Mensch fällt ins Loch
Majlinda Freitag
Majlinda Freitag

Werkstudentin Redaktion

Die Erwerbsminderungs­rente: die staatliche Lösung bei Erwerbsunfähigkeit

Es geht oft schneller als man denkt: Ein plötzlicher Unfall oder eine gravierende Krankheit führen zur Erwerbsunfähigkeit und damit zum Ende des Arbeitslebens. Neben der Verarbeitung dieses Schicksalsschlags sind Betroffene automatisch dazu gezwungen, sich mit unangenehmen Themen zu befassen. Mit welchem Geld sollen sie ihr Leben von nun an finanzieren?

Ein Anrecht auf die Erwerbsminderungs­rente

Jedes Jahr geben zehntausende Menschen ihren Job vollends auf, da ihre Gesundheit nicht mehr mitspielt – noch vor Erreichen des Rentenalters. Damit sie ihre Lebenshaltungskosten trotzdem decken können – etwa ein Familienvater seine Familie weiterhin unterstützen kann – steht diesen Menschen Geld aus der Rentenkasse zu: die gesetzliche Erwerbsminderungsrente.

Es gilt folgende Faustregel:

Betroffene, die weniger als 3 Stunden am Tag arbeiten können, drei Jahre Pflichtbeiträge an die Rentenkasse für eine versicherte Beschäftigung oder Tätigkeit entrichtet haben und vor Eintritt der Erwerbsminderung die allgemeine Wartezeit erfüllt haben, haben Anspruch auf die volle gesetzliche Erwerbsminderungsrente.

Personen, die dieselben Voraussetzungen erfüllen und zwischen drei und sechs Stunden am Tag arbeitsfähig sind, haben Anspruch auf die halbe gesetzliche Erwerbsminderungsrente.

Das erwartet Sie in diesem Magazinbeitrag:

Was ist die Erwerbsminderungs­rente?

Der Begriff der Erwerbsminderungsrente kommt aus dem gesetzlichen Rentenrecht und ist eine staatliche Leistung. Grundsätzlich haben alle, die in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, Anspruch auf die Erwerbsminderungsrente, wenn sie als Arbeitnehmer keiner Tätigkeit mehr nachkommen können oder lediglich ein sehr geringer Stundensatz pro Tag von ihnen geleistet werden kann. Dazu müssen Wartezeiten und gewisse Pflichtbeiträge erfüllt sein. Näheres dazu weiter unten.

Wer hat Anspruch auf die Erwerbsminderungs­rente?

Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen vollständig oder eingeschränkt erwerbsunfähig geworden sind und das reguläre Rentenalter noch nicht erreicht haben, fallen in die sogenannte gesetzliche Erwerbsminderungsrente. Die Erwerbsminderungsfähigkeit wird in der Regel vom Arzt festgestellt.

Welche Voraussetzungen gelten für die Erwerbsminderungs­rente?

  1. Betroffene haben nur dann einen Anspruch auf die Erwerbsminderungs­rente, wenn sie das Alter, ab dem sie die reguläre Altersrente erhalten würden, noch nicht erreicht haben,
  2. mindestens fünf Jahre lang über die gesetzliche Rentenversicherung versichert gewesen sind und
  3. in den letzten fünf Jahren vor Eintritt in die Erwerbsminderung drei Jahre lang nachweislich Pflichtbeiträge in die gesetzliche Rentenkasse bezahlt haben.

Hinweis:

Für Freiberufler, Selbstständige oder Personen, die aufgrund einer familiären Auszeit für einen längeren Zeitraum keine Pflichtbeiträge in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben, könnte der Anspruch auf die Erwerbsminderungsrente möglicherweise entfallen.

Die Erwerbsminder­ungsrente in der Praxis: Höhe, Berechnung und Dauer

Die Höhe der Erwerbsminderungsrente hängt eng mit dem individuellen Rentenanspruch zusammen und ist in der Praxis gar nicht so einfach zu ermitteln. Die genaue Höhe der Erwerbsminderungsrente ist abhängig von verschiedenen Faktoren:

  • Dauer der Einzahlung in die gesetzliche Rentenversicherung.
  • Restdauer bis zur regulären Altersgrenze.
  • Höhe des Einkommens.

Wie viele Stunden pro Tag noch gearbeitet werden kann.

Zur Berechnung der Erwerbsminderungsrente können Interessierte ungefähr die Hälfte des zu versteuernden Monats-Nettoeinkommens als volle Erwerbsminderungsrente ansetzen und für die teilweise Erwerbsminderungsrente circa ein Viertel des Monats-Nettoeinkommens.

Leider fällt die gesetzliche Erwerbsminderungsrente sehr schwach aus – die wenigsten Betroffenen schaffen es damit, ihren Lebensunterhalt langfristig zu finanzieren.

Unser Tipp:

Jeder fünfte Berufstätige in Deutschland muss seinen Beruf noch vor Erreichen des Rentenalters aufgeben. Empfehlenswert ist es daher, sich mit einer privaten Berufsunfähigkeitsversicherung zu versichern. Diese gilt als eine der wichtigsten Versicherungen im Bereich der Vorsorge.

Hinweis:

Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente wird grundsätzlich für einen festgelegten Zeitraum von maximal drei Jahren nach Eintritt ausgezahlt. Ist zu erwarten, dass die Krankheit langfristig bestehen bleibt, kann die Erwerbsminderungsrente im Einzelfall auch unbefristet lang an den Betroffenen ausgezahlt werden.

So wird die Erwerbsminderungs­rente beantragt

Wenn Angestellte wegen einer Krankheit oder eines Unfalls keinen Beruf mehr ausüben können, stellen sie bei der Deutschen Rentenversicherung einen Antrag. Für gewöhnlich wird die Erwerbsminderungsrente erst ab dem siebten Monat nach Eintritt der Erwerbsminderung an den Antragssteller ausgezahlt. Damit diese Zeit überbrückt werden kann, steht den Betroffenen bis dahin zunächst die sechswöchige Lohnfortzahlung und danach das Krankengeld aus der gesetzlichen Krankenversicherung zu.

Unser Tipp: Es empfiehlt sich, den Antrag auf Erwerbsminderung so früh wie möglich zu stellen, denn die Prüfung seitens der Rentenversicherung erfordert mehrere Monate.

Kurz und knapp – diese Angaben sind für die Beantragung erforderlich:

  • Namen und Anschriften der behandelnden Ärzte
  • Lückenlose Dokumentation der Krankenhaus- bzw. Reha-Aufenthalte sowie wichtige Behandlungen oder Operationen
  • Chronologische Auflistung aller bisherigen Beschäftigungsverhältnisse

Die Deutsche Rentenversicherung informiert darüber hinaus auf ihrer Seite, welche wichtigen Dokumente noch notwendig sind.

Nach vollständigem Eingang und Prüfung des Antrags untersucht die Rentenversicherung mittels eigener Gutachter, inwieweit der Antragsteller aus ärztlicher Sicht noch fähig ist zu arbeiten

Diese Besonderheiten sollten Sie kennen

1. Selbstständige Arbeit und Erwerbsunfähigkeit

Grundsätzlich sind Freiberufler und Selbstständige nicht dazu verpflichtet, in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen. Damit entfällt allerdings der Anspruch auf eine gesetzliche Erwerbsminderungsrente. Stattdessen haben sie die Möglichkeit, freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen, um somit im Ernstfall eine Rente wegen Erwerbsminderung oder Erwerbsunfähigkeit zu beziehen.

2. Hinzuverdienst bei voller Erwerbsminderung

Wer die volle Erwerbsminderungsrente bezieht, darf jährlich 6.300 Euro hinzuverdienen, ohne dass seine Rente gekürzt wird. Bei Überschreiten der Hinzuverdienstgrenzen wird der darüber liegende Betrag durch 12 geteilt. Davon werden 40 Prozent auf die Rente angerechnet.

Zusätzlich zu dieser Regelung gibt es eine Obergrenze zum Hinzuverdienst – der sogenannte Hinzuverdienstdeckel. Mit dem Hinzuverdienstdeckel möchte der Gesetzgeber verhindern, dass das Einkommen nach Beginn der Erwerbsminderungsrente nicht höher ist als davor.

Die Formel zur Berechnung lautet:

Monatliche Bezugsgröße x Entgeltpunkt des Kalenderjahres mit den höchsten Entgeltpunkten aus den letzten 15 Kalenderjahren vor Beginn der Altersrente

3. Hinzuverdienst bei teilweiser Erwerbsminderung

Bekommen Sie eine halbe Erwerbsminderungsrente, gilt eine deutlich höhere Hinzuverdienstgrenze.
Diese wird von Person zu Person berechnet und hängt vom höchsten beitragspflichtigen Jahreseinkommen ab, dass der Betroffene innerhalb der letzten 15 Jahre erarbeitet hat. Als Untergrenze gilt für 2020 ein Einkommen von 15.479,10 Euro. Wird mehr hinzuverdient als erlaubt, rechnet die Rentenversicherung 40 Prozent davon auf die Erwerbsminderungsrente an.

4. Wird die Erwerbsminderungsrente besteuert?

Grundsätzlich wird die Erwerbsminderungsrente besteuert, wobei die Steuerlastwird individuell ermittelt wird. Der Bundesfinanzhof hat am 15.05.2018 entschieden, dass dabei der Zeitpunkt der Bewilligung des Antrags maßgebend ist. Da die Verfahren bis zur Bewilligung der Erwerbsminderungsrente zum Teil außergewöhnlich lang dauern, werden diese in der Praxis sehr häufig rückwirkend bewilligt. Zwei bis fünf Jahre Dauer bis zur Bewilligung sind keine Seltenheit.

Ein Beispiel:

Wird die Erwerbsminderungsrente 2019 nachträglich für 2017 bewilligt, so gilt für den Betroffenen der steuerfreie Betrag mit dem Prozentsatz aus 2017, also 34 Prozent.

5. Reichen die gesetzlichen Leistungen im Falle einer eintretenden Berufsunfähigkeit überhaupt aus?

Die Erwerbsminderungsrente ist meist sehr gering, sprich „zu wenig zum Leben“. Wie viel die Betroffenen tatsächlich erhalten, veranschaulicht das nachfolgende Beispiel:

Beispiel: 35-jähriger Arbeitnehmer, 3.000 Euro brutto, Steuerklasse 1, Bundesland Nordrhein-Westfalen, ohne Nachwuchs
  • Brutto - 3.000 €
  • Netto - 1.900 €
  • Volle EU-Rente - ca. 1.100 €
  • Versorgungslücke - 800 €
  • Halbe EU-Rente - ca. 560 €
  • Versorgungslücke - 1.340 €

Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente reicht im Einzelfall leider nicht aus, um als Betroffener seinen Lebensstandard auch nur annähernd halten zu können. Diese dient maximal dem Bedarf zur Grundsicherung.

Achtung: Berufsunfähigkeit nicht gleich Erwerbsunfähigkeit

Unter der Bezeichnung „Berufsunfähigkeit“ ist lediglich zu verstehen, dass eine Person in ihrem bisherigen Beruf nicht mehr arbeiten kann. Will jemand einen Anspruch auf Erwerbsminderungsrente geltend machen, darf es dieser Person grundsätzlich nicht mehr möglich sein, in überhaupt einem Beruf zu arbeiten.

Wenn dieser Fall eintritt, also jemand höchstens sechs Stunden am Tag irgendeiner Beschäftigung nachgehen kann, hat Anspruch auf die gesetzliche Erwerbsminderungsrente.
Das bedeutet, die gesetzlichen Leistungen können bei Berufsunfähigkeit gar nicht ausreichen, weil noch gar kein Anspruch auf diese besteht.

Unser Tipp:

Es ist sinnvoll, sowohl als Arbeitnehmer als auch Selbstständiger frühzeitig eine private Berufsunfähigkeits­versicherung abzuschließen. Sie gleicht den fehlenden Verdienst im Falle einer eintretenden Erwerbsminderung aus.

Warum Sie nicht um eine Berufsunfähigkeits­versicherung herumkommen

Eine private Berufsunfähigkeitsversicherung ist heutzutage eine der wohl sinnvollsten und bedeutendsten Versicherungen in Deutschland, weil

a.) es ca. 25 Prozent aller Bürger trifft. Dies belegen aktuellste Studien. Die Hauptursachen liegen überwiegend an Krankheiten und zu viel Stress am Arbeitsplatz. Leider haben diese Studien auch gezeigt, dass alle und nicht nur risikobehaftete Berufsgruppen davon betroffen sind.

b.) der Staat nur wenig Schutz für Berufsunfähige bietet. Ohne zusätzliche Absicherung kann im Notfall nur auf die finanzielle Hilfe des Staates zurückgegriffen werden. Diese ist in der Regel sehr gering und gleichzeitig mit starken Einschränkungen in den Lebenshaltungskosten verbunden. Um dies zu verhindern, sind Betroffene gezwungen, zusätzlich vorzusorgen.

Ein statistisches Beispiel der Deutschen Rentenversicherung (Rentenversicherung in Zahlen, Ausgabe 7/2016) verrät: Frauen, welche zwischen drei und sechs Stunden am Tag arbeiten können, bekommen im Monat durchschnittlich 435 Euro staatliche Unterstützung. Männer erhalten bei gleichen Voraussetzungen etwa 524 Euro.

Die zentrale Frage ist:

Wie sollen Menschen, die lediglich diesen minimalen Betrag der Erwerbsminderungsrente beziehen, es schaffen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten? Denn davon lässt sich häufig nicht mal die Miete bezahlen.

Berufsunfähigkeits­rente wird nicht auf die Erwerbsminderungs­rente angerechnet

Eine private Berufsunfähigkeitsrente kann nicht auf die gesetzliche Erwerbsminderungsrente angerechnet werden. Lediglich das Arbeitseinkommen und das Arbeitsentgelt sind laut Gesetz an die Erwerbsminderungsrente anzurechnen. Demzufolge zählen die Leistungen der privaten Berufsunfähigkeitsrente nicht dazu.