Geld anlegen an der Börse
Anja Schlicht
Anja Schlicht

Redaktionsleitung

Wie stark kann die Europäische Zentralbank den Leitzins erhöhen?

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat im Juli erstmals seit elf Jahren den Leitzins erhöht – von 0 Prozent auf 0,5 Prozent. Doch die Inflation bleibt auf hohem Niveau, im August lag sie im Euroraum bei 9,1 Prozent. Die EZB nimmt daher mit einer weiteren Zinserhöhung den Kampf gegen die Inflation auf. Doch wie viel kann die Wirtschaft ertragen?

  • Die EZB hat heute eine Leitzinserhöhung von 0,75 Prozent beschlossen.
  • Um die Inflation in den Griff zu bekommen, müsste der Leitzins jedoch noch deutlich weiter steigen.
  • Wie viel Rezession kann die Europäische Zentralbank im Kampf gegen die Inflation zulassen?

Die Europäische Zentralbank steht vor einer schwierigen Entscheidung. Dass sie diese treffen muss, daran ist sie nicht ganz unschuldig. Denn aus Sicht vieler Experten hat die EZB viel zu lange damit gezögert, von der Nullzinspolitik abzuweichen, um mit einem höheren Leitzins die Inflation im Euroraum in den Griff zu bekommen.

Nun liegt sie seit Mai über der 8-Prozent-Marke, in manchen europäischen Ländern wird sogar die 20-Prozent-Marke überschritten. Um der Inflation nun Herr zu werden, ist ein hoher Leitzins notwendig. Doch die Währungshüter befinden sich in einer Zwickmühle.

Hoher Leitzins Gift für die Konjunktur

Im Juli stieg der Leitzins nach einem Jahrzehnt ohne Veränderung auf 0,5 Prozent. Nun hat die EZB eine Anpassung um weitere 0,75 Prozent verkündet. Dies dürfte aus Sicht mancher Experten aber lange noch nicht das Ende sein. So geht beispielsweise Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer davon aus, dass es mindestens vier Prozent sein müssten.

Doch die EZB kann dem nicht so einfach folgen. Sie muss die Konjunktur im Blick behalten. Schon jetzt ist die Stimmung schlecht: Einerseits drücken hohe Preise die Kauflaune bei den Verbrauchern und andererseits stellen die hohen Energiekosten eine Herausforderung für viele Unternehmen dar. Zuletzt hat beispielsweise der Toilettenpapierhersteller Hakle aufgrund gestiegener Energie- und Transportkosten Insolvenz angemeldet.

Die hohen Kosten in Europa führen zudem dazu, dass die Unternehmen stärker ins Ausland schauen, um bessere Produktionsbedingungen zu finden. Schon jetzt leidet die Wettbewerbsfähigkeit, wenn Hersteller ihre Preise nach oben anpassen müssen, um ihre gestiegenen Ausgaben zu decken.

Wirtschaft leidet unter Lieferengpässen und Energiekosten

Erhöht die Europäische Zentralbank den Leitzins zu stark, könnte die Eurozone schneller in eine Rezension rutschen. Denn höhere Zinsen auf Kredite senken die Investitionsbereitschaft, was sich wiederum negativ auf die Konjunktur auswirkt.

Diese steht ohnehin auf wackligen Beinen. So kämpft die Wirtschaft seit Monaten mit unterbrochenen Lieferketten infolge der Corona-Pandemie. Durch den Krieg in der Ukraine kamen zuletzt die hohen Energie- und Rohstoffkosten hinzu. Die EZB muss daher eine Balance finden zwischen Inflation senken und Wirtschaft am Laufen halten.

Warum kann die EZB nicht wie die Fed agieren?

Die amerikanische Notenbank Fed hatte bereits im März damit begonnen, ihren Leitzins anzupassen. Aktuell liegt er bei 2,25 Prozent bis 2,5 Prozent, bis Ende des Jahres könnten es sogar vier Prozent sein. Ein Vergleich mit der amerikanischen Notenbank und ihrer Zinspolitik ist jedoch schwierig. Denn sie ist nur für ein Land zuständig, die EZB dagegen für mehrere Staaten mit unterschiedlicher wirtschaftlicher Lage. Erhöhen die Währungshüter den Zins zu stark, bringt das die Länder mit hohen Schulden in Schwierigkeiten. Denn sie müssen höhere Zinsen auf ihre Kredite zahlen, was wiederum die Finanzlage des ganzen Staates gefährden könnte.