz des Transports erhöhen – ohne Einschränkung der individuellen Beweglichkeit. Dies geht aber nur mit einer konsequenten Nutzung digitaler Optionen im Verkehr, aber auch im Berufsleben.

Ebenfalls klar ist, dass die Trennung von Wohnen, Arbeiten und Vergnügen so nicht mehr aufrechterhalten werden kann und wir eine stärke Nutzungsmischung erleben. Dies bedarf aber auch einer höheren Toleranz der Bewohner beispielsweise gegenüber Lärm. Die Verkehrswende wird also auch eine Änderung in der Gesellschaft mit sich bringen.

Vielen Dank für das Interview, Herr Prof. Dr. Knie.