Gesundes Gesundheitssystem? – Neue Studie kritisiert GKV und PKV

Mehr als 60 Experten aus dem Bereich Gesundheitswesen und Versicherungswirtschaft haben das deutsche Krankenversicherungssystem unter die Lupe genommen. Das vernichtende Urteil der Studie: Die gesetzliche Krankenversicherung ist für die Herausforderungen der Zukunft nicht gewappnet. Auch bei der privaten Krankenversicherung gibt es erhebliche Probleme.

Veröffentlicht am 5. Februar 2014



Erst seit wenigen Wochen ist Hermann Gröhe als Bundesgesundheitsminister im Amt. Dennoch ist bereits jetzt klar, dass die nächsten vier Jahre einige Herausforderungen für ihn parat haben. Denn das deutsche Gesundheitssystem hat grundlegende strukturelle Probleme. Damit kann es langfristig die Versorgung der Patienten nicht mehr gewährleisten. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine unabhängige Studie des Beratungsunternehmens PremiumCircle, an der sich über 60 Experten wie Ärzte, Patientenvertreter, Kassen- und Versicherungsmanager beteiligt haben. Die Studie, die am morgigen Donnerstag veröffentlicht wird, bezeichnet die gesetzliche Krankenversicherung als „Krankheitsverwaltungssystem“.

Probleme der gesetzlichen Krankenversicherung

In der Studie wird kritisiert, dass es gerade bei der gesetzlichen Versicherung kaum Qualitätswettbewerb gibt. Auch dadurch wäre der Patient im System mehr „Mittel zum Zweck“. Vor allem die Unübersichtlichkeit des Systems, Intransparenz und „verworrene Finanzströme“ werden von den Experten kritisiert. Oftmals ist es auch problematisch, dass zu viele Institutionen an der Betreuung der Patienten beteiligt seien. So kommt es insbesondere dann zu Problemen, wenn nicht eindeutig geklärt ist, ob eine Behandlung in den Bereich der gesetzlichen Pflege-, Unfall- oder Krankenversicherung zuzuordnen ist. Kommt es etwa infolge eines Unfalls zu einem Pflegebedarf, muss geklärt werden, wann die Unfall- und wann die Pflegeversicherung die Kosten für die Pflege erstattet und ob auch die Krankenversicherung für Behandlungen aufkommt. Gerade bei der Beantragung von Leistungen kann es für Patienten dadurch zu zermürbenden Wartezeiten kommen.

Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung ungewiss

Langfristig steht die gesetzliche Krankenversicherung ohnehin vor Problemen. Durch das sogenannte Umlageverfahren entstehen langfristig Finanzierungsprobleme bei der Krankenversicherung. Denn immer weniger junge berufstätige Menschen müssen nicht nur die eigene gesundheitliche Versorgung finanzieren, sondern zusätzlich auch die Gesundheitskosten von immer mehr älteren Menschen aufbringen. Dauerhaft bedeutet dies für gesetzlich Versicherte einerseits höhere Krankenversicherungsbeiträge. Andererseits werden zukünftig wahrscheinlich weitaus weniger Leistungen von der Krankenversicherung bezahlt. Im Rahmen des Bundestagswahlkampfs haben beispielsweise SPD und Grüne die Einführung einer solidarischen Bürgerversicherung vorgeschlagen, um diesem Problem zu begegnen. Mit der großen Koalition ist dieser Vorschlag jedoch vom Tisch. Abzuwarten bleibt, was sich unter Hermann Gröhe ändern wird, um diese Herausforderung zu bewältigen.

Probleme der privaten Krankenversicherung

Auch die private Krankenversicherung muss in der Studie Kritik einstecken. Laut  PremiumCircle gibt es erhebliche Leistungsdefizite in den verschiedenen Tarifen. Da es keine gesetzlichen Standards in Bezug auf den genauen Leistungsumfang gibt, werden durch die Werbung der Unternehmen in manchen Tarifen mehr Leistungen suggeriert als tatsächlich angeboten werden. Im Gegensatz zur gesetzlichen Krankenversicherung sind bei der privaten jedoch derzeit keine politischen Maßnahmen geplant. Zwar gab es im Rahmen der Koalitionsverhandlung Bestrebungen, die Mitnahme von Altersrückstellungen bei einem Anbieterwechsel innerhalb der privaten Krankenversicherung auch für langjährig Versicherte zu ermöglichen. Dieser Reformvorschlag hat es jedoch nicht in den Koalitionsvertrag geschafft.