Grabpflege und Trauerarbeit: Reformbedarf bei Bestattungsgesetzen hoch

Die Lebenserwartung in Deutschland steigt. Gleichzeitig sind viele Menschen mobiler. Die Pflege des Familiengrabs ist daher nicht mehr so möglich wie früher. Zudem wandeln sich die persönlichen Wünsche bezüglich der letzten Ruhe bei vielen Menschen. finanzen.de hat bei Aeternitas e.V. angefragt, welche Veränderungen sich in der Bestattungskultur abzeichnen.

Veröffentlicht am 5. Februar 2016

Mit dem demografischen Wandel und der erhöhten Mobilität innerhalb der Bevölkerung sind zahlreiche gesellschaftliche Entwicklungsprozesse verbunden. Früher war es selbstverständlich, einen älteren Angehörigen zu Hause zu pflegen. Heutzutage ist dies oftmals nicht möglich, wenn erwachsene Kinder beispielsweise aus beruflichen Gründen den Heimatort verlassen haben.

Nicht nur im Leben hat dies Konsequenzen. Auch die Bestattungskultur in Deutschland ist einem Wandel unterworfen. Die Grabpflege ist beispielsweise längst keine Selbstverständlichkeit mehr, auch wenn sie früher gemeinhin zur Trauerarbeit gehörte. Gleichzeitig wünschen sich viele Menschen alternative Bestattungsformen. Doch diese umzusetzen, ist schwierig. Denn es gibt in Deutschland noch immer enge Vorgaben für Bestattungen, erläutert Alexander Helbach von der Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas e.V.

Die Gesetze der Bundesländer gestatten teilweise unterschiedliche Formen der Bestattung. So hat Bremen im letzten Jahr den Friedhofszwang abgeschafft und beispielsweise auch das Verstreuen der Asche auf Privatgrundstücken erlaubt. Beobachten Sie so etwas wie einen Bestattungstourismus?

Alexander Helbach: Nein, davon kann man (noch) nicht sprechen. In Bremen ist allerdings auch eine Besonderheit nicht zu vernachlässigen: Die Möglichkeit der Ascheverstreuung auf Privatgrundstücken besteht nur für verstorbene Bremer Bürger. Eine Art „Bestattungstourismus“ wäre dort gar nicht möglich. Ansonsten bestehen in allen Bundesländern im Endeffekt die gleichen Bestattungsmöglichkeiten (auch Seebestattungen sind in jedem Bundesland erlaubt, die Urne muss dann nur an Nord- oder Ostsee befördert werden). Auch Bestattungswälder gibt es mittlerweile in allen Bundesländern (außer Bremen; in Berlin und Hamburg nur auf einem Friedhof). Hier ist allerdings die Verteilung sehr ungleich, weshalb sicherlich die eine oder andere Urne auch mal in ein anderes Bundesland gebracht wird.

Was in der Tat häufig vorkommt, ist der „Bestattungstourismus“ ins Ausland. In vielen Nachbarländern wie zum Beispiel Niederlande oder Schweiz können sich Angehörige die Urne aushändigen lassen. Unfreiwillig kommt es innerhalb Deutschlands dann vor allem zum „Bestattungstourismus“, wenn Kommunen Ordnungsamtsbestattungen, also wenn sich kein Angehöriger um die Bestattung kümmern kann oder will, außerhalb der eigenen Friedhöfe irgendwo anders veranlassen, um Geld zu sparen.

Aktuell soll das Thüringen Bestattungsgesetz geändert werden, um die Einrichtung von Fried- bzw. Bestattungswäldern zu erlauben bzw. zu erleichtern. Immer mehr Menschen wünschen sich nicht nur eine naturnahe Bestattung wie beispielsweise in solchen Bestattungswäldern, sondern generell Alternativen zur letzten Ruhe auf dem Friedhof. Müsste die Politik Ihrer Ansicht nach hier schneller mit Gesetzesanpassungen reagieren?

Alexander Helbach: Das auf jeden Fall. Es besteht Reformbedarf. Bestattungswälder sind der eine Punkt (gut dass Thüringen endlich reagiert), andere Punkte sind zum Beispiel die Genehmigungen von Umbettungen und der weiterhin bestehende Friedhofszwang. Eine Bestattungskultur muss widerspiegeln, was die Menschen wünschen. Leider sind jedoch viele Regelungen sehr restriktiv und stehen dem entgegen, was sich viele Menschen vorstellen.

Umbettungen zum Beispiel werden nur selten genehmigt. Dabei hat sich das Problem durch die mobile Gesellschaft massiv verschärft. Warum soll eine Urne nicht auf einen anderen Friedhof umziehen dürfen, wenn die Hinterbliebenen umziehen? Ansonsten ist der Grabbesuch extrem erschwert.

Mehrheit der Deutschen gegen Friedhofszwang für Urnen

Das Marktforschungsinstitut TNS Emnid hat in der Vergangenheit im Auftrag von Aeternitas Bundesbürger zu ihrer Meinung zum Friedhofszwang für Urnen befragt. Demnach bezeichnen 58 Prozent der Befragten den Friedhofszwang als veraltet.

Neue Bestattungsformen und gesellschaftliche Veränderungen ziehen einen Wandel bei der persönlichen Trauerarbeit nach sich. Denken Sie, dass traditionelle Trauerrituale wie beispielsweise die regelmäßige Grabpflege aussterben? Entwickeln sich stattdessen andere Formen der Trauerarbeit?

Alexander Helbach: Klassische Trauerrituale werden sicher nicht aussterben. Sie haben weiterhin ihre Berechtigung und auch ihren tieferen, tröstenden Sinn. Und vielen Menschen werden sie weiterhin etwas bedeuten, aber eben nicht mehr allen. Wie sich das gesellschaftliche Leben und die Denkweisen der Bürger weiter aufgefächert bzw. vervielfältigt haben, so stellt sich die Situation auch beim Thema Trauer und Abschied da.

Neue Trauerrituale kommen hinzu, bestehende werden weiterentwickelt, Altes und Neues wird verschmolzen – da ist viel in Bewegung derzeit, wie Bestatter berichten: Buntere Abschiedsfeiern, die Lieblingsmusik des Verstorbenen, Rituale wie das Anzünden von Kerzen, weltliche Trauerredner statt Pfarrern usw. Für eine zunehmende Zahl an Menschen bedeutet das Grab auf dem Friedhof nichts mehr. Der Ort der Bestattung und der Ort des Gedenkens driften häufig auseinander. Gedenken findet dann zum Beispiel im privaten Raum statt, auch wenn ein Grab auf dem Friedhof noch besteht.

Das Interview führte Juliane Wellisch.